Umstrittenes Wohnungsinventar

In Aeschi und Teuffenthal hat der Zweitwohnungsanteil die 20-Prozent-Marke durchbrochen. Zumindest nach den Zahlen des Bundesamtes für Raumentwicklung. Die betroffenen Gemeinden sehen das anders.

Die Gemeinde Aeschi weist laut dem Bundesamt für Raumentwicklung neu einen zu hohen Zweitwohnungsanteil auf. Die Gemeindeverantwortlichen sehen das anders.

Die Gemeinde Aeschi weist laut dem Bundesamt für Raumentwicklung neu einen zu hohen Zweitwohnungsanteil auf. Die Gemeindeverantwortlichen sehen das anders.

(Bild: Bruno Petroni)

Samuel Günter@samuel_guenter

Ende März verschickte das Bundesamt für Raumentwicklung (ARE) eine Medienmitteilung und sorgte dabei für Aufregung in vier Oberländer Amtsstuben. Erstmals veröffentlichte das ARE die Wohnungsinventare der Gemeinden. Auf dieser Grundlage lässt sich der Zweitwohnungsanteil bestimmen.

Gemäss den Zahlen des ARE liegt der Zweitwohnungsanteil in 422 von 2255 Schweizer Gemeinden über der Marke von 20 Prozent. In 66 Gemeinden ist diese Grenze neu überschritten worden. Auf der anderen Seite liegt der Zweitwohnungsanteil in 21 Gemeinden neu unter dieser Schranke (wir berichteten).

Im Berner Oberland gibt es für beide Fälle je zwei Beispiele. Laut dem ARE liegen Innertkirchen und Gündlischwand neu unter 20 Prozent, dafür Aeschi und Teuffenthal darüber. Die Nachfrage bei den betroffenen Gemeinden zeigt ein differenziertes Bild.

Widerstand in Aeschi

Die Gemeinde Aeschi reagierte nun mit einer Medienmitteilung. Demnach habe das ARE der Gemeinde mitgeteilt, dass der Zweitwohnungsanteil per Ende 2016 20,34 Prozent betrug. Dem widerspricht der Gemeinderat heftig. «Effektiv weist Aeschi einen Zweitwohnungsanteil von knapp 15 Prozent auf», heisst es in der Mitteilung.

Man habe den Zweitwohnungsanteil in den vergangenen Jahren stets gesenkt, da «fast ausschliesslich Erstwohnungen gebaut wurden». Als Folge davon sei die Einwohnerzahl Aeschis auch von 1900 im Jahr 2000 auf gut 2250 gestiegen.

Die Gemeinde weist daraufhin, dass das ARE leer stehende Wohnungen automatisch als Zweitwohnungen rechnet, auch wenn diese wegen eines Mieterwechsels nur kurz leer stünden. «Diese Auslegung entspricht sicherlich in keiner Weise dem Gedanken der am 11. März 2012 angenommenen Volksinitiative ‹Schluss mit dem uferlosen Bau von Zweitwohnungen›».

Die Gemeinde Aeschi habe die eingeräumte Frist von 30 Tagen genutzt und schriftlich beim ARE deponiert, dass der Zweitwohnungsanteil unter 20 Prozent ­liege. Gemeindeschreiber Lukas Berger geht davon aus, dass das Bundesamt die entsprechende Korrektur vornimmt und Aeschi den einschränkenden Regeln des Zweitwohnungsgesetzes entgeht.

Zuversicht in Teuffenthal

Ähnlich wie in Aeschi klingt es in Teuffenthal. «In Wirklichkeit liegen wir unter den 20 Prozent», erklärt die Verwaltungsangestellte Brigitte Schiffmann auf An­frage dieser Zeitung.

«Teuffenthal ist klein, wenn da schon nur zwei Wohnungen falsch gewertet werden, liegen wir über den 20 Prozent.»Brigitte Schiffmann, Verwaltungsangestellte

So habe das ARE bei Wohnungen ohne An­gaben angenommen, es seien Zweitwohnungen. «Das stimmt nicht immer», meint Brigitte Schiffmann. «Teuffenthal ist klein, wenn da schon nur zwei Wohnungen falsch gewertet werden, liegen wir über den 20 Prozent.»

Man werde sich nun genug Zeit lassen, um das Wohnungsinventar zu überprüfen, und dann eine Stellungnahme ans ARE verfassen. Wie Berger ist auch Bri­gitte Schiffmann zuversichtlich, dass die Überprüfung einen tieferen Zweitwohnungsanteil ergeben wird.

Überraschung in Innertkirchen

«Das Resultat hat uns überrascht», erklärt Innertkirchens Vizegemeindepräsident Hans Ulrich Moser. Er ist im Gemeinderat für das Thema zuständig. Man sei schon länger mit dem ARE in Kontakt wegen des Zweitwohnungsanteils, erklärt er. Wie Lukas Berger weist er darauf hin, dass es schwierig sei, zu definieren, was Zweitwohnungen seien.

«Gerade im Oberland haben viele Gemeinden auf ihrem Gebiet Alpwaidhütten. Diese sind oft spartanisch eingerichtet und nur mit einem längeren Fussmarsch zu erreichen. Sind das Zweitwohnungen?» Moser bestätigt, dass die Zuordnung von leer stehenden Wohnungen ein Problem sei.

«Wir haben zum Beispiel ein Objekt, dass zu völlig überhöhten Preisen angeboten wird und entsprechend schon lange leer steht, hier sprechen auch wir von einer Zweitwohnung.» Wenn ein Objekt aber während eines Mieterwechsels einen Monat leer stehe, mache dies keinen Sinn.

«In den letzten Gesprächen gab uns das ARE zu verstehen, dass wir die Regelungen zu stark zu unseren Gunsten auslegen würden.» Entsprechend war Moser überrascht, dass für das nun vorliegende Inventar das Bundesamt «anscheinend unsere Argumentation akzeptiert hat».

Moser weist aber auch darauf hin, dass man auf der ARE-Liste mit 19,93 Prozent nur ganz knapp unter der Limite ist. Entsprechend sei man gefordert, die Spielregeln gut zu überprüfen. «Etwa wenn jemand den Wohnraum ausbaut.»

Die Gemeinde Innertkirchen akzeptiere den Entscheid des ARE und könne so aus dem laufenden Verfahren, in dem Gemeinden stecken, die einen zu hohen Zweitwohnungsanteil haben, entlassen werden. «Allerdings wird es dann Ende 2017 wieder an uns sein, zu belegen, dass wir weiterhin unter den 20 Prozent sind.»

Wohnraum in Gündlischwand

Laut dem Bund ebenfalls neu knapp unter den 20 Prozent ist Gündlischwand mit 19,76 Prozent. Allerdings geht Gemeindeverwalterin Franziska Michel davon aus, dass der wahre Wert tiefer liegt. Sie weist darauf hin, dass in den letzten Monaten mehrere Mehrfamilienhäuser mit Erstwohnungen erstellt wurden.

Die Möglichkeiten der Gemeinde, den Zweitwohnungsanteil zu beeinflussen, sei begrenzt, meint Gemeindepräsident Peter Brawand. «Es ist aber so oder so im Interesse der Gemeinde, dass neuer Wohnraum als Erstwohnungen genutzt wird.» Da sich das positiv auf den Steuerertrag auswirke.

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