Zugunglück: Erinnerungen an einen schwarzen Tag

Thun

Heute vor 10 Jahren geschah das Unfassbare: Ein Dienstzug mit nicht funktionierenden Bremsen donnerte nach über 20 Kilometern Geisterfahrt in Dürrenast in stehende Bauzugwagen. Drei Menschen starben beim Unglück.

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Diese Bilder werde er sein Leben lang nie mehr vergessen. Das sagte ein Gleismonteur und Augenzeuge am Tag nach dem Zugunglück in Thun-Dürrenast gegenüber dieser Zeitung. Seit über 24 Stunden hatte er kein Auge mehr zugetan. Zu präsent, zu schockierend waren die Ereignisse dieses 17. Mai 2006, als um 3.20 Uhr ein Dienstzug der BLS mit nicht funktionierenden Bremsen in stehende Bauzugwagen krachte.

Die auf der Baustelle beschäftigten Arbeiter – unter ihnen der eingangs zitierte Gleismonteur – konnten sich rechtzeitig in Sicherheit bringen. Die drei Personen auf dem Unfallzug überlebten den heftigen Aufprall nicht.Was war geschehen? Diese Zeitung schrieb am 18. Mai 2006 von einem «wahren Horrorszenario». Ein Schienentraktor mit fünf Wagen, der sich nach Weichenarbeiten in Blausee auf der Rückfahrt befand, geriet nach Frutigen ausser Kontrolle.

Die Unfalluntersuchung ergab später, dass in Frutigen die Kupplungshahnen der Hauptluftleitung zwischen Schienentraktor und erstem Wagen geschlossen waren und die vorgeschriebene Bremsprobe nicht korrekt durchgeführt worden sein musste.

Der Zug passierte Einigen mit über 100 km/h

Die fatale Folge: Die Bremsen der Wagen hinter dem Traktor funktionierten nicht – und mit der Bremsleistung des Traktors allein konnte das Gefährt nicht mehr gestoppt werden. Unaufhaltsam rollte der Zug talwärts. Der Lokführer, der sich mit einem Berufskollegen und einem Arbeiter einer privaten Gleisbaufirma auf dem Zug befand, meldete ins Stellwerk Spiez, dass er den Zug nicht abbremsen könne.

Drei Fahrdienstleiter mussten unter grösstem Zeitdruck entscheiden, was zu tun war. Den Zug ins Simmental zu lenken, war aufgrund einer Baustelle nicht möglich – die Bauarbeiter hätten nicht rechtzeitig gewarnt werden können. Im Bahnhof Thun waren alle mit hoher Geschwindigkeit befahrbaren Geleise belegt. So wurde der Schienentraktor, der in Einigen eine Höchstgeschwindigkeit von über 100 Stundenkilometern erreichte, bewusst auf ein Gleis in Thun-Dürrenast geleitet, auf dem zwei Materialwagen standen.

Das reichte nicht aus, um den Unglückszug zu bremsen – er schob die beiden Materialwagen vor sich her und prallte 200 Meter weiter mit voller Wucht in einen stehenden Bauzug. Die drei Personen auf dem Unglückszug hatten keine Chance: Zwei Opfer fanden die Retter beim ersten Aufprallort, eines im Bereich der Kollision mit dem Bauzug. Es war das schwerste Zugunglück in der Schweiz seit 12 Jahren.

«Bestmögliche Lösung in aussichtsloser Situation»

Von einem «mutigen Entscheid», den die Fahrdienstleiter gefällt hatten, sprach Stunden nach dem Unglück ein sichtlich bewegter Mathias Tromp. Der im April 2016 verstorbene Tromp war damals BLS-Direktor. Walter Flühmann, zu jener Zeit für den Betrieb zuständig und als Leiter Krisenmanagement tätig, erklärte: «Die drei Männer im Stellwerk hatten nur rund acht Minuten Zeit, um über das weitere Vorgehen zu entscheiden.» Er könne nur betonen, dass er bei dieser ­Situation keine Alternative zum getroffenen Entscheid sehe.

Aufgrund ihrer Kenntnisse und der Vorschriften hatten die Fahrdienstleiter zweckmässig gehandelt – zu diesem Schluss kam die 2 Jahre dauernde Untersuchung des Unglücks. Die Fahrdienstleiter hätten «in der kurzen und hektischen Zeit die bestmögliche Lösung in einer aussichtslosen Situation» gesucht. Untersuchungsrichter und Staatsanwalt folgerten aus diesen Ergebnissen, dass keine Strafverfolgung zu eröffnen sei.

Thuner Tagblatt

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