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Steigerungspotenzial eindrücklich genutzt

Die halbszenische Aufführung von Bizets Oper «Carmen» löste nach eher verhaltenem Beginn am Schluss im vollbesetzten Festival-Zelt Gstaad echte Erschütterung aus.

Erich Binggeli
Mord aus Eifersucht: Don José (Marcelo Alvarez) bringt seine Carmen (Gaëlle Arquez) mit einem Messer um.
Mord aus Eifersucht: Don José (Marcelo Alvarez) bringt seine Carmen (Gaëlle Arquez) mit einem Messer um.
zvg/Raphael Faux
Die Oper Carmen wurde am Samstagabend im Gstaader Festivalzelt halbszenisch aufgeführt.
Die Oper Carmen wurde am Samstagabend im Gstaader Festivalzelt halbszenisch aufgeführt.
zvg/Raphael Faux
Das Hauptpaar erntet mit Dirigent Marco Armiliato Applaus.
Das Hauptpaar erntet mit Dirigent Marco Armiliato Applaus.
zvg/Raphael Faux
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Es ist kaum zu glauben, dass Bizets «Carmen» bei der Uraufführung 1875 in der Pariser Opéra Comique auf eher kühle Reaktionen stiess. Sicher, im Jahr 2019 mutet das dort geschilderte Frauen-, Männer- und Zigeunerbild eher überholt an. Aber: Dem Zauber dieser unglaublich eingänglichen Melodien, dieser dramatischen Stringenz und dieser menschlichen Tragik kann man sich auch heute nicht entziehen.

Dies war im vollbesetzten Festival-Zelt Gstaad genauso, besonders nach der Pause. Zuvor hatte man bereits dankbar festgestellt, dass die halbszenische Inszenierung (von unbekannter Hand) auf Regietorheiten verzichtete und stattdessen die Geschichte so erzählte, wie sie gemeint war. Die fächerartigen Projektionen stützten die Atmosphäre ebenso wie die klugen Beleuchtungseffekte und die passenden Kostüme.

Zu loben gab es im ersten Teil auch sonst bereits so manches: Der italienische Dirigent Marco Armiliato leuchtete mit seinem hellwachen, sehr präzisen Gestalten die Partitur in all ihren Facetten aus. Mit dem Orchester der Oper Zürich, der Philharmonia Zürich, stand ihm ein Klangkörper von Format zur Verfügung. Da wurde ebenso schlackenlos wie geschmeidig musiziert, da gelangen die lyrischen Stellen ebenso expressiv wie die vitalen Ausbrüche.

Viel weiteres Lob

Ein grosses Lob erspielten und ersangen sich auch der rührige Kinderchor der Maîtrise du Conservatoire Populaire de Genève und der oft glanzvolle, dynamisch fein gestufte Philharmonische Chor der Oper Brno. Und schliesslich muss man ebenfalls den kleineren Rollen nicht nur ein Kränzchen, sondern einen veritablen Kranz winden: Alexander Kiechle und Dean Murphy überzeugten als vokal ergiebige Vertreter des Militärs, Uliana Alexyuk und die Einspringerin Kristina Stanek als in jeder Beziehung hochpräsente Kumpaninnen Carmens und Manuel Walser sowie Omer Kobiljak als tenoral durchschlagskräftiges Schmugglerpaar.

Einen Zacken zugelegt

Das Protagonisten-Quartett legte im zweiten Teil fast durchwegs noch einen Zacken zu: Julie Fuchs debütierte als jugendlich-frische Micaëla mit glockenhellem Sopran und berührendem Ausdruck. Luca Pisaroni war ein typengerechter Stierkämpfer Escamillo, der seine heikle Partie mit kernigem Bariton in allen Lagen meisterte.

Die Französin Gaëlle Arquez liess es als Carmen weder an verführerischer Körpersprache und Rasse noch an gesanglicher Souveränität fehlen. Und wie sie am Schluss Don José eiskalt abblitzen liess, das ging unter die Haut. Am eindrücklichsten steigerte sich aber der argentinische Tenor Marcelo Alvarez: Wirkte sein Don José zu Beginn noch etwas gar forteverliebt, so fand er ab der Blumenarie zu immer mehr Nuancen und löste am Schluss mit gesanglichem, physischem und seelischem Totaleinsatz echte Erschütterung aus.

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