So sieht das Schulzimmer der Zukunft aus

Viele Gemeinden investieren in hochwertige ICT-Infrastruktur an Schulen. In Ringgenberg zum Beispiel sind sämtliche Schüler ab der 5. Klasse seit kurzem mit einem persönlichen Laptop ausgerüstet.

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«Alle Schulen ans Telefon», lautete die Parole hierzulande in den Fünfzigern. Etwa fünf Jahrzehnte später gab es ein neues unerhörtes Gebot der Stunde: «Alle Schulen ans Internet.»

Im pädagogischen Grundsatz hat sich der Auftrag der Volksschule in der Zwischenzeit kaum geändert. Bis heute lautet er gleich: Klein Hansli lernt die Grundlagen für sein späteres Berufsleben. Auch Lehrpersonen arbeiten nach einem Grundsatz. Im Kanton Bern hat ihn die Erziehungsdirektion mal mit den Stichworten «Unterrichten, Erziehen, Beraten und Begleiten» zusammengefasst.

Verändert haben sich aber die technischen Möglichkeiten. Die Schulen sind nicht nur längst am Internet; die Schüler tragen heutzutage den Zugang zum World Wide Web in Form des Handys bequem «auf Mann», in der eigenen Hosentasche.

Und bald auch im Schulsack, wenn es nach den Behörden in Ringgenberg geht. «ICT-Konzept Schule Ringgenberg – offizielle Hardware-Übergabe», lautete der Titel einer Medienmitteilung von letzter Woche. Die Gene­ration, die noch den vom Katheder herunterpredigenden Schulmeister erlebt hat, kommt bei solchen Begriffen vielleicht nicht ganz mit. ICT ist die Abkürzung des englischen Ausdrucks für ­Informations- und Kommunikationstechnik. Hardware wiederum ist, grob zusammengefasst, all das, was man im Zusammenhang mit Computern anfassen kann.

Laptop und Tablet in einem

In diesem Fall sind Laptops gemeint (auch Notebook genannt). 160 Exemplare dieser trag- und zusammenklappbaren Computer hat die Schule Ringgenberg kürzlich angeschafft. «Den politischen Behörden von Ringgenberg ist es wichtig, den Schülern, aber auch den Lehrpersonen eine zeitgemässe Infrastruktur zur Verfügung zu stellen», begründet Gemeinderat und Schulkommissionspräsident Hans Schmocker. Und: «Die rasante Entwicklung im Bereich ICT zwingt die Gemeinden, innovative und finanzierbare Lösungen zu suchen und den Schulen diese Mittel früh­zeitig und in unterschiedlichen Unterrichtsformen zur Verfügung zu stellen.»

Die angeschafften Laptops entstammen der neuesten Generation der Firma HP: Die sogenannten Convertible-Modelle lassen sich mittels Scharnier ganz einfach zu einem Tablet mit Touchscreen umfunktionieren. Neben der Lehrerschaft wurden sämtliche Schüler ab der fünften Klasse auf Leihbasis mit einem persön­lichen Gerät ausgerüstet.

Druck auf die Eltern

An der Schule Ringgenberg, die auf sämtlichen Stufen Real- und Sekundarschulniveau unterrichtet, gehören die Computerbildschirme auf den Schülerpulten ab sofort zum Alltag. «Wir wollen die heutigen technischen Möglichkeiten nutzen», sagt Iwan Grossniklaus. Er ist Vizepräsident der Schulkommission und Ansprechpartner für die technischen Belange in der ICT-Arbeitsgruppe, die sich letztes Jahr extra für dieses Projekt gebildet hat. «Die Idee ist, dass die Schüler mit diesen Geräten online Informationen zusammentragen können, aber auch für Vorträge lernen, Texte schreiben oder Sprachen lernen können.»

Somit kommt der Computer im Schulunterricht auch ausserhalb des Fachs Informatik zum Einsatz (siehe Interview unten). Beispiel Französischunterricht: «Wörtli lehre» mit dem «Bonne chance»-Lexique – das war einmal. «Mille feuilles» heisst das neuzeitliche Lernmittel, mit dem die Schüler seit 2011 Französisch pauken. Und dieses Produkt setzt neben Büchern in Papierform auch auf den Lernprozess in der multimedialen Welt. Gemäss der Elternbroschüre erhält jedes Kind seine eigene CD-ROM, auf der sich Audioaufnahmen, Lernsoftware und Filme befinden. Das selbstständige Arbeiten mit dieser CD steigere Lernmotivation wie Lernerfolg und würde von vielen Kindern als sehr positiv erlebt, schreiben die Autoren. Und wenden sich mit einem imperativ ­angehauchten Wunsch an die Eltern: «Gewähren Sie Ihrem Kind wenn möglich den Zugang zu einem Computer. Ermutigen Sie es, die multimedialen Inhalte zu nutzen.»

In diesem Sinn werden die Eltern von den Lehrmitteln auch unter Druck gesetzt. «Mit unserem Konzept können wir die ­Eltern unserer Schüler von diesem Druck entlasten», sagt Iwan Grossniklaus. Allerdings bleibt es noch immer Sache der Eltern, ob ihre Kinder die Geräte mit nach Hause nehmen oder nicht. Wenn sie dies tun, haben sie eine Kaution von 150 Franken für den Heimgebrauch zu entrichten. Dass die Geräte auch zu Hause zum Einsatz kommen, ist klar der Wunsch der Arbeitsgruppe. Die Geräte werden an einer Ladestation im Klassenzimmer regelmässig mit Strom versorgt. «Die geladenen Laptops haben Platz in der Schultasche, und dieser Platz soll auch genutzt werden», so Grossniklaus.

Die Mitglieder der Arbeitsgruppe sind sich bewusst, dass die virtuelle Welt – insbesondere das Internet – für Jugendliche auch Gefahren birgt. Ein Prä­ventionsworkshop, der für alle Siebtklässler obligatorisch ist, soll diesem Problem Abhilfe ­verschaffen. «Wenn die Kinder übers Internet Unfug anstellen, liegt die Verantwortung aber noch immer bei den Eltern», sagt Hauptschulleiterin Caroline Stähli-Zwahlen. Daran würden auch die schuleigenen neuen Laptops nichts ändern.

Neue Server-Infrastruktur

Dass die Laptops auch in Sachen Software auf dem heutigen Stand sind, versteht sich von selbst. Sie laufen mit dem Windows-10-Betriebssystem und sind mit sämtlichen notwen­digen Lehrmittelprogrammen ausgerüstet. Darüber hinaus geniessen die Schüler die Vorzüge einer Mailbox mit einem Fassungsvermögen von 50 Gigabyte. Im gleichen Zug hat die Schule Ringgenberg übrigens ihre ­Netzwerk- und Serverinfrastruktur erneuert. Die bestehenden Daten- und Mailserver zu ­ersetzen, hätte Kosten im Rahmen von mehreren 10 000 Franken ausgelöst. «Da dieser Ersatz in Abständen von etwa fünf Jahren wiederkehrend ist, wurde entschieden, diese Speicherkapazitäten extern zu beziehen», begründet die Arbeitsgruppe ihr Vorgehen.

Die Lösung: Das Produkt ­Office 365 von Microsoft. Damit lagert die Schule ihre Daten nicht mehr in summenden, blinkenden und Elektrosmog produzierenden Wandschränken auf dem Schulgelände, sondern übers Internet im virtuellen ­Irgendwo. Das Prinzip wird Cloud (Wolke) genannt. «Damit diese Lösung im Alltag funktioniert, wurde in Zusammenarbeit mit einem regionalen Dienstleister die Netzwerkinfrastruktur überprüft, erneuert und op­timiert.» Dazu gehört auch ­flächendeckender Wireless-Internetzugang auf dem Schul­gelände. Dies alles kostet die Schule Ringgenberg einmalig 16'000 Franken.

Zukunftsmusik

Die Laptops wiederum haben wiederkehrende Kosten zur Folge: 2400 Franken pro Monat während einer Laufzeit von fünf Jahren, was also rund 144'000 Franken entspricht (zusätzlich zu einmaligen 5000 Franken für die Inbetriebnahme der Geräte). Einen Kredit in dieser Grössenordnung haben Ringgenbergs Stimmbürger letzten Oktober ohne Gegenstimme genehmigt.

Überhaupt sei das Feedback von Gemeindebürgern, insbesondere von Eltern, bisher durchwegs positiv, sagt Hans Schmocker. «Der springende Punkt ist wohl, dass wir die Eltern davon entlasten, ihr Kind mit einem Gerät auszurüsten – was wiederum immer mehr als Pflicht angesehen wird. Zudem wird durch diese einheitliche Lösung die Chancengleichheit für alle Schüler garantiert.»

Laut Iwan Grossniklaus würden die heutigen technischen Variationen auch mit dem neuen Konzept noch nicht vollständig genutzt. «Virtuelle Klassenzimmer, Fernunterricht über Skype – das wäre alles möglich», sagt er. Man würde dies aber nicht aktiv pushen – somit bleibt dies auch für die Schule Ringgenberg noch Zukunftsmusik. Fragt sich nur: Wie lange noch?

Berner Oberländer

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