So gross ist das Wohlstandsgefälle im Oberland heute

Oberland

Wie ist der Wohlstand im Berner Oberland verteilt? Ziemlich ungleich. Das wird bei einer Durchsicht der kantonalen Statistiken klar.

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Mathias Born@thisss

Es herrschte bittere Armut: Ge­gen Ende des 19. Jahrhunderts zogen viele Menschen aus den Tälern des Berner Oberlands weg, um in den Städten oder sogar ennet des Atlantiks ein besseres Leben zu suchen. Die Zeit, in der ein grosser Teil der Bevölkerung ums Überleben kämpfen musste und es kaum Sozialwerke gab, ist glücklicherweise passé. Doch wie wohlhabend sind die Menschen im Oberland heute? Und wie gross sind die regionalen Unterschiede? Einige Hinweise dazu sind in den Daten zu finden, die der Kanton Bern gesammelt hat.

Mit wenig Geld auskommen müssen wohl Menschen in Gegenden, in denen es wenig zu verdienen gibt. Gemäss den Daten, die das Forschungsinstitut BAK Economics erhoben hat, wurde über die Hälfte der Bruttowertschöpfung 2016 im grossen, dicht besiedelten Mittelland erzielt. Thun steuerte 7 Prozent bei, Interlaken-Oberhasli 4, Frutigen-Niedersimmental 2,5 und Obersimmental-Saanen 1,5 Prozent.

Wer verdient wie viel?

Detaillierte Angaben zum Einkommen gibts im statistischen Atlas des Kantons: Der durchschnittliche Berner Steuerzahler hatte 2015 ein Einkommen von 51'268 Franken. Mit 47'623 Franken lag das Oberland 3645 Franken unter dem Kantonsdurchschnitt. Doch es gibt ein Gefälle: In Saanen verdienten die Steuerzahler durchschnittlich 74'203 Franken, in Hilterfingen 67'483, in Oberhofen am Thunersee 66'118 Franken. In Eriz hingegen brachten sie nur 35'939 Franken heim, in Horrenbach-Buchen 35'902, in Teuffenthal 34'520, in Saxeten 32'641 Franken.

Bei den Vermögen sieht es ähnlich aus: Eine normale Steuerzahlerin oder ein Steuerzahler hat in Saanen 652'475 Franken auf der hohen Kante, in Gsteig 540'759, in Oberhofen 473'908 und in Hilterfingen 424'495 Franken. Wenig Reserven haben die Steuerzahler aus Gündlischwand (116'004), Stocken-Höfen (105'868), Lütschental (102'353) und Saxeten (85'509 Franken). Zum Vergleich: Der durchschnittliche Berner Steuerzahler hat laut den Zahlen aus dem Jahr 2015 ein Vermögen von 215'038, der Berner Oberländer eines von 202'841 Franken.

Wenig Arbeitslose

Gemäss den Zahlen des Staatssekretariats für Wirtschaft liegt die Arbeitslosenquote im Oberland tiefer als in fast allen anderen kantonalen Verwaltungskreisen. Der Kanton publiziert auch Arbeitslosenzahlen für einzelne Gemeinden – allerdings längst nicht für alle. Die tiefsten Arbeitslosenquoten hatten 2014 bis 2017 im Durchschnitt Buchholterberg, Bönigen und Uttigen, die höchsten Thun, Interlaken und Lauterbrunnen.

Arm ist wohl, wer auf Sozial­hilfe angewiesen ist. Der Kanton Bern hat vor wenigen Wochen Daten zu den Bezügen von 2014 bis 2016 publiziert. Auffallend ist, dass die Sozialhilfequote im Oberland – ausser in Thun – unter dem Kantonsdurchschnitt liegt, teilweise weit darunter: Tiefer als im Obersimmental (28 Prozent des Kantonsdurchschnitts) und im Saanenland (31 Prozent) liegt sie nirgends.

Arm ist wohl, wer im Alter auf Ergänzungsleistungen angewiesen ist. Gemäss den entsprechenden Daten des Kantons ist der Anteil der Personen, die Ergänzungsleistungen beziehen, in Saxeten besonders hoch. Von den grösseren Gemeinden mit über 1000 Einwohnern gibts in Bea­tenberg, Boltigen, Diemtigen und Thun prozentual am meisten ­Bezüger von Ergänzungsleistungen; in Saanen, Grindelwald und Thierachern am wenigsten.

Doch wann gilt man in der Schweiz als arm? Dann, wenn man nicht über das Geld verfügt, um alles für ein gesellschaftlich integriertes Leben Nötige zu erwerben. Laut dem Bundesamt für Statistik waren im Jahr 2015 7 Prozent der Wohnbevölkerung von Einkommensarmut betroffen. Wie genau die Armutsschwelle berechnet werden soll, wird in der Fachwelt indes immer wieder diskutiert.

Einen Beitrag haben die Universität und die Fachhochschule Bern im Rahmen des Forschungsprogramms «Ungleichheit der Einkommen und Vermögen in der Schweiz» geleistet: Sie haben zwei Berechnungsmöglichkeiten anhand von Steuerdaten verglichen. Je nach Berechnung gelten 12,3 oder 6,6 Prozent der Einwohner von Saxeten als arm. Hier gehts zum Bericht.

Berner Oberländer

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