Skilager: Noch keine Trendwende

Seit Initiierung des Vereins Schneesportinitiative zeigt die Anzahl der Schneeportlager und -tage leicht nach oben. Weil diese aber nicht obligatorisch sind, steht und fällt die Organisation mit dem Engagement der Lehrkräfte.

Snowboarden an der Lenk: Hier verfügt die Schneesportinitiative über mehrere Lagerhäuser.

Snowboarden an der Lenk: Hier verfügt die Schneesportinitiative über mehrere Lagerhäuser. Bild: Juerg Mueller/Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Sie stehen vor der Türe: die Schneesportlager. Sie sollen bei Kindern und Jugendlichen die Freude am Schneesport wecken – sodass sie später als Erwachsene auch in die Sportferien gehen. Kurz: Den «Nationalsport» fördern. Seit Jahren scheinen die Zahlen auf tiefem Niveau zu sein. Ein möglicher Grund: Die Lager sind nicht in allen Kantonen obligatorisch, die Kantone machen den Gemeinden keine Vorschriften.

«Die Skilager und Landschulwochen werden in der Kompetenz und Verantwortung der Schulen und ihren Gemeinden durchgeführt», erklärt Erwin Sommer von der Erziehungsdirektion des Kantons Bern. Die Organisation läuft also über die einzelnen Schulen, viel hängt von der Motivation der Lehrkräfte ab.

Organisation vereinfachen

Hier kommt die Schneesportinitiative ins Spiel: 2014 riefen Bund, Kantone und private Verbände den Verein Schneeportinitiative Schweiz ins Leben (siehe Kasten «Schneesportinitiative»). «Mit All-inklusive-Angeboten wollen wir die Hemmschwelle des hohen Organisationsaufwandes bei den Lehrpersonen abbauen und eben auch Preise bieten, die in jedes Schul- und Elternbudget passen», erklärt Ole Rauch, Geschäftsführer des Vereins. Dies auch nach dem aktuellen Bundesgerichtsentscheid. Dieser verlangt, dass die Schulen für Ausflüge und Lager von ­Eltern pro Tag maximal 16 Franken Kostenbeteiligung verlangen dürfen (siehe Kasten «Bundes­gericht»).

Im Berner Oberland verfügt der Verein über total neun Anbieter an der Lenk, in Interlaken, in Adelboden und in Mürren. Im nächsten Jahr werden mindestens sechs neue dazukommen – im Saanenland, am Hasliberg und in Kandersteg.

«Die Schneesportlager und -tage sind in den letzten zehn Jahren sicher zurückgegangen.»Ole Rauch, Geschäftsführer Verein Schneesportinitiative

Die Initiative zeige erste Früchte, sagt Ole Rauch. «Wir haben die Anzahl Schüler, denen wir schweizweit ein Schneesportlager vermittelt haben, von der Saison 2015/2016 von knapp 1500 auf 3000 in der Saison 2016/2017 gesteigert.» In der aktuellen Saison hätten bereits über 5000 Kinder an einem der Lagerangebote teilgenommen. 34 Lager für Schulen aus dem Kanton Bern hat der Verein letzte Saison vermittelt – für rund 1000 Schüler. Umgekehrt seien 27 Schneesportlager ins Berner Oberland vermittelt worden.

Einen weiteren Anhaltspunkt, dass der Schneesport bei Kinder und Jugendliche wieder auf dem aufsteigenden Ast ist, liefern die angemeldeten Jugend+Sport-Lager (J+S). Im Kanton Bern stieg die Anzahl Schneesportlager von 261 (2013) auf 277 (2016). Die Anzahl Teilnehmer stieg im gleichen Zeitraum von 10'031 auf 10'603 Kinder. «Der leichte Aufschwung bei der J+S-Statistik ist aber mit Vorsicht zu geniessen. Das kann auch eher eine zufällige Veränderung sein», bremst Rauch die Euphorie.

Der Verein glaube zwar, auf dem richtigen Weg zu sein, aber ob jetzt schon eine Trendwende erreicht ist, sei noch nicht definitiv zu sagen. Einzig die Verkaufszahlen von Skitickets in der Schweiz und die Rückmeldungen aus den Skidestinationen gäben Hinweise darauf, wie sich die Schneesportlager und -tage entwickelten. Rauch: «Diese sind in den letzten zehn Jahre sicher zurückge­gangen.»

Tage statt Lager

Je näher am Skigebiet, desto weniger Lager? Viele Schulen im Oberland organisieren keine Lager, sondern einen Schneesporttag. So auch Interlaken. «Wir haben keine Schneesportlager mehr. In der Sekundarstufe 1 gibt es einen Wintertag, wo die Schüler Ski fahren, Snowboarden oder Schlitteln», so Monika Straub, administrative Schulleitung Interlaken.

Was der Bundesgerichtsentscheid für eine Auswirkung auf diesen Wintertag hat, kann Straub noch nicht sagen. «Wir prüfen den Entscheid erst noch in der Geschäftsleitung.» Aber bei einer knallharten Umsetzung würde das wohl sämtliche Budgets der Schulen sprengen, sagt Straub.

«Die Schneesportlager sind für viele Jugendliche die einzige Woche im Jahr, die sie dem Schneesport widmen.»Marc Ungerer, Geschäftsführer Jungfrau-Region Tourismus AG

Ähnlich tönt es in Steffisburg: «Sollte der Entscheid im Kanton Bern eisern durchgezogen werden, würde dies das Ende unserer Lager bedeuten», sagt Prisca Loosli, Leiterin Bildung. Denn eine Finanzierung der Lager durch die Gemeinde sei nicht realistisch, dies würde das Budget bei weitem sprengen.

In Steffisburg ist das Schneesportlager obligatorisch, «wir organisieren seit vielen Jahren eines für alle Klassen im 8. Schuljahr». Dies in den Flumser Bergen SG und in Leysin VD. «Wir reisen in andere Kantone, weil wir mit 120 bis 150 Kinder ein genügend grosses Lagerhaus brauchen, das wir so im Berner Oberland nicht mehr haben.» Bis vor zwei Jahren reiste ein Teil jeweils an den Hasliberg, dort sei aber das Lagerhaus nicht mehr in der gewünschten Woche verfügbar.

Kreativität ist gefragt

Bei der Ansetzung der Wintersportwochen sieht denn auch Urs Pfenniger, Direktor Tourismus Adelboden-Lenk-Kander­steg AG am meisten Potenzial. Er ist sich über die Wichtigkeit der Schneesportlager im Klaren: «Es handelt sich im klassischen Sinne um ‹Nachwuchsförderung›.» Den Bundesgerichtsentscheid nimmt Pfenniger sportlich: «Er fördert unsere – zusammen mit den Partnern – Kreativität bei der Realisierung solcher Lager».

«Die Schneesportlager sind für viele Jugendliche die einzige Woche im Jahr, die sie dem Schneesport widmen», sagt Marc Ungerer, Geschäftsführer der Jungfrau-Region Tourismus AG. «Die Lager bleiben ein wichtiges Standbein für den Tourismus.» Beide Organisationen arbeiten eng mit der Schneesportinitiative zusammen. (Berner Oberländer)

Erstellt: 09.02.2018, 19:17 Uhr

Schneesportinitiative

Der Verein Schneesportinitiative Schweiz wurde im Mai 2014 gegründet, «damit die Schneesportaktivitäten an Schulen in der Schweiz wieder stärker ­gefördert werden», so Geschäftsführer Ole Rauch. Aushängeschild ist Präsidentin Tanja Frieden, Olympiasiegerin im Snowboardcross 2006. Es gehe bei der Initiative sowohl um Schneesporttage als auch Schneesportlager. Der Verein wurde von Bund, Kantonen und privaten Verbänden aus Tourismus, Schneesport-Industrie und Seilbahnen gegründet und wird auch von diesen finanziert. Der Verein ist eine Non-Profit-Organisation.

Auf der Plattform Go Snow werden den Lehrpersonen fixfertig organisierte und preislich attraktive Schneesportlager und -tage angeboten. So soll die Organisation vereinfacht werden und damit das «Schweizer Kulturgut Schneesport» erhalten werden.

Aktuell bietet der Verein Schneesportinitiative Schweiz laut Geschäftsführer Ole Rauch im Berner Oberland All-Inklusive-Pakete mit folgenden Partnern an: Mountain Lodge Backpacker, Mountain Lodge Camp 1 bis 3, Berghotel Leiterli, Kuspo, Snow Beach Lodge (alle Lenk), Balmers Hostel (Interlaken), Hari’s Chalets (Adelboden), Sportchalet, Mountain Hostel (beide Mürren-Schilthorn). Ab nächster Saison werden die Jugendherberge und drei weitere Gruppenunterkünfte in Schönried, Saanenmöser und Gstaad wieder mit dabei sein. Kandersteg macht ebenfalls mit, speziell auch für Langlauflager. In Hasliberg fehle es etwas an Gruppenhäusern, aber die Bereitschaft sei da. ngg

www.go-snow.ch

Bundesgericht

Ende Dezember hob das Bundesgericht in Lausanne zwei Regelungen im Volksschulgesetz des Kantons Thurgau auf. Diese sahen vor, von Eltern unter anderem eine Kostenbeteiligung für schulische Pflichtveranstaltungen erheben zu können. Die Bestimmungen seien mit dem verfassungsmässigen Anspruch auf ausreichenden und unentgeltlichen Grundschulunterricht nicht zu vereinbaren. Auch bei Lager, sofern diese obligatorisch sind. Daraus ergebe sich auch, dass alle notwendigen und unmittelbar dem Unterrichtszweck der Grundschule dienenden Mittel unentgeltlich zur Verfügung gestellt werden müssen. Eltern dürften dafür nur Kosten in Rechnung gestellt werden, die sie wegen der Abwesenheit der Kinder einsparen – also die Verpflegungskosten. Diese betragen – je nach Kind – 10 bis 16 Franken pro Tag.

Für den Kanton Bern, wo die Erziehungs­direktion bisher Elternbeiträge zwischen 20 und 30 Franken empfohlen hatte, käme dies einer Kürzung von bis zu 50 Prozent gleich. Laut Erziehungsdirektor Bernhard Pulver hätten aber noch keine Schulen das aktuelle Skilager abgesagt. Für ihn lässt der Entscheid des Bundesgerichts auch Interpretationsspielraum zu. «Der Entscheid ist vage formuliert», sagt er. Es handle sich bei der Vorgabe des Bundesgerichts mehr um eine Grössenordnung. Um den Schulen und Gemeinden die Unsicherheit zu nehmen, wird die Berner Erziehungsdirektion in Kürze ein Merkblatt herausgeben. «Das Risiko für Über­reaktionen ist im Moment sehr gross», sagt Pulver. Das Merkblatt soll verhindern, dass Gemeinden aus Angst vor höheren Kosten die kommenden Skilager absagen. ngg/abe

Artikel zum Thema

Skifahren macht mir keine Freude

Unsere ­Autorin schwor dank Peter Bichsel dem Skifahren ab. Und dann landete sie doch wieder im ­Skitrubel. Gedanken zu einem ­schweizerischen ­Grundproblem. Mehr...

Wie viel kosten Skilager die Eltern?

Ein Bundesgerichtsentscheid schlägt hohe Wellen: Mit wie viel Geld müssen sich Eltern künftig an Anlässen wie einem Skilager beteiligen? Mehr...

Immer weniger Lehrer fahren Ski

Die Durchführung der Skilager steht immer wieder auf der Kippe. Sei es wegen des damit verbundenen Mehraufwands oder aus finanziellen Gründen. Und neuerdings auch, weil weniger Lehrkräfte Ski fahren können. Mehr...

Kommentare

Die Welt in Bildern

Eiskalter Senkrechtstart: Der Extrembergsteiger und Mammut Athlet Dani Arnold eröffnet im Februar 2018 eine neue Eiskletter-Route in den weltbekannten kanadischen Helmcken Falls in British Columbia.
(Bild: Thomas Senf) Mehr...