«Sie wissen nie, was Sie erwartet»

Spiez

Seit 20 Jahren setzt sich die Schweizer Armee für die humanitäre Minenräumung ein. Aus diesem Grund lud sie zum Jubiläumsanlass mit Ausstellung, Podiumsdiskussion und Rede von Bundesrat Guy Parmelin ein.

In diesen Gegenständen können sich versteckte improvisierte Sprengsätze befinden.

In diesen Gegenständen können sich versteckte improvisierte Sprengsätze befinden.

(Bild: Irina Eftimie)

«Gerne wäre ich heute, zum 20-Jahr-Jubiläum, der Bote einer frohen Botschaft: Wir waren fleissig und aktiv, wir haben gut gearbeitet, und die Arbeit ist nun getan. Lasst uns feiern», sagte Bundesrat Guy Parmelin, Chef des Eidgenössischen Departements für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport, am Samstag in seiner Rede zum 20-jährigen Bestehen des Engagements der Schweizer Armee in der humanitären Minenräumung.

«Immerhin sind heute 29 der ursprünglich 80 betroffenen Staaten minenfrei. Doch Sie wissen es, die Arbeit ist noch nicht getan.» Um auf die letzten 20 Jahre humanitärer Arbeit und die Entwicklungen in dieser Zeit zurückzublicken, lud die Schweizer Armee zu einem Jubiläumsanlass ins Kompetenzzentrum ABC-Kamir nach Lattigen bei Spiez ein.

Neben Reden von Bundesrat Parmelin und Brigadier Stefan Christen, Kommandant des Lehrverbands Genie/Rettung/ABC, standen auch eine Podiumsdiskussion, eine Filmpräsentation und die Besichtigung einer Ausstellung zur Minenräumung auf dem Plan.

Zivilbevölkerung als Ziel

Die Expertinnen und Experten in der humanitären Minenräumung stünden heute vor Herausforderungen, die man sich vor einigen Jahren noch gar nicht hätte vorstellen können, sagt Guy Parmelin in seiner Rede. «Über eine lange Periode sind die Opferzahlen gesunken», sagt er.

Bundesrat Guy Parmelin zeigte sich betroffen von der Entwicklung der Opferzahlen. Foto: Irina Eftimie

«Doch seit 2016 verzeichnen wir wieder Zahlen wie vor über 20 Jahren. Das ist beunruhigend und macht mich betroffen.» Grund dafür sei, dass in Konfliktgebieten die Zivilbevölkerung nun zum erklärten Ziel werde.

Um möglichst viel Schaden anzurichten werden in den Trümmern versteckte Bomben eingesetzt. Dabei handelt es sich oft um sogenannte «Improvised Explosive Devices», die die Arbeit der Expertinnen und Experten unheimlich erschweren. «Weil wir keine oder fast keine Kenntnisse über die Baupläne dieser selbst hergestellten Sprengsätze haben, müssen unsere Räumequipen ein beträchtliches Risiko eingehen», erklärt Parmelin.

«Sie wissen also nie, was sie erwartet.» In den Trümmern kann nämlich nicht, wie in herkömmlichen Minenfeldern, mit einem Metalldetektor gesucht werden, da sich darunter zu viel anderes Metall befindet. In dem während des Anlasses vorgestellten Film vom Zentrum Elektronische Medien wurde ebenfalls gezeigt, dass Gruppen wie der Islamische Staat Bomben gerne in Alltagsgegenständen verstecken, die dann von ahnungslosen Menschen aktiviert werden.

Allrounder gesucht

«Die Minenräumung hat einen bestimmten Zweck, und zwar muss sie in den Friedensprozess miteinbezogen werden», sagt Alt-Botschafter Jürg Streuli, Präsident des Stiftungsrats der Fondation Suisse de Déminage», in der Podiumsdiskussion. «Wir müssen den Flüchtlingen die Möglichkeit geben, zurück in ihre Häuser zu gehen, und es muss die wirtschaftliche Entwicklung möglich gemacht werden.»

«Die Minen­räumung hat einen bestimmten Zweck, und zwar muss sie in den Friedens­prozess miteinbezogen werden.»Jürg Streuli, Alt-Botschafter

Um dies in die Tat umzusetzen, brauche es aber viel Zeit und Geld, denn in vielen Gebieten sind zum Beispiel Bewässerungsanlagen zerstört und müssen ersetzt werden. «Minenräumung ist also nur der Anfang einer Befriedung.» Aus diesem Grund sei man in der humanitären Minenräumung nicht nur auf spezialisierte Mitarbeitende angewiesen, sondern vor allem auf Allrounder.

«Wir brauchen Allrounder, die eine Sensibilität haben für die humanitäre Hilfe. Wir brauchen Leute, die sprachlich versiert sind, die kommunikativ sind, die auch didaktisch etwas rüberbringen können und gleichzeitig auch Spezialisten sind, die taktische und technische Lösungen für die Problematik umsetzen können», sagt Brigadier Stefan Christen.

Und Botschafter Stefano Toscano, Direktor des Genfer Minenzentrums GICHD, fügt hinzu: «Es braucht die Kooperation und den intensiven Kontakt mit der lokalen Bevölkerung, damit diese Arbeit erledigt werden kann. Diversität ist in den Equipen deshalb unbedingt notwendig.»

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt