«Sie lernen, Freizeit sinnvoll zu gestalten»

Grindelwald

Werden die jungen Flüchtlinge im Übergangsheim Sonnenberg in Grindelwald zu wenig gut betreut? Diese und andere Fragen tauchten nach dem Zwischenfall vom Sonntagabend auf, wo zwei Bewohner polizeilich abgeführt werden mussten.

Das ehemalige Ferienheim am Sonnenbergweg?beherbergt seit zwei Monaten 50 jugendliche Asylbewerber im Alter zwischen 14 und 18 Jahren.

Das ehemalige Ferienheim am Sonnenbergweg?beherbergt seit zwei Monaten 50 jugendliche Asylbewerber im Alter zwischen 14 und 18 Jahren.

(Bild: Bruno Petroni)

Bruno Petroni

Zwei Tage nachdem zwei jugendliche Asylsuchende im ehemaligen Ferienheim Herzogenbuchsee in Grindelwald spätabends lautstark randaliert und sogar physische Gewalt angewendet haben, steht immer noch die Frage im Raum, ob die 50 Bewohner denn tatsächlich die fes­ten Strukturen geniessen, die der Betreiber, das Zentrum Bäregg (ZB) GmbH, vor Monatsfrist angekündigt hat.

Anlässlich der damaligen Orientierung hiess es auch, dass die jungen Flüchtlinge im Alter zwischen 14 und 18 Jahren täglichen Schulunterricht bekommen würden, dass ihnen «Ämtli» auferlegt würden und um 22 Uhr Nachtruhe angesagt sei.Wie bei einer kurzen Erkundungstour am Montag aus Bürgerkreisen zu vernehmen war, sollen in der Nachbarschaft des Durchgangszentrums in letzter Zeit Gegenstände gestohlen worden sein. Auch würden einige der grösstenteils aus Krisengebieten wie Eritrea, Afghani­stan und Syrien stammenden ­Jugendlichen des Öfteren durch Grindelwald «lungern», Alkohol trinken und tagsüber sogar nach Interlaken reisen.

In Spiez zur Schule

«Es stimmt tatsächlich, dass ei­nige der Asylsuchenden während der Woche tagsüber mit dem Zug nach Interlaken fahren. Und nicht nur das, sondern bis zu uns nach Spiez», sagt Jürg Frei. Der Abteilungsleiter Brückenan­gebote des Berufsbildungszen­trums IDM in Spiez meldete sich auf den gestrigen Zeitungsartikel hin bei der Redaktion: «Seit Ende November werden sieben dieser jungen Männer von uns an fünf Wochentagen in einer Integrationsklasse beschult», sagt Frei.

Ausserdem gebe es ab Februar auch in Interlaken eine zusätzliche Integrationsklasse. In einer solchen Klasse werden je 16 Lernende unterrichtet. Diese Schulungsmöglichkeiten habe man mit Hochdruck aufgebaut. «Und auch in der Planung des nächsten Schuljahres sehen wir deutlich, dass der Bedarf an solchen Klassen kantonsweit stark zunimmt.»

«Freizeit gehört zur Struktur»

Aber auch in Grindelwald wird unterrichtet. ZB-Sprecherin Katrin Pfrunder: «In der internen Schule des Heims Sonnenberg gehen alle Bewohner an fünf Tagen die Woche morgens zur Schule, sowie an drei Nachmittagen. Die Schule bildet den zentralen Bestandteil der Tagesstruktur.» Neuerdings stelle die Kirchgemeinde Grindelwald dem ZB sogar geeignete Räumlichkeiten zur Verfügung. «Wir sind im Gespräch mit den Schulverantwortlichen von Grindelwald, schulpflichtige Jugendliche nach Möglichkeit in die örtliche Schule ­einzugliedern.»

Die Bewohner des Sonnenbergs haben sich auch in der Küche sowie an den Haushalt- und Reinigungsarbeiten zu beteiligen. Hierfür gibt es laut Katrin Pfrunder einen Ämtliplan. Und um 22 Uhr gilt Nachtruhe, auch wenn diese – wie bei Jugendlichen üblich – in der Betreuung ein immer wiederkehrendes Thema ist. Aber auch die Freizeit gehört zur Tagesstruktur: «Die jungen Asylbewerber müssen lernen, ihre Freizeit sinnvoll zu ­gestalten.» Dass es hier bei grösseren Gruppen von pubertierenden Jugendlichen zu Vorfällen kommen kann, ist aus der Sicht eines Grindelwalder Anwohners verständlich: «Wir haben in diesem Alter doch auch mal über die Schnur gehauen. Mit 50 einheimischen Jungen ginge das jedenfalls nicht besser.»

«Gewalt wird nicht toleriert»

Die zwei am Sonntagabend randalierenden Bewohner sind nach der polizeilichen Entfernung vom Wohnheim umplatziert worden. «Dies jedoch nicht, weil sie ausserhalb des Wohnheims Alkohol getrunken haben oder zu laut gewesen sind, sondern weil es zu physischen Auseinandersetzungen kam. Gewalt wird in den Wohnheimen nicht toleriert», erklärt Katrin Pfrunder.

Die Anzahl der Betreuer richtet sich laut Pfrunder nach dem ­bereichsüblichen Betreuungsschlüssel: «Auf 10 bis 12 Bewohner kommt ein Betreuer. Im Vergleich zum Erwachsenenbereich ist dieser Schlüssel höher, weil unbegleitete Minderjährige ein gesetzliches Recht auf altersspezifischen Schutz und Fürsorge haben», sagt Katrin Pfrunder. Iris Rivas, Leiterin des kantonalen Migrationsdienstes, gibt zu bedenken, «dass die 50 Jungen und Mädchen erst unlängst in unserem Land angekommen sind und sich unter Berücksichtigung sprachlich limitierter Mittel an die hiesigen Bräuche und Gepflogenheiten gewöhnen müssen».

Dazu komme, dass ein Viertel der Sonnenberg-Bewohner nächstens volljährig werde und somit die Strukturen der unbegleiteten minderjährigen Asylsuchenden verlassen müssen. «Dies, und die damit verbundenen unsicheren Perspektiven, über welche diese Jugendlichen letzte Woche informiert wurden, lösten bei vielen Besorgnis und Ängste aus», erklärt Iris Rivas. Dies führe dazu, dass die Gruppendynamik im Grindelwalder Wohnheim im Moment anspruchsvoller sei als andernorts: «Unter diesen Umständen eine Vertrauensbasis herbeizuführen, ist schwieriger.»

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