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Schlafen unter dem Kartondach

Zum ersten Mal an einem Schweizer Open Air stehen am Greenfield Festival Kartonzelte der Firma Kartent im Einsatz. Wie schläft es sich darin? Ein Selbstversuch.

Kreativität gefragt: Die Kartonzelte dürfen bemalt werden, umweltverträgliche Farben gibt es vor Ort.
Kreativität gefragt: Die Kartonzelte dürfen bemalt werden, umweltverträgliche Farben gibt es vor Ort.
Manuel Lopez
Die Zelte sind für eine bis zwei Personen ausgelegt, Gepäck inklusive. Der Karton hält den Innenraum kühl und dunkel.
Die Zelte sind für eine bis zwei Personen ausgelegt, Gepäck inklusive. Der Karton hält den Innenraum kühl und dunkel.
Manuel Lopez
... anderen Dekorationen und Skulpturen.
... anderen Dekorationen und Skulpturen.
zvg
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«Und wenn es regnet?» So oder ähnlich lautet unweigerlich die erste Frage, wenn jemand von einem Zelt aus Karton hört. Nicht unberechtigt, sagt Wout Kommer. Der Holländer hat die Firma Kartent vor vier Jahren mit seinem Kollegen Jan Portheine gegründet, nachdem sie Bilder von unzähligen stehen gelassenen Zelten am Glastonbury Festival gesehen hatten.

Fasern machen Unterschied

Der Jungunternehmer erklärt das Prinzip: «Es gibt verschiedenste Arten von Karton mit unterschiedlich langen Papierfasern.» Kurz: Je länger die Fasern, desto widerstandsfähiger der Karton. So besteht die äusserste Schicht der Zelte aus neuem, hochwertigem Karton, und der Rest – etwa 70 Prozent – besteht aus bereits rezykliertem Material. «Beim Recycling werden die Fasern gebrochen, die Zelte wären undicht. So aber halten sie auch 36 Stunden Dauerregen stand.» Mit einer Beschichtung könnte die Lebensdauer der Zelte verlängert werden, doch dann könnten sie nicht mehr vollständig weiterverwertet werden. «Unsere Produkte sind aus reinem Karton.»

Mittlerweile arbeitet das niederländische Unternehmen mit zahlreichen Festivals in Europa zusammen: Am Hellfest in Frankreich etwa werden 500Kartonzelte stehen. Immerhin 50 sind es am hiesigen Greenfield Festival, dem ersten Schweizer Open Air, das mit Kartent zusammenarbeitet. Die Festivalgänger kaufen das Zelt im Voraus zusammen mit dem Ticket, so weiss Kartent, wie viele Zelte sie liefern müssen. Anders als üblich werden die gebrauchten Zelte vom Greenfield nicht zurück nach Holland transportiert, sondern in der Schweiz weiterverarbeitet – zu Möbeln, Mülltonnen oder Lampenschirmen.

Probe aufs Exempel

Der erste Anblick auf dem Flugplatz Interlaken zerstreut die Zweifel bezüglich der Wetterfestigkeit noch nicht: Das Zelt besteht aus zwei Schichten, zusammen kaum einen Zentimeter dick. Zwei Flügeltüren, die ineinander verkeilt sind, bilden den Eingang. Auf der Rückseite sorgt ein kleines Fenster für Luft und Licht. Schrauben aus Plastik halten das Ganze zusammen. Platz bietet es unbedeutend mehr als ein Zweier-Igluzelt.

Den ersten Belastungstest erleben die Zelte dann gleich am Mittwoch, nachdem sie aufgebaut worden sind: Im Laufe des Nachmittags regnet es immer wieder, auch in der Nacht prasseln Regentropfen dumpf aufs Dach. Wohl etwas verunsichert, wache ich immer wieder auf – doch das Kartondach hält stand.

Am nächsten Morgen erwache ich erst gegen neun Uhr. In anderen Jahren ein Ding der Unmöglichkeit: Sobald die Sonne aufgeht, wird es im konventionellen Zelt hell und stickig – regelmässige Festivalbesucher und Camper kennen das Problem. Unter dem Kartondach hingegen bleibt es schön dunkel, und die Hülle hält auch die Hitze besser fern. Und: alles trocken. Stutzig werde ich erst bei der Aussenansicht: Das Dach hat sich stark gewölbt. «Das passiert, wenn die Sonne das Wasser, das ins Dach eingedrungen ist, verdunsten lässt. Das hält schon», versucht Wout Kommer zu beruhigen.

«Die Zelte halten 36 Stunden Dauerregen stand.»

Wout Kommer, Co-Gründer von Kartent

Die Bündnerin Ilena und ihre Kollegin Arianne aus dem Rheintal, die ebenfalls ein Kartonzelt gebucht haben, wirken nicht überzeugt: «Im Notfall haben wir Plastikplanen dabei, um das Zelt abzudecken.» Sie haben sich vor allem aus praktischen Gründen für diese Art der Behausung entschieden: «So hatten wir weniger Gepäck und mussten auch kein Zelt aufbauen.» Angesichts der grossen Anzahl Besucher, die auch am Freitag noch verzweifelt ein freies Plätzchen auf dem Campingplatz suchten, durchaus ein berechtigtes Argument. Auch den Langenthaler Siru veranlassten primär praktische Gründe dazu, unterm Kartondach zu nächtigen. «Ausserdem wollte ich das einfach mal ausprobieren.»

Depot für Zelte?

Ähnlich klingt die Antwort von Iris Huggler, Geschäftsführerin der Greenfield Festival AG, auf die Frage, weshalb sie das Angebot von Kartent angenommen habe: «Ich finde die Idee innovativ.» Ob die Zusammenarbeit künftig fortgesetzt wird, ist noch unklar: «Wir überlegen uns, wie bei den Pavillons ein Depot auf Zelte einzuführen», verrät Huggler. So sollen Besucher angeregt werden, ihre Zelte gar nicht erst stehen zu lassen.

Die Halbzeitbilanz am Freitag fällt jedenfalls positiv aus. Mittlerweile sehen die Zelte auch nicht mehr so blass aus: Die Mehrheit der Kartoncamper hat ihre Unterkunft bunt bemalt. Zu dem Zweck bieten die Kartent-Mitarbeiter vor Ort umweltverträgliche Farben an. So stellen sie sicher, dass der Prozess des Recycelns nicht beeinträchtigt wird.

Gemäss Wetterprognose kommt es am Wochenende zu vereinzelten Regenschauern. Die Besucher in Kartonzelten hoffen, auch die restlichen Nächte im Trockenen zu schlafen – sofern der Zeltnachbar nicht zu laut schnarcht oder zu ausgiebig Party feiert. Das hört man im Kartonzelt nämlich gleich wie in einem konventionellen.

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