Rührungen und Pfundsmädchen

In der Serie «Angetroffen» widmen wir uns für einmal den kleinen, alltäglichen Begegnungen.

Was ist bloss mit dem Pfund geschehen?

Was ist bloss mit dem Pfund geschehen?

(Bild: Pixabay)

Es sind oftmals die zufälligen Treffen, die in unserem Innersten etwas Grosses auslösen, das lange haften bleibt. Wikipedia listet unter dem Suchbegriff «Begegnung» als Erstes «emotionale Begegnung von Personen» auf. Wie wahr: Gefühle sind immer im Spiel, wenn wir mit unseren Mitmenschen interagieren oder sie auch nur im Alltag beobachten.

Da war etwa die Verkäuferin in einem dieser Bahnhofshops, die seit Jahren überall aus dem Boden spriessen. Vor ihrer Kasse stand eine alte, gesundheitlich stark angeschlagene Frau. Wobei «stehen» das falsche Wort ist. Sie kämpfte vielmehr andauernd dagegen an, umzufallen. Umso länger dauerte es, bis sie ihre Münzen hervorgekramt und bezahlt hatte. Und was tat die Verkäuferin in diesem Umfeld, in dem Gewinnmaximierung als höchste Tugend gilt? Trommelte sie ungeduldig mit den Fingernägeln auf der Theke? Herrschte sie die Kunden an, sich zu beeilen? Nichts davon. Ein Bild von ihr könnte man als Illustration für das Thema Nächstenliebe verwenden. Am Schluss setzte sie noch einen drauf: Sie rief einen Kollegen an die Kasse, stützte die alte Frau und führte sie sanft zu den Taxis. Ich hatte plötzlich etwas im Auge ...

Schmunzelnd muss ich an eine andere Begegnung in diesem Jahr zurückdenken. Weil sie mir vor Augen führte, wie lange meine Schulzeit schon vorbei ist. Beim Teehändler meines Vertrauens verlangte ich ein Pfund meiner Lieblingsmischung. Der Teehändler war zwar gerade nicht da, dafür eine junge Aushilfe. Ihre assamteebraunen Augen wurden beim Wort «Pfund» noch grösser, und sie fragte doch tatsächlich: «250 Gramm?» Nun schossen meine Augenbrauen in die Höhe. Sie probierte es darauf mit «300 Gramm?», gefolgt von einem «350 Gramm?». Schliesslich warf ich ihr den 500-Gramm-Rettungsring zu, um sie nicht im Meer der Masseinheiten untergehen zu sehen.

In einem anderen Geschäft – dieses Mal handelte es sich beim Objekt meiner Begierde um Käse – hatte ich übrigens ein ganz ähnliches Erlebnis. Pfund? Noch nie gehört. Seither frage ich mich, wer das Pfund wann und warum aus den Lehrplänen entfernt hat, nach denen die Kinder heute unterrichtet werden. Heute, am ersten Tag des neuen Jahres, werde ich die Bewegung «Rettet das Pfund» gründen. Mein erster guter Vorsatz, den ich 2019 brechen werde.

Berner Oberländer

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