Wilderswil

Reisen fast wie anno dazumal

WilderswilIn Wilderswil starteten mit viel Dampf vor 125 Jahren die Züge der Schynige-Platte-Bahn am 14. Juni 1893 in ihr Bergbahn-Abenteuer. Die Schynige Platte wurde zur Rigi des Berner Oberlands.

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Die grossen Metropolen, Dörfer und Kurorte waren erschlossen, nun kamen die Berge an die Reihe. Persönlichkeiten von Rang und Namen, Hoteliers und Politiker wurden vom Bergbahnvirus erfasst. Die Technik liess ihre Träume wahr werden. Ingenieure und Baumeister lieferten die pfannenfertigen Projekte. Oft spielte nur die Finanzierung, das fehlende Geld den Spielverderber.

Schon in den 1860er-Jahren legte sich Bundesrat Jakob Stämpfli für eine Bahn von Bönigen auf die Schynige Platte ins Zeug. Nicht zuletzt deshalb, weil eine Zahnradbahn auf die Rigi ein Thema wurde.

Doch für zwei derart himmelstürmende Projekte war die Zeit noch nicht reif genug. Riggenbachs Rigibahn war die Gewinnerin. Der Vierwaldstätter- und nicht der Brienzersee wurde 1871 zum Ausgangspunkt der ersten Zahnradbahn der Schweiz.

Bergbahnfieber bricht aus

Die Jungfrau-Region erreichte das Bergbahnfieber erst nach der Erschliessung der Täler 1890 durch die Berner-Oberland-Bahn (BOB). Die Talbahn wurde ihrer Rolle als Zubringer gerecht.

Sie brachte nicht nur Güter und Personen in die aufstrebenden Tourismusorte, nein, die BOB war auch Garant für die nötigen Frequenzen der geplanten Bergbahnen. Wilderswil wurde zum Ausgangsort der Zahnradbahn auf den Aussichtsberg hoch über Interlaken. Die Schynige Platte wurde zur «Rigi des Berner Oberlands».

Der Legende nach soll die «Schynige» nur durch einen glücklichen Zufall zum Zug gekommen sein. Eine ihrer Konkurrentinnen – ein Projekt, eine Bahn auf den Bällenhöchst zu bauen – soll daran gescheitert sein, dass am Tag der Entscheidung im Saxettal dichter Nebel lag und die Schynige Platte im Sonnenlicht glänzte.

Nun ja, der Hausberg von Wilderswil hätte auch bei weniger idealem Wetter seine Trümpfe ausspielen können: Auf der Alp Breitlauenen und bei der zukünftigen Bergstation standen Hotels und Gasthöfe für Gäste bereit, die zu Fuss oder auf dem Rücken eines Bastpferds angereist waren. Auch die Route über das Faulhorn mit dem ältesten Berghotel war weit über die Landesgrenzen hinaus beliebt.

Kurze Bauzeit

In Wilderswil beginnt sie, auf der Schynige Platte endet sie. Dazwischen liegen etwas mehr als sieben Kilometer Zahnradstrecke von einer grossen Vielfalt und Schönheit. 1891 haben die Bauarbeiten begonnen.

Auf eindrückliche Art sind innerhalb von zwei kurzen Bergsommern 1891 und 1892 Kunstbauten, Stützmauern und Tunnelportale aus gehauenen Kalksteinen entstanden. Schienen sind verlegt, eine Telegrafenleitung gezogen und all die Gebäude – vom Toilettenhäuschen bis zur stolzen Bergstation – errichtet worden.

Mit dabei die Lok Nr. 1, eine H 2/3 der Schweizerischen Lokomotiv- und Maschinenfabrik. Als unermüdliche Transportmaschine brachte sie Arbeiter und Material zu den Baustellen.

Bahnbau, Hochbau, Tiefbau, vier Lokomotiven und Personenwagen, ja selbst die Stationseinrichtung ist im Pauschalpreis von 2,85 Millionen Franken offeriert worden. Nun gut, etwas teurer ist die Schynige-Platte-Bahn (SPB) am Schluss doch zu stehen gekommen. Mit dem Kauf der Gastbetriebe auf Breitlauenen und Schynige Platte haben die Kosten schliesslich 3,5 Millionen Franken betragen.

Start ins Ungewisse

Am 15. Mai 1893 fuhr ein Zug mit geladenen Gästen zum ersten Mal auf den Aussichtsberg hoch über dem Bödeli, und vom 14. Juni 1893 an verkehrte die SPB nach Fahrplan – genau eine Woche vor der Wengernalpbahn. Und doch, ihre Bergbahn-Schwester im Süden würde ihr, was die Bekanntheit angeht, immer vorauseilen.

Trotz bester Reverenzen hielten sich die Frequenzen der SPB in eher bescheidenem Rahmen. Daran konnte auch die Betriebsführung, die Thunerseebahn – und ab 1894 die Jura-Simplon-Bahn, die heutige BLS –, nichts ändern.

Die SPB kam schon im ersten Betriebsjahr in ernsthafte finanzielle Schwierigkeiten. Um einen Konkurs abzuwenden, musste die SPB verkauft werden. Als Käuferin kam die Berner-Oberland-Bahn infrage. Sie übernahm die Bahn samt Anlagen und Gastbetrieben für 200'000 Franken, und schon ab Sommer 1895 verkehrte die SPB unter ihrer Fahne.

Finanzielle Höhenflüge gab es bei der Bahn nie. Dies mag vielleicht auch ein Vorteil gewesen sein. Die SPB blieb erhalten, wie sie war. Ausser der Elektrifizierung im Jahr 1914 ist sie vor grossen Veränderungen verschont geblieben.

Einem historischen Industriedenkmal gleich wird sie bis zum heutigen Tag mit viel Liebe betrieben. Der Charme der Nostalgie ist ihr Markenzeichen. Ihre langsame, beschauliche Fahrt bringt sie trotzdem wirtschaftlich zügig voran.

Das Mauerblümchen hat sich klammheimlich zum Nostalgiestar entwickelt. Ihr früherer Slogan «Wo die Natur zum Zuge kommt» könnte die abwechslungsreiche Fahrt kaum treffender beschreiben. (Berner Oberländer)

Erstellt: 12.06.2018, 07:16 Uhr

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