Gündlischwand

Rätsel um das Schicksal des Alphirten

GündlischwandSeit Mitte September wird der Älpler Erwin Ramsauer vermisst. Eine intensive Suchaktion blieb erfolglos – der Verbleib des 33-jährigen Bergbauern ist auch nach Beendigung des Alpsommers ungewiss.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Es ist enorm weitläufig und zerklüftet, das Sägistal. In diesen idyllischen, auf 2000 Meter Höhe gelegenen Talkessel zwischen Laucherhorn, Rotenfluh und Schwabhorn stösst selbst im Sommer kaum je ein Wanderer vor. Unter Jägern und Fischern hingegen gilt das Tal als Geheimtipp.In diesem vom rund sieben Hektaren kleinen Sägistalsee geprägten Tal ist Erwin Ramsauer seit dem Dienstag, 12. September, spurlos verschwunden. Der Letzte, der den 33-jährigen Alphirten gesehen haben dürfte, ist Robert Reichen.

Der seit 21 Jahren das Berghaus Männdlenen (Weberhütte) betreibende Gündli­schwander: «An diesem Nachmittag war Erwin noch bei uns zu Besuch, und ich trank mit ihm etwas. Dabei erzählte er mir voller Freude, dass er für den kommenden Winter eine Arbeitsstelle in Meiringen gefunden habe und dass er ganz sicher auch nächsten Sommer wieder ins Sägistal hinaufkommen werde.» Er habe Ramsauer danach noch zugeschaut, wie sich dieser durch das Hühnertäli hinunter wieder Richtung Blaue Glunta und den Sägistalsee aufgemacht habe. «Erwin war ausgesprochen geländegängig, selbstsicher und fit.»

«. . . aber er kam nicht»

Am Morgen des nächsten Tages wartete der Alpvogt von Iselten, Alfred Chervet, vor der 200-jährigen Alphütte, welche Erwin Ramsauer bewohnte. Die beiden hatten dort abgemacht, weil Chervet eine seiner 17 von Ramsauer betreuten Kühe von der Alp holen wollte: «Ich wartete bis zum Mittag auf Erwin – aber er kam nicht. Als ich feststellte, dass sein Bett kalt ist, machte ich mir schon meine Gedanken, denn er hatte mir am Vortag am Telefongespräch gesagt, er werde hier übernachten kommen.»

In der Folge begann Alfred Chervet laut rufend das Gelände abzusuchen – stundenlang. «Als es am Abend finster wurde, übernachtete ich im Sägistal. Da ich keinen Handyempfang hatte und zum Schluss auch der Akku meines Geräts noch leer war, konnte ich keine Hilfe anfordern.» Erst am Donnerstagmorgen konnte Chervet im dichten Schneetreiben via Egg zur Alp Inner-Iselten absteigen und Alarm schlagen.»

Wegen des Wintereinbruchs lief erst am Freitagnachmittag, 15. September, eine gross angelegte Suchaktion nach dem verschwundenen St. Galler Alphirten an: Eine neun Mann starke Rettungskolonne der Alpinen Rettung Schweiz suchte in Zusammenarbeit mit der Kantonspolizei und mithilfe von drei Suchhunden und eines Rega-Helikopters das sieben Quadratkilometer grosse Sägistal nach dem Vermissten ab.

Sägistal: Zwischen Interlaken und Grindelwald

Auch durchsuchte die Polizei drei Karsthöhlen. Bergschaftspräsident Albrecht Grossniklaus, der bei der Suche nach dem Vermissten die Schnittstelle zwischen Polizei und Bergschaft bildete: «Die grösste Schwierigkeit war, in dem riesigen Gebiet unter den misslichen Witterungsbedingungen und Schneefall eine Personensuche zu koordinieren.»

Ralph Jörg, der Rettungschef der zuständigen SAC-Sektion Interlaken, beteiligte sich aktiv an der Vermisstensuche: «Das garstige Wetter erforderte teilweise den Einsatz von Steigeisen, denn durch den Wintereinbruch lag einiger Schnee. Die Suchbedingungen gestalteten sich zudem in Nebel und Schneefall sehr schwierig.» Nach vier Tagen intensiver Suche wurde die Suche gemäss Entscheid der Kantonspolizei ergebnislos unterbrochen.

Auf der Suche nach der Geiss

Möglicherweise ist Erwin Ramsauer, der im Sägistal im Auftrag der Bergschaft Inner-Iselten 86 Rinder betreute, im anspruchsvollen Gelände des Sägistals etwas zugestossen – und zwar vielleicht bei der Suche nach einer verschwundenen Ziege, denn: «Im August sind uns 25 Geissen ausgebüxt – bis Anfang September waren alle bis auf eine wieder zurück», erinnert sich Alpmeisterin Claudia Almeida, die auf der Alp Küenzlen-Alpiglen ennet der Rotenfluh gemeinsam mit weiteren drei Frauen einen Alpschaftsbetrieb mit 150 Ziegen führt.

Erwin Ramsauer habe sich sofort bereit erklärt, eine der Sennerinnen bei der Suche zu unterstützen, und auch als sie mit ihren übrigen Tieren Anfang September ins Tal hinunter gezogen seien, habe der Rinderhirt die Suche nach der einsamen Geiss auf eigene Faust fortgesetzt. Claudia Almeida: «Erwins Verschwinden hat uns ganz schön belastet und getroffen.» Die vermisste Geiss sei übrigens eine Woche nach Ramsauers Verschwinden von selbst und wohlbehalten wieder auf Alpiglen aufgetaucht.

Ein Leben auf der Alp

Wie Adrian Eugster von der Medienstelle der Kantonspolizei Bern auf Anfrage bestätigt, wurde die intensive Geländesuche nach dem Vermissten inzwischen unterbrochen. «Allfälligen Hinweisen aus der Bevölkerung wird aber weiterhin nachgegangen.»

Erwin Ramsauer ist ein erfahrener Alphirt, verbrachte er doch bereits drei Sommer auf der Alp Hintisberg in unmittelbarer Nachbarschaft des Sägistals. Bereits seit seiner Kindheit verbrachte er in der Ostschweiz und im Bündnerland viele Sommer auf der Alp. (Berner Oberländer)

Erstellt: 23.10.2017, 21:40 Uhr

Die Vermisstensuche

«Grundsätzlich wenden wir öffentliche Vermisstenmeldungen zurückhaltend an»: Christoph Gnägi, Mediensprecher der Kantonspolizei, erklärt auf Anfrage auch, warum. So sei dies weitgehend davon abhängig, wie selbstständig eine gesuchte Person sei. Bei gebrechlichen, kranken, behinderten oder anderweitig auf Betreuung angewiesenen Menschen werde eher auf die Mithilfe aus der Bevölkerung zurückgegriffen als bei Leuten, die sich wie beim seit Mitte September vermissten Erwin Raumsauer in ihrem Umfeld sicher und mit Erfahrung aufhalten. «Auch ist die Suche nach Augenzeugen erfolgversprechender in hoch frequentierten Gebieten wie beispielsweise urbanen Räumen», so Gnägi.

Auf einer ausgesprochen abgelegenen Alp wie dem Sägistal hielten sich nur sehr wenige Wanderer auf; die Wahrscheinlichkeit, dass aus der Bevölkerung sachdienliche Hinweise eingingen, sei entsprechend verschwindend klein, sagt Christoph Gnägi. bpm

Artikel zum Thema

Vermisster Mann ist wohlauf

Gstaad Der seit Montagabend in Gstaad vermisste 39-jährige Mann konnte in der Nacht auf Mittwoch in Bulle aufgefunden werden. Er ist wohlauf. Mehr...

Vermisster Radfahrer tot aufgefunden

Perrefitte In der Nacht auf Samstag wurde ein 48-jähriger Fahrradfahrer als vermisst gemeldet. Am Morgen wurde er in einem Wald bei Perrefitte tot aufgefunden. Mehr...

Vermisster Aareschwimmer tot geborgen

Bern Am Mittwoch barg die Polizei einen toten Mann aus der Aare. Dabei handelte es sich um den seit Samstag vermissten Schwimmer. Mehr...

Service

Schnelle Info für zwischendurch

Lesen Sie die Nachrichten aus der Region in Echtzeit.

Kommentare

Abo

Die ganze Region. Im Digital-Light Abo.

Die BZ Berner Zeitung digital im Web oder auf dem Smartphone nutzen. Für nur CHF 17.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Nur die Wendeltreppe ist übrig geblieben: Die anhaltenden Flächenbrände in Kalifornien haben auch zahlreiche Häuser in der Villen-Ortschaft Malibu zerstört. (10. November 2018)
(Bild: Ringo H.W. Chiu/AP) Mehr...