«Oberflächlich betrachtet sieht der Strompreis immer schlecht aus»

«Direkte Preisvergleiche zwischen Energieunternehmen hinken», sagt Peter Wälchli. Im Interview erklärt der Geschäfts- führer der EWL Genossenschaft, warum der Strom in Lauterbrunnen zum teuersten im Kanton gehört.

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In Niederbipp zahlt eine Familie in einer 5-Zimmerwohnung 16 Rappen pro Kilowattstunde Strom. Die EWL Genossenschaft verlangt 26.63 Rappen – Peter Wälchli, wie erklären Sie Ihren Kunden diesen happigen Unterschied? Peter Wälchli: Der Preisvergleich zwischen den Gemeinden basiert jeweils auf einem Wert eines Musterkunden – wobei 14 Vergleichsmusterkunden verglichen werden können. Faktoren wie Qualität, Herkunft, Netzinfrastruktur, volkswirtschaftliche Aspekte, Versorgungssicherheit und Umweltverträglichkeit spielen im Vergleich keine Rolle. Fakt ist: Gegenüber einem Energieversorgungsunternehmen EVU im Mittelland etwa, das praktisch nur billigen Strom zu Marktpreisen meist aus Atom- und Kohlekraftwerken aus dem In- und Ausland bezieht und weitergibt, haben wir ganz andere Voraussetzungen. Darum sehen wir im reinen Preisvergleich oberflächlich betrachtet immer schlecht aus.

Trotzdem, für den Kunden ist der EWL-Strom der teuerste im Kanton … …differenziert betrachtet eben nicht. Im Preisvergleichstool der ElCom wird immer das günstigste Angebot eines Netzbetreibers/ Grundversorgers herangezogen. Die EWL Genossenschaft hat aber nur ein einziges Energieprodukt, das traditionell wegen dem hohen Eigenproduktionsanteil, einen sehr hohen Anteil von Wasserkraft – er liegt über 70 Prozent – beinhaltet und somit einen hohen Qualitätsstand aufweist. Der Preisunterschied zu einem vergleichbaren Produkt der BKW als Beispiel beträgt 0,7 Rappen pro Kilowattstunde. Vergleicht man die Preise so, gehört der EWL-Strom nicht mehr zu den Teuersten.

Sicher wirkt sich auch die alpine Lage der Gemeinde Lauterbrunnen nicht gerade günstig auf den Strompreis aus? Ja, und zwar gleich mehrfach: Wir müssen für relativ wenige Stromkunden eine enorm aufwändige und damit kostentreibende Netzinfrastruktur anbieten und unterhalten. Das Versorgungsgebiet der Gemeinde ist mit den Bezirken Gimmelwald, Isen- fluh, Lauterbrunnen, Mürren, Stechelberg und Wengen sehr grossflächig. Aufwändig ist auch die Topografie – das Netz des EWLs erstreckt sich von 700 auf 2600 Meter Höhe. Der Energieabsatz pro Kilometer Leitungslänge ist darum bei uns im Vergleich zu Dorf- und Stadtverteilnetzbetreibern klein. Weil Wengen, Mürren und Gimmelwald zudem nur mit der Bahn erschlossen und nicht an ein Strassennetz angeschlossen sind, verteuert sich der Netzbau und Netzunterhalt im halben Verteilnetz zusätzlich um 20 bis 30 Prozent.

Wie wirkt sich der Tourismus und die damit verbundene saisonal sehr unterschiedliche Nachfrage nach Energie auf den Strompreis aus? Unser Verteilnetz muss für die Spitzenlast in der Winterhoch-saison ausgelegt sein und ist deshalb im Verhältnis zur Einwohnerzahl stark überdimensioniert gebaut. Die Gemeinde Lauterbrunnen hat rund 3000 Einwohner, in der Hochsaison kann die Zahl auf 15000 bis 20000 anwachsen; also auf die Grösse einer Stadt. Im Sommer haben wir übrigens eine Überproduktion und müssen diesen Strom verkaufen können und im Winter haben wir zu wenig und müssen ergo Strom hinzukaufen.

Was würde denn nun passieren, wenn das EWL Lauterbrunnen den Strompreis senken würde? Unüberlegte Senkungen würden zu Verlusten führen und keine oder viel weniger Investitionen in die Netzanlagen sowie die Produktionsanlagen ermöglichen. Das hätte einen direkten Einfluss auf die Stromversorgungssicherheit unserer Netzkunden und die lokale und regionale Volkswirtschaft. Das heisst, Die dezentrale Stromproduktion, welche in der Energiestrategie des Bundes verankert ist, wäre entsprechend gefährdet.

Was wird mit dem EWL, seinen rund 60 Mitarbeitenden und den 6 bis 10 Ausbildungsplätzen geschehen, wenn der Strommarkt geöffnet wird? Die Frage lässt sich noch nicht beantworten – da könnte ich auch Kaffeesatz lesen. Was uns beschäftigt ist, wann und in welchem Marktumfeld die Öffnung erfolgen wird. Darauf werden sich alle EVU ausrichten müssen – auch wir. Kleine und mittlere Unternehmen werden ums Überleben kämpfen. Wir und unsere Kunden müssen sich auch die Fragen stellen, wie unabhängig das EWL bleiben will und kann, zu welcher Qualität zukünftig in der Schweiz Strom produziert werden soll und welche Abhängigkeiten – auch vom Ausland – wir eingehen wollen?

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