Ballenberg kämpft um Anschluss an die Zukunft

Nach längerer Baisse legen die Publikumszahlen im Ballenberg wieder leicht zu. Aber das Freilichtmuseum hat damit zu kämpfen, dass selbst Schweizer Besucher rarer und immer ungeduldiger sind.

Ballenberg-Betriebsdirektor Peter Kohler setzt sich im Paradies der Vergangenheit dafür ein, dass die Attraktion den Anschluss an die Zukunft des Tourismus nicht     verliert.

Ballenberg-Betriebsdirektor Peter Kohler setzt sich im Paradies der Vergangenheit dafür ein, dass die Attraktion den Anschluss an die Zukunft des Tourismus nicht verliert. Bild: Christian Pfander

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Da wandeln doch tatsächlich drei junge asiatische Touristinnen auf den idyllischen Pfaden des Freilichtmuseums Ballenberg. Vor dem währschaften Ostermundiger Bauernhaus beamen sie sich auf ihren Selfies zurück in die ländliche Heidi-Schweiz vor 200 Jahren.

«Das sind asiatische Individualtouristinnen», raunt ­Betriebsdirektor Peter Kohler hoch erfreut. Denn die jungen Damen gehören zu einem Publikumssegment, auf das die Touristiker ihre Hoffnungen setzen. «Im wachsenden asiatischen Mittelstand gibt es ein Riesenpotenzial für den Individualtourismus», erklärt Kohler.

Asiens Fernmarkt lockt

Der Ballenberg-Stiftungsrat hat an seiner alljährlichen Retraite Ende Juli besonders den asiatischen Markt ins Visier genommen. An der Zusammenkunft referierte Stefan Pfister, Head of Sales der Zentralbahn, über die Chancen im Asien-Geschäft. Und er wies drauf hin, dass der Ballenberg günstig zwischen Interlaken und Luzern, zwei Magneten für Touristen aus dem Nahen und Fernen Osten, liege. Bleibt nur noch ein kleines Problem, das die Verantwortlichen lösen müssen: Wie lockt man die asiatischen Touristen in den Ballenberg?

Peter Kohler weiss, dass Touristen aus Indien oder den arabischen Golfstaaten lieber nicht zu Fuss gehen und gerne mit der Pferdekutsche fahren. Der Ballenberg verfügt aber bloss über zwei Kutschen.

Und das Freilichtmuseum ist mit seinen 110 historischen, wieder aufgebauten Schweizer Häusern aus fast allen Kantonen zu weitläufig, um es zu Fuss in einem Tag zu schaffen. «Man hat uns schon vorgeschlagen, Elektrowägeli wie auf dem Golfplatz einzusetzen», sagt Kohler grinsend, «aber das geht nicht, der Ballenberg ist eine Entschleunigungsoase aus der Zeit vor der Motorisierung.»

Immer hektischer unterwegs

Alle reden von Entschleunigung. Aber in Wahrheit bleibt sie meist eine Sehnsucht. An der erwähnten Retraite referierte auch Therese Lehmann von der Forschungsstelle für Tourismus der Universität Bern über die neusten Tourismustrends.

Sie machte den Stiftungsräten klar, dass nicht nur Touristen aus Fernost, sondern auch Ausflügler aus der Schweiz immer hektischer unterwegs sind. Reisende entscheiden sich kurzfristig für ein Ziel, bleiben nur noch einen halben statt einen ganzen Tag und wollen in die knappe Zeit dennoch möglichst viele Erlebnisse rein­packen.

Der Ballenberg bekommt das zu spüren. Seine Besucherzahl ist von 310'000 in der Rekordsaison 2008 bis 2016 auf 188'000 eingebrochen. Über alle Saisons ­betrachtet liegt der Publikumsschnitt bei 250'000 im Jahr. Im aktuellen Jubiläumsjahr – die Ballenberg-Stiftung ist 50 Jahre alt und das Freilichtmuseum ­erlebt seine 40. Saison – sind bis Ende August 143'000 Besucher gekommen.

6000 mehr als im Vorjahr. Nach der Baisse geht es wieder leicht aufwärts. Läuft es so weiter, rechnen die Verantwort­lichen bis zum Saisonende am 31. Oktober mit 210'000 Personen.

Affäre um Direktorin Rieder

Der Publikumsschwund wurde in den letzten Jahren auch als ­Krisensignal gesehen. Und in Verbindung gebracht mit dem Abgang von Direktorin Katrin Rieder im Sommer 2014. Warum die fortschrittliche Stadtberner Historikerin ging oder gehen musste, darüber wahren beide Seiten bis heute das vereinbarte Stillschweigen. Der damalige Stiftungsrat lief gleichzeitig auch noch mit überzogenen Subventionsforderungen erfolglos beim Bund auf.

Der verschlankte neue Stiftungsrat, den seit 2015 der hervorragend vernetzte Oberländer FDP-Grossrat Peter Flück präsidiert, durchlebte zuerst Turbulenzen. Und kaum war Peter Kohler 2016 als neuer Betriebsdirektor installiert, trennte man sich noch von Marketingleiterin Pa­tricia Rufer. Summieren sich diese Probleme zu einem negativen Image?

«Beim Ballenberg sind Reibungen – anders als bei einem Privatunternehmen – gleich ein öffentliches Thema. Weil jeder den Ballenberg kennt und glaubt, dass dieser ihm ein wenig gehört.»Peter Flück

«Die Besucher, die weiterhin in grosser Zahl kommen, sehen das offensichtlich anders», repliziert Peter Flück am Sitzungstisch im Verwaltungsgebäude des Freilichtmuseums. Und er fügt an: «Beim Ballenberg sind Reibungen – anders als bei einem Privatunternehmen – gleich ein öffentliches Thema. Weil jeder den Ballenberg kennt und glaubt, dass dieser ihm ein wenig gehört.»

Flück ist sicher: «Als Organisation sind wir heute wieder auf Kurs.» Und er sagt dann doch etwas zur Affäre Rieder: «Die These ist falsch, dass sie Opfer eines konservativen Putschs der alten Ballenberg-Leitung war.»

Blick nach Fernost: Stiftungspräsident Peter Flück hofft auf asiatische Individualtouristen. Foto: zvg/Sarah Michel

15- bis 30-Jährige fehlen

Überhaupt haben die Ballenberg-Chefs andere Probleme. Probleme der Gegenwart und der Zukunft. Auf einen kurzen Nenner gebracht: Das Freilichtmuseum muss sich mit beschränkten Ressourcen in einem immer volatileren Freizeitmarkt und einer sich verändernden Gesellschaft ­behaupten.

Ein Hauptproblem des Ballenbergs ist seine Lücke bei den Publikumssegmenten: zwischen den Familien, die mit ihren Kindern kommen, und den «Best Agers» ab 50 Jahren. Um auch 15- bis 30-Jährige anzulocken, hat man einen Foxtrail eingerichtet. Es ist aber nicht einmal mehr sicher, dass die Erwachsenen nach einer Phase der Ballenberg-Abstinenz mit ihren Kindern zurückkommen.

«Selbst Grosseltern haben heute keine Erinnerung mehr an die ländliche Welt von früher. Sie können ihren Enkeln also im Ballenberg nicht davon erzählen.»Peter Kohler

«Selbst Grosseltern haben heute keine Erinnerung mehr an die ländliche Welt von früher, sie können ihren Enkeln also nicht davon erzählen», sagt Kohler. Hinzu kommt: Die wachsende Zahl von Menschen mit Migrationshintergrund findet kaum Zugang zu den alten Schweizer Häusern. Vermittlung und Erklärung werden also wichtiger – was personalintensiv und teuer ist.

Zwang zu neuen Attraktionen

Eine weitere Erkenntnis: Der Schatz von 110 begehbaren Zeugen aus der ländlichen Schweizer Vergangenheit genügt nicht als Magnet, um ein stabiles oder gar wachsendes Publikum anzuziehen. Selbst Schweizerinnen und Schweizer besuchen den Ballenberg oft nur ein-, zweimal im ­Leben. Dann glauben sie, ihn ­gesehen zu haben.

«Wir können nicht stehen bleiben und uns ausruhen», sagt ­Peter Kohler. Allein in den letzten 10 Jahren habe sich die regionale Konkurrenzsituation stark verändert: Die Grimselwelt, das Tropenhaus in Frutigen, neue Angebote der Bergbahnen etwa am Schilthorn machen dem Ballenberg Besucher abspenstig. Wer neue Zuschauer will, muss neue Attraktionen anbieten.

Kohler tauscht sich regelmässig mit dem Verkehrshaus in ­Luzern und dem Technorama in Winterthur aus. Der Formel-E-Simulator in Luzern oder der Escape-Raum in Winterthur ­locken insbesondere jüngere technikaffine Männer an. Die Ballenberg-Oase aus der unmotorisierten Vorzeit hat es da schwerer.

Hinzu kommt: Das ­periphere Freilichtmuseum hat ein weit weniger dicht besiedeltes Einzugsgebiet und ist nur an 200 Tagen im Jahr geöffnet. Dass es dennoch nicht viel weniger als die 260'000 Besucher des Technoramas anzieht, ist eine Leistung. Grelle, neue Attraktionen passen nicht in den ruhigen Ballenberg.

Für die Durchführung von Mondscheinwanderungen oder Feierabendbierevents fehlt ohnehin das Personal. Jedes Jahr eine neue Sonderschau zu zeigen, wäre zu aufwendig. Die vorzügliche Ausstellung über die Kuh als Schweizer Nationaltier mit Objekten aus der Ballenberg-Sammlung läuft 3 Jahre lang.

Zusammen mit dem Grand­hotel Giessbach bietet der Ballenberg als Pilotprojekt erstmals einen Besuch im Winter an. Liegt Schnee, dann ist das Freilicht­museum eine Zauberlandschaft. Das neue Angebot können aber nur einige Gruppen und Firmen buchen. Bloss zwei Bauernhäuser sind dafür bereit. «Es gehört zu unseren echten Häusern, dass es darin wie früher im Winter richtig kalt ist und man Feuer machen muss», sagt Kohler.

Museum? Nostalgiepark?

Vielleicht ist das schwankende Publikumsinteresse auch Ausdruck davon, dass der Ballenberg kein klares Profil hat. Ist er ein wissenschaftliches Agrar- und Architekturmuseum, ein lokales Disneyland oder ein Nostalgie­erlebnispark? Darüber wurde auch rund um Katrin Rieders ­Abgang debattiert.

Peter Kohler winkt ab. Er zeigt eine alte Karikatur aus der NZZ, die den Ballenberg schon vor seiner Eröffnung als Rummelplatz darstellte. Auf einer späteren Fotomontage steht ein riesiges McDonalds-M mitten in den Bauernhäusern. Solche Befürchtungen und ­Beschimpfungen seien so alt wie der Ballenberg selber, so Kohler.

Für ihn ist er beides zugleich: ein nationales Museum, das die ländliche Schweiz wissenschaftlich dokumentiert, und ein regionaler Erlebnispark. 2014 war spekuliert worden, eine lokale Oberländer Seilschaft, die den Ballenberg als ihr Business ­betrachte, wolle den wissenschaftlichen Vermittlungskurs von Direktorin Rieder unterbinden.

Stiftungspräsident Peter Flück seufzt nun ein wenig. Immer wieder diese längst erledigte ­Geschichte. «Wir haben nichts zurückgefahren, was Frau Rieder plante, die geltende Strategie trägt auch ihre Handschrift», sagt er. Seit 2009 – längst vor Rieders Antritt – sei klar geworden, dass der Ballenberg fertig gebaut sei und die wissenschaftliche Vertiefung und Vermittlung wichtiger werde.

«Ja, es stimmt, Peter Kohler und ich kommen aus der Region, den Ballenberg dirigiert dennoch keine lokale Seilschaft, die Vizedirektorin ist eine Wissenschaftlerin aus Basel», betont Flück mit Nachdruck. Und er merkt noch an, dass man dem Verkehrshaus Luzern auch nicht vorwerfe, dass es von zwei Luzernern geführt werde.

Dreck statt Digitalisierung

Betriebsdirektor Peter Kohler geht jetzt voran zum letzten Haus, das im Ballenberg aufgebaut worden ist. Auf Holzrosten liegen in der alten Ziegelei aus dem bernjurassischen Péry Hunderte von Ziegeln zum Trocknen. Besucher haben sie von Hand ­geformt und verziert. Auch in der Ära der Digitalisierung setzt der Ballenberg auf das, was man in die Hand nehmen und selber ausprobieren kann.

«Vor allem die Kinder werden bei uns magisch von Dreck und Wasser angezogen», sagt Kohler. Er ist überzeugt, dass solch gemächliche Erlebnisse eine Zukunft haben. Zumindest als Gegentrend zum hektischen Massentourismus. Beim Abschied formuliert er so etwas wie das Alleinstellungsmerkmal des Ballenbergs: «Bei uns ist alles echt – anders als in den künstlichen Heidi-Dörfern der Ostschweiz.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 09.09.2018, 22:08 Uhr

Geldsorgen

Trotz des hohen Eigenfinanzierungrads von 80 Prozent ist der finanzielle Spielraum des Ballenbergs eng. Damit seine Sammlung nicht Schaden nimmt und es internationale Museumsstandards einhalten kann, müsste das Freilichtmuseum ein Sammlungsdepot bauen können. Der dafür nötige zweistellige Millionenbetrag lässt sich aber nicht aus dem Jahresbudget berappen. Dieses beträgt 7,5 Millionen Franken, 2017 wurde überdies mit einem Defizit von 900'000 Franken ­belastet, da die Besucherzahlen nicht so zunahmen wie angenommen.

1,125 Millionen Franken im Jahr erhält der Ballenberg derzeit vom Kanton Bern, 470'000 Franken vom Bund. Beide Beiträge werden in den nächsten Jahren nicht wachsen. Immerhin legen die Spenden zu. Das ­Museum verhandelt nun mit den Kantonen, ob sie sich an den Unterhaltskosten der historischen Gebäude beteiligen. «Die Häuser unterstehen ja dem Denkmalschutz des jeweiligen Kantons, in dem sie einst standen», erklärt Stiftungspräsident Peter Flück. (svb)

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