Interlaken

Nur mal kurz die Welt retten

InterlakenSchon als Schüler engagierte sich Dimitri Rougy politisch. Nun ist der ­Sozialdemokrat national bekannt. Er hat das Referendum gegen die Überwachung von Versicherten lanciert.

«Ich musste etwas tun», sagt Dimitri Rougy, der mit einer kleinen Gruppe das Referendum gegen Versicherungsdetektive lanciert hat.

«Ich musste etwas tun», sagt Dimitri Rougy, der mit einer kleinen Gruppe das Referendum gegen Versicherungsdetektive lanciert hat. Bild: Beat Mathys

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300 ungelesene Mails haben sich an diesem Tag angestaut. «Das macht mich etwas kribbelig», sagt Dimitri Rougy und blickt auf sein Smartphone. Kribbelig? Der junge Mann wirkt, als hätte er eben eine Stunde Yoga gemacht: entspannt, geerdet, konzentriert.

Er legt das Gerät mit dem Bildschirm nach unten auf den Tisch, trinkt einen Schluck Eistee, lächelt und sagt: «So. Jetzt können wir in Ruhe reden.» Das Smartphone sieht aus, als wäre es im Dauergebrauch und hätte ein paarmal ungewollt Bodenkontakt gehabt. Es ist Rougys mobiles Büro.

Dimitri Rougy wird im Juni 21 Jahre alt, und eigentlich studiert er Kulturwissenschaften. Das Studium musste er «etwas auf Eis legen», wie er sagt. Der Interlakner hat mit der Autorin Sybille Berg und zwei Mitstreitern das Referendum gegen die Überwachung von Versicherten lanciert.

«Es ist echt krass, was seither abgeht.» Rougy bleibt keine Zeit mehr für anderes: Freunde, Familie, Saxofon spielen, Ferien, Uni – alles in der Warteschleife. «Das Studium kann ich auch später abschliessen. Die 50'000 Unterschriften für das Referendum müssen wir jetzt zusammenbringen.»

Als 13-Jähriger in die SP

«Dimitri Rougy, Sozialist. Kämpft für Gerechtigkeit. Kämpft gegen die SVP. Kämpft für die Rechte der Schwächsten. Venceremos!» So wird man auf der Website von Rougy begrüsst. Politik, sagt er, habe ihn zu interessieren begonnen, als er in die Oberstufe gekommen sei. «Da habe ich zum ersten Mal realisiert, dass nicht alle Menschen die gleichen Chancen im Leben haben und wie ungerecht das ist.»

Mitschüler mit ausländischen Wurzeln hätten auf der Flucht Traumatisches erlebt und kämpften in ihrer neuen Heimat mit der Sprache – und gegen Vorurteile. «Ich hingegen hatte Glück.» Seine alleinerziehende Mutter habe ihre vier Söhne unterstützt, wo sie nur konnte.

«Wir waren sicher nicht finanziell privilegiert, aber dafür in ­jeder anderen Hinsicht», erzählt Rougy, und man spürt, wo der Grundstein für seine Weltanschauung gelegt wurde. Politisch aktiv war allerdings damals in seiner Familie niemand.

Dimitri, gerade mal 13 Jahre jung, trat der SP bei. Mit keinem geringeren Ziel, als mitzuhelfen, die Welt zu einem besseren Ort zu machen. «Mir hat nie eingeleuchtet, weshalb die einen drei Autos haben müssen oder eine Villa mit zwölf Zimmern und andere gar nichts.» Mit einer Kollegin gründete er als 18-Jähriger das Jugendparlament Berner Oberland und sitzt heute im Parlament von Interlaken.

Als «linke Alternative» (O-Ton Rougy) in einer bürgerlichen Hochburg fühlt er sich akzeptiert. «Ich bekomme von verschiedenen Seiten positive Rückmeldungen, weil ich mich engagiere.» Er ist Co-Präsident des Vereins Blago Bung, der mit der Jugendarbeit Bödeli ein ehema­liges Hotel in Interlaken als Kulturzentrum zwischennutzt. «Das Projekt wird nicht nur von links-grüner Seite unterstützt.»

Lieber im Hintergrund

Bis vor zwei Wochen engagierte sich Rougy von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt. Medienwirksam waren nur die Aktionen, an denen er als Planer beteiligt war: als die 86-jährige Louise Schneider die Fassade der Nationalbank versprayte, um ein Zeichen gegen Kriegsgeschäfte zu setzen. Als nach den Attentaten in Paris das Bundeshaus in den französischen Farben beleuchtet wurde. Als in Davos gegen US-Präsident Trump demonstriert wurde.

Dimitri Rougy sagt, das Interesse an seiner Person sei ihm eher unangenehm. «Es ging bei solchen Aktionen nie um mich, und es geht auch beim Referendum gegen Versicherungsspione nicht um mich», betont er. «Aber ich hatte keine Wahl. Ich musste etwas tun.» Er sagt das mit einer so tiefen Überzeugung, dass der Satz weniger pathetisch klingt, als er ist.

Invalidenversicherung, Unfall- und Arbeitslosenversicherung, andere Krankenversicherungen – sie alle dürften künftig Detektive einsetzen, um Versicherte zu überwachen, bei denen sie Missbrauch vermuten. «Bespitzeln», sagt Dimitri Rougy und spricht von einem «menschenfeindlichen Angriff auf die Grundrechte».

Als keine Partei und keine Organisation Anstalten machte, sich gegen das neue Gesetz zu wehren, begann der Jungpolitiker, auf sozialen Netzwerken Ausschau nach Gleichgesinnten zu halten – und fand sie.

Inzwischen unterstützt auch seine Partei, die SP, das Referendum. Das freut Rougy zwar, er macht aber keinen Hehl daraus, dass ihn die zögerliche Haltung genervt hat. «Ich finde es bedenklich, wenn die SP wahltaktische Überlegungen vor eine konsequente Haltung stellt.»

Karriere? Kommt später

Inzwischen vibriert Rougys zusammengeflicktes Smartphone ziemlich nachdrücklich auf dem Tisch. «Darf ich rasch...?», fragt er. Beim kurzen Gespräch geht es natürlich ums Referendum. «Es brodelt», sagt Rougy. «Die Leute haben genug davon, dass das Parlament dieses Landes gegen oben buckelt und gegen unten tritt.»

Ob er sich denn selber vorstellen könnte, später Teil dieses Parlaments zu sein und dort Politik zu machen? Das würden ihn im Moment alle fragen, sagt Rougy und blickt etwas ungläubig. Er denke doch jetzt nicht an seine politische Karriere!

Dem Referendum gelte sein voller Einsatz. Alles andere komme später. Am Schluss zähle nur, ob das Komitee 50'000 gültige Unterschriften einreichen könne. Über 11'000 Menschen haben bisher online ihre Unterstützung zugesichert.

«Ich bin stolz, dass ich ein Teil dieser Bewegung sein kann», sagt Rougy. Dann rechnet er vor: Wenn all diese Menschen nur einen Unterschriftenbogen ausgefüllt zurückschicken, dann ist es locker geschafft, das Refe­rendum. (Berner Zeitung)

Erstellt: 17.04.2018, 11:31 Uhr

Überwachung von Versicherten

Eine Gruppe von Privatpersonen um die Autorin Sibylle Berg und den Interlakner Sozialdemokraten Dimitri Rougy (siehe Haupttext) hat das Referendum gegen das Gesetz zur Über­wachung von Versicherten lanciert. Die eidgenössischen Räte verabschiedeten das Gesetz in der Frühjahrssession. Es ermöglicht Sozialversicherungen, Versicherte durch Detektive observieren zu lassen. Die Regeln gelten nicht nur für die ­Invalidenversicherung, sondern auch für die Unfall-, die Kranken- und die Arbeitslosenversicherung. Neben Bild- und Tonaufnahmen sind auch Instrumente zur Standortbestimmung erlaubt. Gemeint sind vor allem GPS-Tracker, die an Autos angebracht werden.
Das Referendumskomitee kritisiert, das Gesetz stelle die ­Bevölkerung unter Generalverdacht und verletze die Privatsphäre aufs Gröbste. Damit an der Urne über das Gesetz abgestimmt werden kann, muss das Komitee bis zum 5. Juli 50 000 Unterschriften sammeln.

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