Neues Leben zum Schluss

Interlaken

Das baufällige Hotel Touriste an der Rugenparkstrasse wird in den nächsten Jahren abgerissen. Wann genau die letzte Stunde schlägt, ist noch nicht klar. Bis anhin hat sich hier eine junge, lebendige Kulturszene eingenistet.

Äusserlich ist das Hotel Touriste beim Bahnhof Interlaken-West definitiv kein Schmuckstück mehr.<p class='credit'>(Bild: Christoph Buchs)</p>

Äusserlich ist das Hotel Touriste beim Bahnhof Interlaken-West definitiv kein Schmuckstück mehr.

(Bild: Christoph Buchs)

Eine brüchige Fassade, ein ungepflegter Umschwung, zum Teil ­kaputte Fenster – der erste Eindruck ist alles andere als einladend, wenn man dieser Tage am Hotel Touriste beim Westbahnhof in Interlaken vorbeigeht. Andernorts würde man wohl von einem Schandfleck sprechen.

Doch der Eindruck täuscht, denn das Hotel lebt. Es blüht nochmals so richtig auf in seinen verbleibenden letzten Jahren. Junge, kreative Menschen gehen hier ein und aus. Hier finden Konzerte statt, Ausstellungen, Partys, ein mehrtägiges Artfestival sogar. Letzteres ist eigentlich auch der Grund, weshalb sich hier vor bald einem Jahr eine Kulturszene niedergelassen hat.

Nutzung ist unentgeltlich

Das Artfestival mit einer Kunstausstellung und abendlichen Konzerten fand erstmals 2015 statt; in den Räumlichkeiten einer ehemaligen Holzbaufirma in Matten. 2016 wurde das Festival im Treibhaus einer Unterseener Gärtnerei ausgetragen. Für 2017 suchte man einen neuen Ort – und stiess mithilfe der Jugendarbeit Bödeli auf das seit längerem leer stehende Hotel Touriste, das allerdings inzwischen keine funktionierende Wasser- und Stromversorgung mehr hatte. «Es lohnte sich nicht, diese Anschlüsse nur für einen Anlass wieder instand zu stellen», sagt Andy Weibel.

So wuchs die Idee, hier eine längerfristige Begegnungsszene einzurichten. Der Verein Zwischennutzung Hotel Touriste wurde gegründet, Weibel ist Co-Präsident. Ein Leihvertrag regelt die Verhältnisse: Die Besitzerschaft überlässt dem Verein unentgeltlich das Hotel und dessen Inventar, der Verein trägt die Gebäudeschutzversicherung, hält Ordnung im Aussenbereich und pflegt einen guten Umgang mit der Nachbarschaft.

Die frühere Hotellobby wurde zu einem Konzertlokal umfunktioniert. Foto: Christoph Buchs

Der kleine Verein – die rund zehn Mitglieder übernehmen allesamt auch ein «Ämtli» – ist offen für jedwelche Anlässe von DJ-Partys über Ausstellungen bis zum Jass- und Tichu-Turnier, wie ein Blick ins Jahresprogramm verrät. Der Eingangsbereich und die ­Hotellobby wurden zur Blago-Bung-Bar mit Bühne umfunk­tioniert, die drei Obergeschosse mit über 25 ehemaligen Hotelzimmern bieten viel Platz etwa für Kunstateliers. Und auch eine Jugendband wurde hier fündig auf der schwierigen Suche nach einem Lokal.

Mehrere Besitzerwechsel

Doch die neue Herrlichkeit im alten Hotel Touriste ist befristet. Schon 2010 machte der damalige Besitzer Peter Kohler publik, das baufällige Hotel zugunsten eines Neubaus abreissen lassen zu wollen. Im Oktober 2016 wurde das Haus versteigert und ging an die City Résidence Interlaken AG. Neun Monate später kam schon der nächste Besitzerwechsel, allerdings offenbar nur auf dem Papier: Die neue Besitzerin – die Immobilienfirma Vanor AG aus Basel – weist die gleiche Ansprechperson auf wie die Dinett Holding AG, die wiederum als Mutterfirma der City Résidence Interlaken AG aufgeführt ist.

Wann genau die Blago-Bung-Crew wieder rausmuss, ist noch nicht klar, denn im Verein weiss man über die Pläne der Vanor AG nicht genau Bescheid. «Unser letzter Informationsstand ist, dass wir das Hotel in rund einem Jahr verlassen müssen, sofern ein Neubauprojekt ohne Einsprachen durchkommt», sagt Weibel. Die Vanor AG war gestern für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.www.facebook.com/blagobung

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