Spiez

Kinderheimmord: Der Sohn bricht sein Schweigen

SpiezDas Obergericht muss den Doppelmord im Spiezer Kinderheim neu ­beurteilen. Der Sohn redete erstmals und nimmt alle Schuld auf sich. Die Verteidigung fordert einen ­Freispruch für den Vater. Doch die Staatsanwältin bleibt hart.

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«Wollen Sie Ihrem Vater helfen?», fragte am Donnerstag der Oberrichter an der Verhandlung den Sohn, der zusammen mit seinem Vater vor einem Jahr im Spiezer Doppelmord verurteilt worden war. Ihnen wird zur Last gelegt, im Mai 2013 einen Heimleiter und dessen Partnerin mit 65 beziehungsweise 56 Messerstichen getötet zu haben.

«Welcher Sohn würde seinem Vater nicht helfen?», entgegnete der Sohn. Er brach damit sein Schweigen und nahm in der Folge alle Schuld auf sich. Anders der Vater: Dieser schwieg, wie schon vor der Erstinstanz, weiter beharrlich. Nicht einmal die Frage des Richters – «Wie geht es Ihnen?» – mochte er beantworten.

Zwei Messer mitgeführt?

Einsilbig und kühl beantwortete der heute 21-jährige Sohn die Fragen der Staatsanwältin, die seine Version der Geschichte anzweifelte. «Warum sind Sie dorthin ­gegangen?», fragte sie. «Ich wollte den Heimleiter umbringen», entgegnete er. «Warum?» – «Weil er mich geschlagen hat, täglich», führte er weiter aus. Und: «Er konnte sich nicht mit jemand seiner Grösse anlegen, solche Leute haben es im Gefängnis nicht einfach», führte er weiter aus und sprach damit auf seine Haft im Massnahmenzentrum Uitikon an, wo er derzeit seine Strafe absitzt. Weiter gab er an, als Tatwaffen zwei Messer benutzt zu haben, die er im Hosenbund versteckt ­gehabt hatte.

«Ich habe meinem Vater gesagt, ich wolle nach Spiez und mich mit dem Heimleiter aussprechen.» Danach schilderte er die Tat aus seiner Sicht, der Heimleiter habe in seinen letzten Atemzügen noch mit ihm gesprochen und gesagt: «Ich sterbe jetzt.» Sein Vater sei erst in die Wohnung gekommen, als er seine Bluttat vollendet hatte.

«Es tut mir sehr leid für die Frau und die Angehörigen der Opfer», sagte er abschliessend. «Was den Heimleiter angeht, dazu sage ich nichts.» Bevor der Sohn den Saal verliess, umarmten sich Vater und Sohn innig und küssten sich auf die Wange: «Ich habe meinen Sohn seit drei Jahren nicht mehr gesehen», sagte der Vater zum Richter.

Zweifel an den Indizien

Die erneute Schilderung der Bluttat setzte den im Saal anwesenden Angehörigen der Opfer zu. So sagte der Vater des männlichen Opfers in einer Pause: «Während der Verhandlung konnte ich fast nicht mehr atmen.» Zwischenzeitlich verliess der Mann den Gerichtssaal. Die Verteidigerin erklärte, die erstinstanzliche Beweisführung sei rechtlich ungenügend, und sie ­hege Zweifel an etlichen Indizien. Der damals 16-Jährige sei aufgrund seiner Aggression sehr wohl in der Lage gewesen, eine solche Tat auszuführen. Schon vor dem Doppelmord sei er negativ aufgefallen: Einbruch, Körperverletzung, Betäubungsmittelmissbrauch oder Morddrohungen. Zudem sei er psychisch angeschlagen.

Vom Sohn gebe es zahlreiche DNA-Spuren im Raum der Opfer, vom Vater hingegen nur eine. Dies bedeute nicht zwingend, dass der Vater zugestochen habe, sondern erst nach der Tat erschienen sei, wie es der Sohn geschildert habe. Sie forderte deshalb einen Freispruch für den 49-jährigen Schweizer, dessen Eltern aus Italien eingewandert sind. Wenn es dennoch zu einem Schuldspruch komme, sei die Strafe zu reduzieren. Und für einen Ersttäter komme eine Verwahrung sowieso nicht infrage. Der Sohn ist vor Jugendgericht bereits wegen Mordes zur Höchststrafe von 48 Monaten rechtskräftig verurteilt worden. Vor Obergericht wurde er am Donnerstag als Auskunftsperson befragt.

Wiederholungsgefahr besteht

Die Staatsanwältin blieb hart und forderte weiterhin lebenslänglich plus Verwahrung: Die Umarmung am Morgen bezeichnete sie als eine «berührende Szene». Aber die Angehörigen der Opfer würden ihre Liebsten nie mehr in den Arm nehmen können, «das darf man nicht ­vergessen». Sie zeigte auf, dass die Schilderungen des Sohnes aufgrund der Erkenntnisse der Gerichtsmedizin unglaubwürdig seien. Und: «Der Verurteilte ist ein Patriarch», die Familie stehe über allem. Dieser wollte sich für das Unheil rächen, das seiner Meinung nach seinem Sohn zehn Jahre vor der Tat im Heim in Spiez widerfahren sei.

Dort habe es zwar Bestrafungen gegeben, wie sie der Sohn geschildert habe, das hätten auch andere, ehemalige Heimkinder bestätigt. Aber für eine solche Bluttat seien die Vorgänge absolut nichtig. Und eine Tatzeugin zu eliminieren, sei besonders verwerflich. Es zeige die vollständige Geringschätzung des Lebens eines anderen Menschen. Die Verwahrung werde angestrebt, da die Wiederholungsgefahr deutlich erhöht sei, wie der Psychiater in seinem Gutachten festhielt.

Wenn jemand Jahre nach einer empfundenen Kränkung Menschen kaltblütig umbringe, zeige das eine auch in Zukunft bestehende Gefährlichkeit, so die Staatsanwältin. Und der Angeklagte weigere sich konsequent, sich mit seinen Problemen auseinanderzusetzen und eine Therapie anzugehen. «Er hat auch nie Reue gezeigt», sagte die Staatsan­wältin. (Berner Oberländer)

Erstellt: 14.12.2017, 22:21 Uhr

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