«Louis Agassiz gilt als Vordenker der Nazis und des Ku-Klux-Klan»

Die Umbenennung des Agassizhorns ist vorerst gescheitert. Hans Fässler, Historiker und Mitglied des Initiativkomitees, erklärt, warum er beim SAC für eine Aberkennung der Ehrenmitgliedschaft von Louis Agassiz kämpft.

Historiker Hans Fässler beim Interviewtermin vor dem Bundeshaus.

Historiker Hans Fässler beim Interviewtermin vor dem Bundeshaus. Bild: zvg

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Die Umbenennung des Agassizhorns ist, wie kürzlich vermeldet, gescheitert. Sind Sie enttäuscht?
Hans Fässler: Schon ein bisschen. Wir waren der Meinung, dass wir uns die vergangenen neun Jahre sehr bemüht haben. Wir waren auch offen für Kompromisse bei der Namensgebung.

Nichtsdestotrotz: Im Oberland herrscht die Meinung, die Nachwelt dürfe sich nicht anmassen, darüber zu urteilen, was frühere Generationen einmal entschieden hatten?
Ein bekanntes Argument, das mit der Wiederholung nicht besser wird. Weltweit gibt es laufend Umbenennungen, weil man gewisse Dinge neu beurteilt. Mit der eingangs erwähnten Haltung ­hätte man nach dem Zweiten Weltkrieg keine Göring-Kaserne oder Hitler-Allee umbenennen können.

Dabei stand doch kürzlich sogar die Südstaaten-Flagge der ­Vereinigten Staaten zur ­Diskussion...
Das ist ein Zeichen, dass Aufarbeitung stattfindet, früher oder später.

Was denken Sie, warum wurde eine Umbenennung abgelehnt?
Es war eine Mischung von verschiedenen Faktoren. Man hat es im Oberland nicht gern, wenn Unterländer, Städter oder gar Linke einem sagen wollen, was zu tun ist. Ein natürlicher Abwehrreflex, den ich nachvollziehen kann.

Sie wurden auch schon als Linksaktivist betitelt, stimmt das?
Ich bin aktives Mitglied der SP. Aber Linksaktivist hat einen negativen Beigeschmack, so würde ich mich nicht bezeichnen. Zudem: Unsere Forderung ging weit über Linke oder SP-Kreise hinaus. Politisch war das sehr breit abgestützt.

Weitere Argumente zur Ablehnung einer Umbe­nennung?
Vielfach ist man der Meinung, Bergnamen seien etwas Unverrückbares. Zudem glaubt man, dass die guten Seiten von Agassiz – seine Forschungen in Geologie und Glaziologie – die anderen Taten mehr als aufwiegen.

Und, tun sie es?
Mittlerweile ist bekannt, dass die umstrittene Bergspitze nicht von der dankbaren Nachwelt einem grossen Geologen gewidmet ­wurde.

Das entspricht nicht ganz der Wahrheit?
Nein, die Benennung des Berges wurde von den Teilnehmern der Agassiz-Expedition von 1840 ins Unteraargebiet ihrem noch jungen und relativ unbekannten Chef gewissermassen geschenkt.

Die betroffenen Gemeinden Grindelwald, Guttannen und Fieschertal argumentierten, die Kosten im Falle einer Umbenennung wären zu hoch.
Die Landestopografie hat uns bestätigt, dass eine Namensänderung eines Gipfels eine Sache von wenigen Sekunden sei und einfach bei der nächsten ordentlichen Neuauflage der Landeskarte realisiert würde. Kosten entstünden keine.

Das Finsteraarhorn links im Bild, rechts davor das Agassizhorn. Bild: Bruno Petroni

Beharrte das Komitee stur auf der Umbenennung in Renty­horn?
Das Komitee «Démonter Louis Agassiz (1807–1873)» war immer kompromissbereit. Es schlug vor, einen namenlosen Nebengipfel mit «Rentyhorn» zu benennen. Es brachte die Variante «Agassizhorn» wird «Kleines Finsteraarhorn». Es war offen gegenüber dem Vorschlag der Walliser Kantonsregierung, dass Agassizhorn nach dem Walliser Pionier der Gletschertheorie in «Perraudinhorn» umzutaufen.

Ohne Erfolg?
Leider, die Gemeinden zeigten sich unbeirrt. Auch als der Bundesrat in seiner Antwort auf eine Interpellation im Nationalrat festhielt, er würde es begrüssen, «wenn sich die zuständigen Gemeinden zu weiterführenden Schritten bewegen lassen».

Also sind die drei Oberländer Gemeinden unbelehrbar?
Interessant ist ja, dass die Idee zu einer Ausstellung über Louis Agassiz von Grindelwald kam und dort auch erstmals durchgeführt wurde. So konnte jeder Interessierte erfahren, wer Agassiz wirklich war.

Einer, der auf einer Plantage in South Carolina den Sklaven Renty fotografieren liess, um «wissenschaftlich» die Minderwertigkeit der «schwarzen Rasse» nachzuweisen.
Genau, er gilt heute als Vordenker für die Nationalsozialisten oder den Ku-Klux-Klan und hatMussolini-Verehrer und Schweizer Frontisten gleichermassen inspiriert. Die Rassehygieniker der Nationalsozialisten beriefen sich auf die Theorien des Louis Agassiz.

Auch als Wissenschaftler ist Agassiz nicht unumstritten...
Wir haben nachgewiesen, dass er zahlreiche pseudowissenschaftliche Theorien vertrat. Mit seiner blinden Ablehnung von Darwins Evolutionstheorie manövrierte er sich endgültig ins wissenschaftliche Abseits.

Sie stellten kürzlich die Frage, ob die Gemeinden Grindelwald, Guttannen und Fieschertal überhaupt lernfähig sind.
Die drei Gemeinden wollten kein Zeichen setzen. Sie argumentierten, der Fall des Agassizhorns zeige, dass die «Namensgebung nach Personen nicht sinnvoll ist». Gleichwohl müsse an der Namensgebung Agassizhorn festgehalten werden.

Was, wenn sich die Gemeinden zu einer Umbenennung entschlossen hätten?
Im Falle einer Umbenennung hätte man ganz klar ein Zeichen gesetzt: «Ja, wir sind weltoffen und gehen kritisch mit unserer Vergangenheit um.» Mehr noch: Dieser Akt hätte weltweit für ein positives mediales Echo gesorgt. Ich bin erstaunt, dass man diese Chance nicht gepackt hat.

Derzeit kämpfen Sie aber an einer anderen Front.
Ja, denn Louis Agassiz ist immer noch Ehrenmitglied des SAC, er wurde 1865 nach Dufour zweites Ehrenmitglied für seine Verdienste als Glaziologe und Naturforscher. Obwohl man in dieser Zeit auch schon wissen konnte, dass er auch ein Rassist war.

Was haben Sie vor?
Die Idee ist, dass man den Antrag an die Abgeordnetenversammlung des SAC stellt, Agassiz die Ehrenmitgliedschaft abzuerkennen. Das kann man.

Doch mit diesem Versuch sind sie ebenfalls gescheitert.
Man muss in der eigenen Sektion den Antrag stellen. Das habe ich beim SAC St. Gallen gemacht. Den Antrag durfte ich begründen, und ich fand auch eine Mehrheit.

Aber?
Einem Mitglied hat das nicht gefallen und hat beantragt, man müsse den Entscheid wieder aufheben, weil es einen Formfehler gab.

Und, gab es den?
Es war tatsächlich ein Formfehler des Vorstandes: Mein Anliegen war nicht unter «Mitgliederanträge» traktandiert. Früher störte das niemanden, aber bei diesem Thema...

Wie geht es weiter?
Jetzt ist der Entscheid aufgehoben und ich muss nächstes Jahr den Antrag nochmals stellen, was ich machen werde. Danach muss die SAC-Abgeordnetenversammlung entscheiden. Das wird wahrscheinlich im Sommer 2017 der Fall sein.

Was macht ihre Mitstreiterin, die Künstlerin Sasha Huber, die 2008 auf dem Agassizhorn eine Erinnerungstafel für den Sklaven Renty auf dem Gipfel montierte?
Sie ist weiter weltweit unterwegs, um über Louis Agassiz aufzuklären. Im Herbst wird es eine Ausstellung im Walliser Kunstmuseum in Sion geben.

Was wünschen Sie sich in der Debatte um das Agassizhorn?
Ich hoffe, dass die betroffenen Gemeinden sich sagen: «Nein, wir sind lernfähig» und selber Schritte zur Umbenennung des Agassizhorns einleiten. Der Bundesrat höchstpersönlich hat sie ja dazu ermuntert, die Fakten sind klar und bei der Landestopografie entstehen bekanntlich keine Kosten. (Berner Oberländer)

Erstellt: 01.09.2016, 19:14 Uhr

Zur Person

Hans Fässler (62) ist Historiker und unter anderem Autor des Buches «Reise in Schwarz-Weiss. Schweizer Ortstermine in Sachen Sklaverei», das die Verstrickungen von Schweizern als Nutzniesser des Kolonial- und Sklavereisystem aufzeigt.

Gletscherforscher und Rassist

Louis Agassiz war zu seiner Zeit ein bedeutender Naturwissenschaftler. Die bekannteste These des Freiburgers stammt aus dem Jahr 1837: Vor Wissenschaftlern erklärte er damals, dass riesige Gletschermassen früher einmal weite Flächen der Erde bedeckt hätten. Diese Aussage führte zu einer langjährigen Kontroverse um die Klimageschichte des Planeten Erde. Noch heute gibt es über 60 nach Agassiz benannte Ortschaften, Strassen, Seen, Berge, Buchten und Tiere. 2002 wurde eine Primarschule in Cambridge, Massachusetts, die ebenfalls Agassiz Namen trug, umbenannt. Sein Grabmal ist aus einem Felsen der Moräne des Aargletschers geschaffen, auf dem einst seine Forschungshütte stand.

Louis Agassiz (1807-1873) (Bild: zvg)

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