«Kaffeesatz lesen kann ich nicht»

Christoph Neuhaus, Vorsteher Justiz-, Gemeinde- und Kirchendirektion erklärt, weshalb der Regierungsrat die Motion Knutti ablehnt.

Regierungsrat Christoph Neuhaus nimmt zur Motion Knutti Stellung.

Regierungsrat Christoph Neuhaus nimmt zur Motion Knutti Stellung. Bild: Beat Mathys

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Grossrat Thomas Knutti macht sich Sorgen um die Grundbuch- und Regierungsstatthalterämter im Oberland. Zu Recht?
Christoph Neuhaus:Eine gewisse Gefahr besteht immer, schliesslich bestimmt das die Politik. Zudem herrscht im Kanton ein Überfluss an Geldmangel. Sparmassnahmen sind gesucht. Andrerseits muss die Verwaltung ­immer mehr Aufgaben übernehmen. Entsprechend ist es eine Daueraufgabe der Regierung, die Verwaltungsorganisation zu überprüfen, ob man sie verbessern kann.

Und wie sieht es 2020 aus?
Kaffeesatz lesen kann ich leider nicht.

Die Regierung möchte also weiter zentralisieren?
Nein. Es ist ein Reflex – nicht nur in der Politik –, wenn etwas nicht läuft wie gewünscht, es mit einer Reorganisation zu versuchen. Dabei wird das Problem oft nur verschoben statt gelöst. Aber wir haben von der Regierung einen Abklärungsauftrag erhalten.

Wann werden die in der Motion angesprochenen Dienststellen zum Thema?
Das kann ich so nicht sagen, da spielen viele Faktoren mit. Wie etwa die Digitalisierung. Heute machen in diesen Ämtern elektronische Kundenkontakte einen sehr kleinen Teil aus. Aber wie ist das in fünf oder zehn Jahren?

Also macht Knuttis Motion Sinn?
Die Regierung lehnt den Vorstoss ab. Nicht weil wir die angesprochene Zentralisierung planen. Aber weil wir uns die Möglichkeiten offenhalten wollen und müssen, um auf allfällige Entwicklungen reagieren zu können.

In ihrer Antwort schreibt die Regierung, es biete sich an, «die Schliessung der Dienststellen Interlaken und Frutigen und damit die Zentralisierung des Grundbuchamtes Oberland in Thun zu prüfen». Eine Zentralisierung muss also stets aareabwärts erfolgen?
Sicher nicht. Im Rahmen der letzten grösseren Reform kam beispielsweise das Betreibungsamt nach Interlaken. Das käme dann drauf an, wo man Raum hätte, wenn wirklich was verändert würde.

Wann kommt die nächste Zentralisierung?
Ich bin gegen Schnellschüsse. Die letzte grössere Reform ist noch nicht so lange her, entsprechend können wir uns Zeit ­nehmen. Bevor entsprechende Schritte veranlasst werden, braucht es eine genaue Auslegeordnung und eine vertiefte Prüfung, ob tatsächlich ein Nutzen erzielt werden kann.

Die letzte Reform brachte keinen Nutzen, erklären Oberländer Politiker. Der Frutiger Gemeinderatspräsident Schmid meint gar, er habe noch keine Zentralisierung erlebt, die Einsparungen gebracht hätte.
Das sind harte Worte. Dabei wird unterschlagen, dass sich die Welt laufend verändert. In meiner Direktion arbeiten noch fast gleich viele Leute wie vor zehn Jahren, die Arbeitslast hat aber deutlich zugenommen. (Berner Oberländer)

Erstellt: 14.11.2017, 16:28 Uhr

Wo die Verwaltungsstellen sind

In einer Motion fordert Grossrat Thomas Knutti (SVP, Weissenburg), Grundbuch- und Regierungsstatthalterämter dürften nicht weiter zentralisiert werden. In seiner Antwort zeigt der Regierungsrat auf, wie die Verwaltung in den Regionen präsent ist. «Selbstverständlich ist sich der Regierungsrat sowohl der Bedeutung der ‹klassischen Bürgernähe› im Sinne des Service public vor Ort wie auch der volkswirtschaftlichen Verantwortung als Arbeitgeber des Kantons bewusst». Dass die Regierung dabei die Pfarrpersonen – 458 Vollzeitstellen – erwähnt, die «im ganzen Kantonsgebiet präsent sind», irritiert Knutti eher. «Es ist ja klar, dass die Pfarrer(innen) in den Dörfern sind.»

Andere Zahlen sind spannender. 10 941 Vollzeitstellen umfasst die Verwaltung des Kantons Bern. 58 Prozent davon konzentrieren sich auf den Grossraum Bern (Bern, Bremgarten, Ittigen, Ostermundigen, Muri-Gümligen und Köniz). «Die starke Vertretung von Mitarbeitenden im übrigen Kantonsgebiet dürfte auch künftig ein prägendes Merkmal der kantonalen Verwaltungsstruktur sein», hält der Regierungsrat fest.

8,5 Prozent der Stellen sind in den Oberländer Zentren Thun, Interlaken, Spiez und Frutigen – knapp mehr als in der Stadt Biel allein. Der Löwenanteil von 5,0 Prozent (541,8 Vollzeitstellen) fällt auf Thun ab. Interlaken kommt auf 1,8 Prozent oder 193,2 Vollzeitstellen, Spiez auf 1,3 Prozent respektive 146,3 Stellen und Frutigen auf 0,4 Prozent (48,1 Stellen). Diese Arbeitsplätze seien für die Gemeinde sehr wichtig, betont Urs Graf, Gemeindepräsident von Interlaken. «Das sind fast 4 Prozent unserer Arbeitsplätze. Und es sind hochwertige Arbeitsplätze.» sgg

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