Jetzt hat der Favergesee Rekordgrösse

Lenk

Auf dem Plaine-Morte-Gletscher tut sich wieder einiges. So ist der Favergesee auf fast zwei Millionen Kubikmeter Volumen angewachsen, und nur einen Kilometer westlich davon hat sich ein neuer, vierter Gletschersee gebildet.

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1,2 Kilometer lang ist er inzwischen, der Favergesee auf dem Plateaugletscher Plaine Morte – das ist Rekordgrösse für das auf 2700 Meter über Meer liegende Gewässer, das vor zwanzig Jahren als kleine Pfütze seinen bescheidenen Anfang genommen hat.

Der Grosse und der Neue

«Die Fläche des Sees war noch nie so gross. Jedoch verringert sich die Höhe des maximal erreich­baren Seespiegels jedes Jahr ein wenig, da der Gletscher durch die Schmelze langsam absinkt. Gleichzeitig wiederum vergrössert sich parallel dazu das potenzielle Volumen», sagt Matthias Huss.

Der Glaziologe der Universität Freiburg beobachtet die Vorgänge auf Plaine Morte seit einigen Jahren genauestens. Und so nahm er auch erstmals einen Augenschein beim Moulin Süd. Dieser neue, vierte Gletschersee am Fusse des Favergesgrats ist aus dem Nichts in Schnelle zu einem ansehnlichen See angewachsen: «Man sollte wohl künftig auch den Moulin Süd in die Überwachung mit einbeziehen», sagt Huss.

«Man sollte wohl künftig auch den Moulin Süd in die Überwachung mit einbeziehen.»Matthias Huss, Glaziologe Universität Freiburg

Der Glaziologe glaubt trotz der Nähe von Moulin Süd und Faverges zueinander aber nicht, dass die beiden Seen in den nächsten Jahren zu einem einzigen See zusammenwachsen werden: «Theoretisch könnte das in zehn Jahren oder noch später passieren – es ist aber eher unwahrscheinlich. Anders als die anderen drei Seen liegt der Moulin Süd nämlich vollständig auf dem Gletscher, die Situation ist hier eine ganz andere.»

Der Berner Geologe Daniel Tob­ler, der die Vorgänge auf Plaine Morte ebenfalls mit grossem Interesse verfolgt: «Wir sind alle extrem gespannt, was da oben in den nächsten Tagen passiert.»

Strubel und Vatseret ruhig

Während die genannten Seen am östlichen und am südlichen Rand des Plaine-Morte-Gletschers die Experten also zurzeit auf Trab halten, ist es um Strubelsee und Vatseretsee in letzter Zeit ruhiger geworden. Die Eisarena des letzteren ist in diesem Sommer vollständig leer, und der Strubelsee weist etwa das halbe Wasservolumen auf im Vergleich zu den Jahren 2011 und 2012 mit einer Viertelmillion Kubikmetern.

Die Gletscherseen werden von den Gemeindeverantwortlichen der Lenk rund um die Uhr überwacht: «Wir haben alle notwendigen Vorbereitungen für allfällige neue Seeausbrüche getroffen», sagt Stabschef und Bauverwalter Jakob Trachsel.

«Wir haben alle notwendigen Vorbereitungen für allfällige neue Seeausbrüche getroffen.»Jakob Trachsel, Bauverwalter

«Sobald sich das Auslaufen andeutet, werden wir die weiteren Schritte wie Information der Anwohner oder Sperrung von Wegen vornehmen.» Man hofft an der Lenk aber natürlich, «dass der Favergesee bei trockenem Wetter langsam auslaufen wird, wie dies im letzten Jahr der Fall war».

Gletscherbeben messen

Der Plaine-Morte-Gletscher ist für Glaziologen und Geologen ein ausgesprochen attraktiver «Patient». Dies zeigen schon nur die vielen Gerätschaften, welche auf dem knapp acht Quadratkilometer grossen Eisriesen verteilt installiert sind. Eine drei Meter hohe Messstation der Universität Freiburg misst Abstrahlung, Lufttemperatur, Wind und Feuchtigkeit, damit die Energiebilanz der Eisoberfläche berechnet werden kann.

Sonden messen Schmelzprozess und Eistemperatur. 15 von der ETH Zürich installierte sogenannte Geofone und sechs Seismometer messen die Erschütterungen des Gletschers. «Diese Beben können sich bei Spaltenbildungen ereignen oder wenn der Gletscher vorwärtsrutscht», erklärt der ETH-Gletscherseismologe und Glaziologe Fabian Walter.

 «Diese Beben können sich bei Spaltenbildungen ereignen oder wenn der Gletscher vorwärtsrutscht.»Fabian Walter, ETH-Gletscherseismologe und Glaziologe 

Und: «Auch wenn das Gletscherwasser im Gletscherinnern mit Hochdruck talwärtsrauscht, entsteht ein Tremor – also Resonanzen in den Kanälen unter der Oberläche.» Nebst Projektleiter Fabian Walter sind ein Doktorand und zwei weitere Teilzeitdoktoranden mit der seismologischen Untersuchung des Plaine Morte beschäftigt. «Und sogar eine Professorin aus San Diego ist involviert», so Walter.

Uniglaziologe Matthias Huss sieht in der ­intensiven Beobachtung des Gletschers einen grossen Vorteil: «Wenn wir mit verschiedenen Messtechniken besser verstehen, wie der Gletscher reagiert, können wir auch genauere Vorhersagen zu Flutwellen bei Seeausbrüchen machen.»

Berner Oberländer

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