«Intuitiv wissen wir, was uns fehlt»

Diemtigtal

Schon mal einen Schneesturm erlebt? Andreas von Arx will mit seinem Buch das «Heimweh Natur» in uns wecken und uns aus der Komfortzone locken: Natur erleben im Kleinen oder im radikalen Umbruch.

Andreas von Arx in seinem Garten auf der Grimmialp im Diemtigtal mit seinem Buch «Heimweh Natur». Foto: Claudius Jezella

Andreas von Arx in seinem Garten auf der Grimmialp im Diemtigtal mit seinem Buch «Heimweh Natur». Foto: Claudius Jezella

Herr von Arx, wir sitzen hier vor Ihrem Haus auf der Grimmialp im hintersten Zipfel des Diemtigtals. Haben Sie hier eigentlich Handyempfang?
Ja hier beim Haus schon, aber je nach Anbieter ist man im Diemtigtal hier und dort offline.

Ich habe nämlich keinen Empfang und dachte gerade: Das ist natürlich auch ein Methode, um zu entschleunigen und der Überreizung im Alltag zu entkommen...
Das stimmt. Bewusst abschalten oder dahin gehen, wo man keinen Empfang hat. Meine Frau und ich probieren gerade aus, wie es ist, funklos zu sein – ohne Handy und WLAN. Es bedeutet Lebensqualität, wenn man selbst bestimmen kann, wann man jemanden erreichen möchte, anstatt ständig getriggert zu werden. Was macht es aber sonst noch mit einem, wenn man ohne Whatsapp, Facebook oder Instagram nicht mehr ständig mit allen vernetzt ist und plötzlich nicht mehr dazu gehört?

Sie sind als Unternehmensberater und Coach nach wie vor auf Ihr Smartphone und einen Computer angewiesen, nehme ich an. Wie stehts mit einem Fernseher?
Wir haben weder Fernseher noch Radio. Internet haben wir per Kabel, also bin ich auch per E-Mail erreichbar.

Sie haben vor zehn Jahren Ihr altes Leben in der grauen Welt hinter sich gelassen. Was hat sich im Vergleich dazu konkret geändert?
In erster Linie die Balance im Alltag. Früher bin ich um 4, 5 Uhr aufgestanden und habe erst einmal E-Mails gecheckt, danach bis 19, 20 Uhr gearbeitet. Abends nach Hause, wieder Mails checken. Der örtliche Wechsel hier ins Tal hat vieles vereinfacht. Ich muss zum Beispiel nicht in ein Fitnessstudio, ich gehe Schnee schaufeln oder laufe am Bach entlang. Auch die Beziehung zu meiner Frau hat einen grösseren Stellenwert bekommen. Früher waren wir beide durch den Beruf gesteuert, heute haben wir viel mehr Zeit miteinander.

Wie kam es zum Neuanfang?
Ich war als Kundenbetreuer im Bereich Informatik tätig: Projekte koordinieren, Probleme lösen – mein Leben fand nur im Kopf statt. Ich kam zu dem Schluss: Nur Mitarbeiter in einer Firma zu sein, das kann doch nicht alles sein, es gibt noch andere Dinge im Leben. Also habe ich meinen Job gekündigt, war reisen und habe vier Jahre als Skilehrer in Arosa gearbeitet.

Und dann kamen Sie ins Diemtigtal. Warum gerade hierhin? Was bietet dieser Ort?
Es ist ein richtiges Bergtal mit Felsen, Wäldern, engen Kurven und der schönen Alp zum Abschluss. Dazu ist die Verkehrsanbindung sehr gut. Von Spiez ist man ohne umzusteigen in ein paar Stunden in Mailand oder Hamburg. Es ist wie ein Mikrokosmos mit Alpwirtschaft. Es gibt zwar keinen Laden hier hinten auf der Grimmialp, aber zahlreiche Kühlschränke von Bauern mit Milch, Wurst, Käse, Joghurt, teilweise sogar Brot. Und: Es gibt so viele Kindheitserinnerungen, die hier wahr werden.

Das klingt nach einem Idyll. Ist es das wirklich?
Es ist natürlich idealisiert. Wenn der Bauer den Mist auf die Wiesen bringt, dann stinkts halt. Man geht natürlich Kompromisse ein, um hier zu sein. Aber wir haben auch eine Heizung und Strom, auch wenn es immer mal wieder Stromausfälle gibt.

Wie sieht ein normaler Tag bei Ihnen aus?
Ich werde um 4, 5 Uhr wach, auch ohne Wecker, dann geht es raus, joggen, aufs Trampolin, danach geschäftliche Kontakte pflegen und online meine beruflichen Tätigkeiten erledigen. Der Gemüseanbau im Garten gehört ebenfalls fest in den Tagesablauf. Gegen Abend sind wir wieder draussen, geniessen den Blick in die Sterne. Da wir keinen Fernseher haben, ist der Platz vor dem Kamin sehr wichtig, bevor es zwischen 8 und 9 Uhr ins Bett geht.

Ihr Buch trägt den Untertitel: Wir vergessen, was uns am meisten fehlt. Was denn?
Ich glaube, dass wir ohne Natur gar nicht leben können: Luft, Wasser. Wenn ich Leuten sage, denken Sie an einen Ort, an dem Sie entspannen können, dann kommen ihnen Wald, Berge, Seen, Meer und Strand in den Sinn. Keiner denkt da an das Sofa vor dem Fernseher. Jeder trägt so viele Kindheitserinnerungen in sich, von Ereignissen, die er in der Natur erlebt hat. Intuitiv wissen wir, was uns fehlt, im Buch geht es darum, das Vergessene wieder wachzurütteln.

Es geht auch um Fragen, die wir uns alle stellen sollten. Welche sind das?
Wo bin ich gerne in der Natur? Was bedeutet mir der Wald? Wo habe ich zuletzt eine Blumenwiese bestaunt? Wann war ich in einem Schneesturm? Hinzu kommen Fragen auf einer weiterführenden Ebene: Wo stehe ich? Gibt es etwas, das ich ändern möchte? Was braucht es, um das zu tun? Ich habe diese Form gewählt, weil mir in meinem Leben Fragen immer am meisten geholfen haben.

Wenn auch ich so leben möchte wie Sie, im Einklang mit der Natur, was muss ich tun? Wie gehe ich vor?
Ich habe diesen Weg gewählt, aber ich hüte mich davor zu sagen, so ist es richtig. Vielleicht sollte man sich zunächst einmal fragen: Was gefällt mir an der Natur? Und Bezug zu dem aufbauen, was da ist. Das kann bereits geschehen, indem man Früchte und Gemüse anbaut. Wenn man den Antrieb hat, rauszugehen, gibt es so viele Orte. Man kann schnell mal eine Auszeit einlegen, nach der Arbeit oder morgens, wenn man einfach mal etwas früher aufsteht. Man kann sich seine Auszeit auch auf dem Balkon nehmen.

Im Buch heisst es, man müsse auf dem Weg zum freien Leben in der Natur viele Opfer bringen – welche denn?

Wenn man den grösseren Weg geht, raus aufs Land, ist das zwangsläufig mit Veränderungen verbunden. So muss man beispielsweise mehr Zeit einplanen für den Arbeitsweg, das Einkaufen. Man muss sich fragen: Welchen Radius lässt der Job überhaupt zu? Schnell mal eben etwas machen, das geht eben nicht. Es ist also das Opfer der Bequemlichkeit, das man bringen muss. Dafür erhält man aber auch einen grossen Mehrwert.

Eine der höchsten Hürden ist wahrscheinlich die Wirtschaftlichkeit. Verkürzt gesagt: Aussteigen als Vater von drei Kindern im schulfähigen Alter – unmöglich.
Natürlich muss der wirtschaftliche Rahmen stimmen. Für grosse Veränderungen muss man auch gemacht sein, und es hat seine Konsequenzen. Dennoch kann es sehr befreiend sein, wenn man etwas wagt und Erfahrungen sammelt. Es gibt doch gerade in der Schweiz gesamtgesellschaftlich eine gewisse Trägheit. Die Natur hilft uns dabei, seine Komfortzone zu verlassen. Wenn man bei Regen, Sturm oder Hagel draussen ist, wird man zwar nass, merkt aber plötzlich, dass es gar nicht so gefährlich ist. Die Welt geht davon nicht unter.

Wenn nun aber die Kinder vielleicht gar keine Lust haben, Playstation und Smartphone gegen Kühe und Berge einzutauschen.Oder der Lebenspartner nicht bereit ist, den Umstieg auf ein einfaches Leben mitzutragen.
Man sollte klein anfangen. Vielleicht auch mal dem Partner oder den Kindern die vorhin angesprochenen Fragen stellen und dadurch in der Familie ins Gespräch darüber kommen, was jeder möchte.

Noch eine grundsätzliche Frage: Von den 8,4 Millionen Schweizern leben laut eidgenössischem Departement für auswärtige Angelegenheiten knapp 85 Prozent in Städten. Sollen die alle aufs Land ziehen?
Nein, natürlich nicht. Ich sage auch nicht, die Schweizer sollen alle zurück in die Natur. Auch im Garten oder auf dem Balkon kann man Natur erleben. Zudem bieten die Schweizer Städte viele Möglichkeiten für Naturerlebnisse. Man merkt eine gewisse Abwanderung, Klassen in Dorfschulen werden geschlossen. Das Landleben ist nicht für alle, aber vielleicht gibt es den einen oder anderen, der sich vorstellen kann, auf dem Land zu bleiben.

Hand aufs Herz: Was vermissen Sie aus Ihrem früheren Leben?
Das Gefühl von Erfolg, das man im Berufsleben hat. Dinge möglichst schnell zu erledigen. Wenn das Rad läuft, ist das natürlich schön. Hier draussen bin ich nicht mehr integriert, habe nicht mehr den ständigen Austausch, das habe ich am Anfang vermisst. Man muss also die Erfüllung in einem anderen Bereich finden, sonst kann es auch schnell langweilig werden.

Berner Oberländer

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