In Spiez ist es fünf vor zwölf

Spiez

Spiez ist als Re­gionalzentrum bedroht, und ohne Grossverteiler blutet der Kern als Einkaufsort aus: Das besagt die Stadtanalyse, die der Gemeinderat initiiert und nun vorgestellt hat.

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Jürg Spielmann

«Spiez muss sich als Dorf ein Stück weit neu erfinden»: Dieses Fazit zieht die Stadtanalyse, ausgearbeitet vom Netzwerk Altstadt, der schweizerischen Vereinigung für Landesplanung. Der Gemeinderat hatte diese mit der Aufgabe betraut, einen ungeschminkten Blick von aussen auf den Ortskern zu richten. «Nichts wird zensuriert. Für Gemeinden ist die Analyse eine Blackbox», ­erklärte Co-Autor Paul Hasler.

Bis dato liessen sich dreissig Schweizer Städte und Gemeinden den Spiegel vorhalten. Franz Arnold sprach von einem «interessanten, ernsten Thema». Auch versprach der Gemeindepräsident, dass die schonungslose Studie auf der Website www.spiez.ch veröffentlicht wird.

Spiez ist kein Sonderfall

Hauseigentümer und Geschäftsleute der Achse Oberlandstrasse–Seestrasse sowie weitere Interessierte waren am Donnerstag zur Vorstellung der Analyse in den Lötschbergsaal eingeladen. Zusammengefasst lässt sich sagen: Spiez ist in einer delikaten Lage, da es, auch «dank» der guten Verkehrsanbindung, zunehmend den Status als Regionalzentrum verliert. «Die sehr gute Erschliessung ist mitschuldig, dass man von Thun aufgefressen wird», so Hasler.

Und er erklärte den Strukturwandel: Eingekauft werde immer mehr in peripheren Einkaufszentren, derweil Ortskerne und deren Ladenlage geschwächt würden. Spiez sei da kein Einzelfall. «Es wird aber nicht einfach sein, das Zentrum zu retten», sprach der Planer Tacheles. In den letzten zwanzig Jahren sei wenig für eine Attraktivitätssteigerung getan worden. Dringend sei der Kern zu stärken, das Einkaufen zwischen Kronen- und Lötschbergplatz zu konzentrieren und die Seestrasse für Tourismus und Begegnung aufzuwerten (vgl. Zweittext).

Schwarz sah er gar, sollten sich einst die Grossverteiler vom Kern abwenden. «Speziell der Verbleib von Coop ist von überragender Wichtigkeit.» Franz Arnold sagte auf Rückfrage, der Gemeinderat sei erst im Januar mit den Verantwortlichen in Kontakt gestanden. «Wir werden das intensivieren.» Ziel: Das Finden einer guten Lösung für Coop und für Spiez. «Die Istsituation ist suboptimal.» Alternative Standorte sind laut Arnold bislang kein Thema gewesen.

Die Stadtanalyse offenbart, dass dringender Handlungsbedarf besteht. «Etwas Kosmetik reicht da nicht aus – Sie haben ein ernsthaftes Problem», so Hasler. Es brauche ein gemeinsames Vorgehen von Eigentümern, Ladenbetreibern, Kanton und Gemeinde, welches die Zukunft des Ortskerns sichern hilft. «Es gilt, gemeinsam ein neues Zentrum zu initiieren und es dann nach und nach umzusetzen.»

In der Diskussionsrunde, von der die gegen hundert Anwesenden regen Gebrauch machten, wurden Kernfragen gestellt, wie sich Verbesserungen erzielen ­lassen – und wer die Investitionen tätigen soll. Hasler sagte, der Detailhandel sei unter Druck, weshalb dort Investitionen schwierig abzuholen seien. «Ein Hauseigentümer hingegen muss imstande sein, investieren zu können, sonst ist er kein guter Hauseigentümer.»

Auch wurde die Frage aufgeworfen, ob man investieren soll, wenn «dieses Let’s Swing» umgesetzt werde. Vizegemeindepräsidentin Jolanda Brunner betonte, dass dies losgelöst von der blockierten Umgestaltung geschehe. «Wir haben den Drang, dass etwas geht», sagte sie. Wie diese Zeitung unlängst berichtete, ist die Neugestaltung der Oberlandstrasse selbst ohne Weiterzug an die nächste Instanz (wegen des Wegfalls von Parkplätzen) 2016 kein Thema mehr.

Nun sei eine Standort- und Angebotsförderung vonnöten, fand eine Anwesende. «Der Gemeinderat wird nun aus den Ergebnissen der Analyse und der Resonanz des Abends heraus festlegen, ob und wie es in der Thematik weitergeht», sagte Franz Arnold. Er betonte, der Gemeinderat sei ein Hauptakteur, aber nicht alleine in der Pflicht. «Zurücklehnen werden wir uns kaum.»

Berner Oberländer

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