Interlaken

«Im Winter bieten wir dem Gast zu wenig»

InterlakenSeit einem Jahr ist Daniel Sulzer Direktor der Tourismusorganisation Interlaken (TOI). Im Interview erklärt er, welches «Zückerchen» er sich für Touristen und Einheimische in Interlaken wünscht.

TOI-Direktor Daniel Sulzer im neuen Infoladen am Postplatz in Interlaken.

TOI-Direktor Daniel Sulzer im neuen Infoladen am Postplatz in Interlaken. Bild: Christoph Buchs

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Bei Ihrem Antritt vor einem Jahr nannten Sie drei Säulen, auf denen Sie Ihre Arbeit aufbauen wollen: Die Marke Interlaken stärken, eine Million Logiernächte pro Jahr generieren und die Bevölkerung für den Tourismus sensibilisieren. Was haben Sie da bisher erreicht?
Daniel Sulzer: Die Absicht, Interlaken als Marke zu stärken, hört nie auf. Oft geht es aber auch darum, Interlaken vor negativen Einflüssen zu bewahren. Da geschieht viel Arbeit im Hintergrund. Aber wir sind auf gutem Weg. Ich habe Indien, China, Japan, Taiwan und Korea besucht, dazu drei Länder in Europa. Und ich stelle fest, dass Interlaken als Brand gut dasteht.

Welche Negativeinflüsse meinen Sie?
Die Diskussionen um das Burkaverbot beispielsweise sind für das Image von Interlaken schädigend. Durch un­sere vielfältige Tourismuslandschaft stellen viele Einheimische auch Fragen. Ich muss mich zwar nie rechtfertigen, aber die Diskussion ist Tatsache.

Ein Artikel in «20 Minuten», in dem es um die Beschimpfung von Touristen durch Einheimische geht, dürfte Ihnen auch nicht besonders gefallen haben.
Solche Geschichten sind für das Image von Interlaken sehr schlecht. Vieles von dem, was dort stand, wirkt herbeigezerrt. Man berief sich auf Statements von einzelnen Vorfällen. Schädigend ist übrigens auch, wenn ausländische Investoren hier einen Hotelbetrieb übernehmen, aber sich nicht um das tourismuspolitische Geschehen kümmern. Dann rückt der Tourismus in den Hintergrund.

Müssen Sie die Einheimischen über die Bedeutung des Tourismus aufklären?
Wir müssen unaufhörlich klarmachen, dass unsere Region bis zu 80 Prozent direkt und indirekt vom Tourismus abhängig ist. Der Tourismus bringt Interlaken enorm viel. So wünsche ich mir von den Einheimischen eine Offenheit gegenüber fremden Kulturen. Gleichzeitig möchte ich auch jenen einen Dank aussprechen, die sich mit dem Tourismus arrangieren.

Haben Sie sich auch schon über Touristen genervt?
Nein. Aber ich kenne das Angebot hier sehr gut und jedermann kann steuern, ob er sich gerade an einem gut besuchten Ort aufhalten will oder nicht. Es bestehen nach wie vor genügend Alternativen in kurzer Gehdistanz, auch für Einheimische. Trotzdem: Für mich ist es eine Freude, eine derartige Vielfältigkeit von Gästen an der Höhematte stehen zu sehen.

Sie wünschen sich eine Million Logiernächte pro Jahr: Warum ist diese Million so wichtig?
Weil es unser Auftrag ist, Logiernächte zu generieren. Eine Million Logiernächte ist gleichbedeutend mit einer guten Auslastung der Hotelbetten. Derzeit liegen wir mit 2,5 Prozent über den Logiernächten vom Vorjahr, sind also auf gutem Weg. Wobei: Wichtiger als die Million in Interlaken ist mir, in der Feriendestination Interlaken – also von Brienz bis Thun – 2,5 Millionen Logiernächte zu generieren.

Dafür müssen Sie Märkte ­bearbeiten.
Wir bearbeiten 30 bis 40 Märkte weltweit, was für eine Tourismusorganisation sehr viel ist. Wir richten unser Marketing direkt an den Endkunden, andererseits besuchen wir fremde Länder und arbeiten mit Profis vor Ort. Die beste Werbung ist aber noch immer jene des zufriedenen Gastes, der zu Hause die Schönheit unserer Region weitererzählt.

Sie wollen auch das Winter­geschäft in Interlaken weiter­entwickeln.
Da geschieht immer noch zu wenig. In vielen Ländern ist der Winter keine wichtige Reisezeit. Und beispielsweise für Deutsche, die im Winter oft reisen, sind wir res­pektive auch die Wechselkurse zu wenig attraktiv.

«Das ‹Ice Magic› ist ein Ankerpunkt. Jetzt geht es darum, im Winter auch Ferientourismus zu generieren.»

Aber Sie haben doch das «Ice Magic» als grosse Attraktion.
«Ice Magic» ist ein Ankerpunkt. Wir haben es geschafft, eine winterliche, weihnächtliche Stimmung aufzubauen. «Ice Magic» ist der Anknüpfungspunkt für viele andere Produkte. Nun geht es darum, im Winter auch Ferientourismus mit längerer Aufenthaltsdauer zu generieren.

Man hört immer wieder von Einheimischen, dass es auf dem Platz Interlaken für Touristen zu wenig Attraktionen gibt.
Für den Sommer würde ich das so nicht unterschreiben, aber für den Winter schon. Vor allem für die Zeit zwischen dem Abendessen und dem Zubettgehen. Da bieten wir dem Gast noch zu wenig.

Ist hier vielleicht die oft angepriesene Swissness eine Lösung?
Solange sie nicht kitschig oder billig ist: auf jeden Fall. Swissness betont den Qualitätsanspruch von Interlaken.

Zurück zu Ihnen und Ihrem ersten Jahr als TOI-Direktor: Was trägt klar den Stempel Daniel Sulzer?
Ich habe den Ferientag nach Interlaken holen können. Im nächsten April treffen sich rund 1300 Schweizer Touristiker für ihren Kongress in Interlaken. Sowieso ist es ein wichtiges Ziel von mir, grössere und wertschöpfendere Anlässe nach Interlaken zu holen. Ebenfalls würde ich mir auf die Fahne schreiben, dass ich nahe an unseren Märkten bin. Eine internationale Kontaktpflege erachte ich ebenfalls als meine Aufgabe.

In den Medien scheinen Sie allerdings weniger vertreten als Ihr Vorgänger . . .
Ich trete durchaus gerne öffentlich auf – wenn es um die Marke Interlaken geht. Ich erachte es für Interlaken als wenig dienlich, an Seminaren zu erklären, wie richtiger Tourismus funktioniert. Aber wenn etwas für Interlaken gut ist, bin ich voll dabei – und ­stehe auch für Interlaken vor die Kamera.

Zum öffentlichen Verkehr: Die BLS und die SBB kämpfen derzeit um die Fernverkehrslinien, darunter auch jene von Interlaken. Tangiert Sie das?
Wer den Fernverkehrsanschluss von Interlaken sicherstellt, ist für mich zweitrangig. Alle Partner sind wichtig, solange die Qualität hochstehend ist. Ich wünsche mir aber, dass Interlaken wieder eine direkte Verbindung mit dem Flughafen Zürich erhält. Eventuell ist das ab 2020 wieder der Fall, da laufen derzeit Gespräche. Aber auch andere Anbindungen wären für uns interessant.

«Der TGV zwischen Paris und Interlaken wird vorübergehend aus dem Fahrplan gestrichen –frustrierend.»

Zum Beispiel?
Warum nicht Innsbruck oder Wien? Viele Gäste reisen via Wien in die Schweiz, so wie viele aus dem Nahen Osten via London kommen und andere wiederum via Paris. Der TGV zwischen Paris und Interlaken wird vorübergehend aus dem Fahrplan gestrichen, wie uns die Bahnpartner trotz einer mündlichen Zusicherung kürzlich mitgeteilt haben. Für uns ist das natürlich sehr frustrierend. Da müssen wir immer an der vordersten Front kämpfen, damit wir nicht umgangen werden.

Und wie klappt es mit demöffentlichen Verkehr auf dem Platz Interlaken?
Sehr gut, da kann ich wirklich nur Positives berichten. Einen Wunsch habe ich übrigens: dass Touristen und Einheimische zwischen Interlaken-Ost und -West künftig gratis reisen können. Vielleicht lässt sich das mal realisieren. (Berner Oberländer)

Erstellt: 04.11.2017, 14:24 Uhr

Zur Person

Daniel Sulzer (49) trat im September 2016 die Nachfolge von Stefan Otz als Direktor der Tourismusorganisation Interlaken an. Seine beruflichen Tätigkeiten führten ihn unter anderem als Marketing- und Verkaufsleiter zur Alpenregion Brienz-Meiringen-Hasliberg und danach als Geschäftsführer zur Berner Oberländer Helikopter AG.

Zuletzt war er als Teamleader im internationalen Marketing bei der Ruag Aviation in Wilderswil tätig. Daniel Sulzer wohnt in ­Unterseen, ist verheiratet und hat zwei Kinder. cb

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