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«Ich versuche, jeden Tag zu geniessen»

Die Frage «Warum ich?» hat sich die Diemtigtalerin Nadine Neukomm nie gestellt. «Ich hatte immer das Gefühl, dass mir das Leben etwas sagen will.» Die 31-jährige lebt seit fast fünf Jahren mit einem Tumor.

Äusserlich ist Nadine Neukomm heute kaum etwas anzusehen – innerlich jedoch ist ihr Körper von verschiedenen Eingriffen gezeichnet.
Äusserlich ist Nadine Neukomm heute kaum etwas anzusehen – innerlich jedoch ist ihr Körper von verschiedenen Eingriffen gezeichnet.
Christoph Buchs

Nadine Neukomm war eine Frau auf Zack. Engagiert und überall dabei. Als Rocksängerin auf der Bühne. Als Jodlerin beim Jodler-Open-Air im Diemtigtal. Als eifrige KV-Mitarbeiterin in verschiedenen Büros. «Ich habe mit schnellem Tempo gelebt», sagt die 31-Jährige. Damit ist es vorbei. Spätestens seit sie nur noch einen Lungenflügel hat.

Bis vor viereinhalb Jahren lebte die Horbodnerin ihr unbeschwertes Leben. Sporadisch suchte sie ihren Hausarzt auf wegen eines Stechens in der Brust, vor allem beim Einatmen. Der Arzt vermutete eine Rippenfellentzündung, schickte die junge Frau mit Schmerzmitteln wieder nach Hause. «Im Sommer 2012 verging das Stechen einfach nicht mehr», sagt Neukomm. Wieder ein Arztbesuch, diesmal eine Untersuchung mit Ultraschall. Auf beiden Lungenflügeln war Wasser zu ­sehen. Nun schickte sie der Arzt nicht nach Hause, sondern auf direktem Weg ins Spital.

Zweieinhalb Tage verbrachte Nadine Neukomm im Spital Thun. Wurde von einer Untersuchung zur nächsten geschickt. Durfte nichts essen, weil sie jederzeit für eine allfällige Operation bereit sein sollte – mehr verriet man ihr nicht. Der damals 27-Jährigen ging alles Mögliche durch den Kopf. «Ich dachte: ‹So mitleidig und distanziert, wie die mich hier alle ansehen, liege ich wohl im Sterben.›»

Erst nach einer gewissen Zeit teilte ihr ein Arzt des Inselspitals den Verdacht mit, dass es sich wohl um Krebs handle. Er vermutete zuerst Lymphdrüsenkrebs. Diagnostiziert wurde schliesslich ein Thymom, ein Tumor des Thymus. Dieses Organ befindet sich direkt auf dem Herz, zwischen den beiden Lungenflügeln. Bei Kindern ist der Thymus für den Aufbau des Immunsystems zuständig; bei Erwachsenen entfällt die Funktion.

Depression statt Erleichterung

Trotz der Schockdiagnose war Nadine Neukomm auch erleichtert, weil das Thymom in der Regel kein aggressiver Tumor sei, wie man ihr mitteilte. «Sie zeigten mir sofort die Behandlungsmöglichkeiten auf – und ich war zum Kampf bereit.» Trotzdem hatte sie vor der ersten Operation grosse Angst. Am 6. September 2012 wurde ihr Brustkorb aufgesägt, der Thymus mitsamt dem eigrossen Tumor und einem Teil des Herzbeutels entfernt. Ein Teil des Lungenflügels kam ebenfalls schon raus. Zu diesem Behandlungsblock gehörte auch eine Bestrahlung. Darauf hatte Nadine Neukomm «äs Momentli Rueh», wie sie sagt.

«Die Krankheit brachte eine Tiefe in unsere Beziehung, die wir ohne dieses Schicksal nicht erreicht hätten.»

Dann geschah ihr das, was vielen Krebspatienten nach einer erfolgreichen Behandlung passiert: Sie verfiel in eine Phase der Depression. Schlafstörungen, Energielosigkeit sowie eine durch Schlaf nicht aufholbare Müdigkeit schlichen sich ein. Dies sei normal, meinte der Hausarzt. Und es sollte sich nach den weiteren Therapien in den darauffolgenden Monaten tatsächlich jedes Mal wiederholen. «Während der Behandlung schafft man es, stark zu sein. Hat man diese hinter sich, kommt der grosse Einbruch.»

Ende 2013, während einer Nachkontrolle, erkannten die Ärzte etwas Neues in Nadine Neukomms Brustkorb, konnten es aber nicht zuordnen. Wochen später stand fest, dass es sich tatsächlich um neu gebildetes Tumorgewebe handelte. Diesmal empfahl man ihr eine Chemotherapie in fünf Zyklen über drei Monate verteilt. Trotz aller Angst vor dem Gift, das in ihren Körper floss, blieb im Behandlungszimmer auch Platz für Galgenhumor: «Über den einen Chemostoff haben wir oft Witze gemacht, weil er leuchtend orange war, genau wie das Getränk Aperol.» Bei ihren Chemotherapiesitzungen war Nadine Neukomm nie allein da. Sie machte es zum Ritual, jemanden mitzunehmen.

Die platinblonde Perücke

Nach den Therapien hatte die Patientin aber vorübergehend nicht viel zu lachen. «Spätestens als ich zu Hause aus dem Auto ausstieg, war mir schlecht.» Die penetrante Übelkeit blieb jeweils einige Tage. Zurück war auch wieder die Angst. Wegen des angeschlagenen Immunsystems. Sie traute sich nicht mehr unter die Leute, fürchtete sich vor einer Lungenentzündung. Panikattacken ereilten sie auch im Alltag. Mitten in der Nacht wachte sie auf, zitterte am ganzen Körper, hatte Herzrasen. Mehrmals suchte sie die Notfallstation auf. Zum Glück gab es dort meist schnell Entwarnung.

So veränderte sich Nadine Neukomm während der Behandlung. Animation: ngg
So veränderte sich Nadine Neukomm während der Behandlung. Animation: ngg

Zwölf Tage nach der ersten Chemositzung verlor Nadine Neukomm ihre Haare. Für sie war dies nicht so schlimm. Schon eher für ihren Partner. Sie liess sich eine moderne, platinblonde Perücke anfertigen. «Jemand, der mich nicht kannte, hätte gar nichts gemerkt.» In den eigenen vier Wänden trug sie aber ihre Glatze, weil die Perücke hier unpraktisch war. Ihre Mutter hatte ihr Käppchen gestrickt, in allen Farben, damit sie immer etwas hatte, das zur Kleidung passt.

«U de grennisch haut o mau!»

Nadine Neukomm erzählt ihre Geschichte mit bedächtig gewählten Worten, zuweilen mit Humor. Auf die Frage, wie sie ihre Diagnose der Familie und den Freunden überbracht habe, kommen ihr jedoch die Tränen. «Das war für mich das Schlimmste», sagt sie. «Meine Leute so machtlos zu sehen, von der Situation überfordert – und ich konnte nichts dagegen unternehmen.» So eine Diagnose mache einfach Angst. «Man hat Angst davor, dass es so endet, wie man nicht möchte. Sie wollten es mir nicht zeigen, aber ich sah es ihnen an – und umgekehrt.» Eine solche Diagnose nehme eben nicht nur die kranke Person mit, sondern das ganze Umfeld.

Nadine Neukomm entschied sich im Verlauf ihrer Krankheit meist für eine offene Kommunikation. Und erntete dafür von ­gewissen Seiten auch etwas Unerwartetes: Schweigen. Einige weichen ihrer Krankheit aus. Wollen nicht darüber reden. Das kann sie nicht nachvollziehen. Ihr ist es wichtig, darüber zu sprechen. «U de grennisch haut o mau!» Wenn man dies nicht tue, sei es wie ein Kochtopf: Alle halten den Deckel drauf, aber irgendwann kocht das Wasser trotzdem über. Einige Kontakte wurden deswegen oberflächlicher. Andere wiederum stärkten sich durch die Diagnose. Auf Facebook machte Nadine Neukomm letzten Sommer einen Aufruf. Sie suchte Leute, die ebenfalls gegen den Krebs kämpfen, für den gegenseitigen Austausch. Daraus entstand nun eine Gruppe mit acht Frauen. Man trifft sich regelmässig und unterstützt sich gegenseitig über Whatsapp.

Auch positive Seiten

Die Diemtigtalerin kann ihrer Krankheit durchaus auch positive Seiten abgewinnen. Die Beziehung zu ihrem Partner Ändu war zum Zeitpunkt der Diagnose noch relativ frisch. Sie hält bis heute. Mehr noch: «Die Krankheit brachte eine Tiefe in unsere Beziehung, die wir ohne dieses Schicksal nicht ­erreicht hätten.» Dies sei schön – und nicht selbstverständlich. Auch bei ihren Eltern, die sich getrennt hatten, als Nadine 14-jährig war, habe die Krankheit etwas ausgelöst. Man rückte wieder näher zusammen.

Die Nähe zu Tieren ist Nadine Neukomm wichtig. «Die Besuche bei den Kälbern und Kühen meines Lebenspartners gaben mir immer wieder Kraft.»
Die Nähe zu Tieren ist Nadine Neukomm wichtig. «Die Besuche bei den Kälbern und Kühen meines Lebenspartners gaben mir immer wieder Kraft.»

Doch da sind auch körperliche Einschränkungen, die das einstige Energiebündel gebremst haben. Im Sommer 2014 wurde der rechte Lungenflügel inklusive Rippenfell komplett entfernt. Das Zwerchfell wurde durch ein Kunststoffnetz ersetzt. Im Anschluss an die Operation folgte eine innerliche Chemotherapie. Von diesem schweren Eingriff konnte sie sich lange Zeit nicht erholen. Die Mithilfe auf dem Landwirtschaftsbetrieb ihres Partners ist seither kaum mehr möglich. Für Besuche im Stall bei den geliebten Kühen und Kälbern fehlte die Kraft.

Und das Singen, ihre grosse Leidenschaft, ist nicht mehr im gleichen Rahmen möglich: Bedingt durch die fehlende Luft hat sich ihre Stimme verändert. Aber Nadine Neukomm lässt sich davon nicht unterkriegen. «Ich habe mir jemanden gesucht, der mit mir an meinem Gesang und meiner Atemtechnik arbeiten wird», sagt sie. Mit Yoga und Physiotherapie will sie ihren Körper wieder aufbauen. Und gegen die permanenten Muskelverspannungen – eine Folge des entfernten Lungenflügels – helfen Sport, Massagen und notfalls Schmerzmittel.

«Ich freue mich so sehr auf alles Gute, das noch bevorsteht.»

Im letzten August wurde eine weitere Bestrahlung fällig. Danach war sie kräftemässig erneut am Nullpunkt: Jede Kleinigkeit im Alltag bedeutete einen Kraftakt. Nadine Neukomm befindet sich noch immer in der Rehabilitation. Vor ein paar Wochen zog sie mit Ändu in eine schöne neue Wohnung ein. Der Umzug forderte die Patientin stark. «Ohne Unterstützung von Familie und Freunden hätte ich das nicht geschafft.»

Mit Freude in die Zukunft

Gemäss der letzten Nachkontrolle im Februar haben sich die Tumoren zurückgebildet. Bis auf weiteres steht keine Behandlung an. Auch im Beruf kann sie wieder Fuss fassen. Im Sommer wechselt sie vom Tourismusteam in das Naturparkteam Diemtigtal. Für sie bedeutet dies eine grosse Entlastung. «Generell haben mich alle meine Arbeitgeber während der Krankheit immer sehr unterstützt.»

Sie habe die Hoffnung nie aufgegeben. Auch der Glaube an Gott habe sie durch die schweren Tage getragen. «Ich probiere, jeden Tag zu geniessen», sagt sie. «Das gelingt mir überhaupt nicht immer. Aber ich bin sehr dankbar für die vielen schönen Stunden, die ich erleben durfte. Und freue mich so sehr auf alles Gute, das noch bevorsteht.»

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