«Hier bin ich frei»

Tausende fahren täglich an ihm vorbei, nur wenige bemerken es –  und trotzdem ist der Camping Aareschlucht in Innertkirchen seit drei Generationen eine Erfolgsgeschichte. Eine Reportage.

Frei im tiefen Tal: Campingbetreiberin Jacqueline Abplanalp.

Frei im tiefen Tal: Campingbetreiberin Jacqueline Abplanalp. Bild: Christoph Buchs

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Die meisten, die am Camping ­Aareschlucht vorbeirasen, bemerken den malerischen Platz unterhalb der Hauptstrasse, welche die vor allem bei Töfffahrern heiss geliebten Pässe Grimsel und Susten erschliesst, gar nicht.

Wer registriert, dass in der Senke zwischen Talboden und Eingang zur Aareschlucht Zelte und Wohnwagen stehen, ist höchstens versucht, zu fragen: «Wer bitte macht hier Ferien, an einer so viel befahrenen Strasse?!»

Jacqueline Abplanalps Antwort auf die Frage ist pragmatisch: «Vorab Gäste aus der Schweiz, dann Deutsche und Holländer – aber letztlich Menschen aus aller Welt: Italien, Kroatien, Russland, Israel, Korea und anderen Ländern.» Es ist ein ruhiger Tag, als der Redaktor dieser Zeitung auf Besuch ist; die Hochsaison, die mittlerweile angelaufen ist, steht vor der Tür.

Die Campingbetreiberin mäht mit der Motorsense die Ränder der Stellplätze, vorher musste die trockene Wäsche abgehängt werden, zwischendurch werden Gäste in Empfang genommen oder verabschiedet.

«Ich kann meine Arbeit selber einteilen, ich bin auch bei den Kindern, wenn ich arbeite – und begegne spannenden Menschen aus aller Welt.»Jacqueline Abplanalp

Ehemann Andreas Abplanalp ist nach Dienstschluss in seinem Job als Postautofahrer daran, einen Standplatz frei zu machen – Abschleppdienst inklusive. «Ein Gast hat sein Fahrzeug stehen lassen, und wir können ihn auf keine Art und Weise mehr erreichen», berichtet Jacqueline Abplanalp. Auch das gehört zum Dasein als Campingbetreiber.

Dritte Generation

Abplanalps führen den Campingplatz bei der Aareschlucht in dritter Generation. «Leben können wir davon nicht», sagt Jacqueline Abplanalp. «‹Ds Grosi›, Andreas’ Mutter, machte eine Zeit lang ein gutes Geschäft.

Aber diese Zeiten sind vorbei.» Und trotzdem schwärmt sie von ihrer Arbeit: «Hier bin ich frei. Ich kann meine Arbeit selber einteilen, ich bin auch bei den Kindern, wenn ich arbeite – und begegne spannenden Menschen aus aller Welt.»

Zum Beispiel Laure und Fernando. Die 25-jährige Belgierin und der 23-jährige Spanier leben in Brüssel und sind unterwegs zu seiner Familie in Spanien. «Wir waren noch nie zuvor in der Schweiz», begründet sie den Halt im Oberland. Drei Tage bleibt das Paar auf dem Camping Aare­schlucht, dann logiert es noch ein paar Tage in Interlaken.

«Wir fanden den Platz im ACSI-Führer», sagt er und betont: «Grosse Plätze mit viel Action sind nicht unser Ding. Wir mögen familiäre Atmosphäre, wenn man auch mal ein Wort mit den Betreibern des Platzes wechseln kann.»

Sportliche Gäste

Das können die Gäste bei der ­Familie Abplanalp gewiss. Doris und René Hugentobler aus Fischenthal ZH, kommen gegen Abend zurück von einem Ausflug aufs Jungfraujoch. Sofort steht Weisswein und Bier für alle vier auf dem Tisch, man unterhält sich, flachst über die Touristen auf dem Joch und rühmt die Schönheit der Sehenswürdigkeiten auf dem Top of Europe.

«Wir haben einen Wohnwagen auf einem fixen Stellplatz», sagt Doris Hugentobler. «Im Sommer sind wir sicher jedes zweite Wochenende hier», fügt ihr Ehemann an, «zum Wandern – oder ‹eifach da sy u gniesse!›» Während der «normale» Campingbetrieb von Oktober bis Mai ruht, können die Dauermieter die Anlage ganzjährig nutzen. «So sind wir auch im Winter hier, um in Hasliberg Ski zu fahren oder zum Langlaufen in Gadmen.»

«Im Sommer sind wir sicher jedes zweite Wochenende hier.»René Hugentobler

Sportlich unterwegs ist auch der 29-jährige Steven Voskuilen aus Holland. «Heute war ich auf dem Susten, gestern habe ich Furka und Grimsel gemacht», sagt der begeisterte Radfahrer. «Jetzt will ich mich mit einem Bad im Brienzersee abkühlen, bevor es morgen zurück nach Holland geht.» Drei Tage dauert sein Aufenthalt auf dem Camping ­Aareschlucht, den er auf Empfehlung von befreundeten Kletterern gefunden hat.

Ziel: Stammgäste gewinnen

Auch wenn die Website ein wichtiger Buchungskanal ist und sie derzeit daran ist, die Präsenz des Campingplatzes auf Plattformen wie Facebook oder Instagram aufzubauen, sagt Jacqueline Abplanalp: «Mund-zu-Mund-Werbung ist immer noch etwas vom Wirkungsvollsten, das es gibt – vor allem wenn man wie wir daran ist, eine neue Stammkundschaft aufzubauen.»

Denn: Die erste Generation von Stammkunden gibt das Campen nach und nach auf – und die heutige Klientel ist nicht mehr von der Art, dass sie zwei, drei Wochen auf einem Campingplatz bleibt, um Ferien zu machen. «Die Leute reisen viel mehr», sagt Jacqueline Abplanalp, freut sich dann aber umso mehr, wenn Gäste nach einem ersten Besuch wieder zurückkommen. Und prompt treffen am Abend zwei Tschechen mit ihren vollbepackten Töffs ein: «Die waren auch schon da», sagt Andreas Abplanalp zufrieden.

Direkt an der Strasse: Der Camping Aareschlucht. Bild: Bruno Petroni

Mit der untergehenden Sonne nimmt auch der Lärm von der Strasse ab, bis mit dem Einbruch der Dunkelheit das Rauschen der Aare und das Zirpen der Grillen zum Soundtrack einer Mondscheinnacht zwischen den hohen Felswänden anschwillt.

Und nach einer Nacht, in der nicht ein Motorengeräusch zu hören ist, erwacht ein neuer Sommertag am Eingang der Aareschlucht. Der Radler aus Holland ist schon weg und auch das belgisch-spanische Pärchen packt seine sieben ­Sachen.

Bisher erschienen: «Hotels und ihre Bewertungen im Internet», «Ausländische Investoren und der Hotelimmobilienmarkt», «Airbnb & Co.». (Berner Zeitung)

Erstellt: 15.07.2017, 14:33 Uhr

Branche im Wandel

2016 wurden schweizweit 3,1 Millionen Übernachtungen auf Campings registriert. Mit deren 314?000 rangiert das Berner Oberland an vierter Stelle.

314'000 Übernachtungen wurden allein im letzten Jahr auf den Campingplätzen im Berner Oberland registriert, 2,3 Prozent mehr als im Vorjahr. Und nicht nur im Oberland zeigt die Belegungs­kurve auf den Campingplätzen aufwärts: Schweizweit legten die Zahlen 2016 um satte 5 Prozent auf 3,1 Millionen Übernachtungen zu. Mit mehr als 60 Prozent machen Gäste aus der Schweiz den Löwenanteil aus, knapp 15 Prozent reisen aus Deutschland an, und das Campingvolk der Holländer macht 7 Prozent der hiesigen Gäste aus.

Mehr Gäste, weniger Plätze

Bemerkenswert ist, dass die Zahl der Übernachtungen zwar steigt, die Aufenthaltsdauer der Gäste aber seit Jahren kürzer wird. Diese beiden Fakten kombiniert bedeutet: Es sind mehr Gäste auf Campingplätzen unterwegs.

Während sich die Übernachtungszahlen im letzten Jahr erholen konnten und die Branche nach Jahren des Schrumpfens auf eine Trendwende hofft, sieht es bei den Anbietern von Campingplätzen immer noch düster aus: Auch letztes Jahr mussten Betreiber von Plätzen ihr Geschäft aufgeben, sodass es Ende Jahr laut dem Bundesamt für Statistik noch 406 Campingplätze gab. 2012 waren es noch 423.

Investitionen nötig

So lässt der Gästezuwachs des letzten Jahres die Branche denn auch nicht in Jubel ausbrechen. Auch im Campingsegment ist klar: Wer überleben will, muss preiswert sein, aber auch in die Infrastruktur investieren. «Plätze an guten Lagen wie etwa solche mit direktem See- oder Flussanstoss oder an aussergewöhnlichen Standorten, jene mit Autobahnanschluss und mit guter ­Infrastruktur bezüglich Strom, WLAN, Sanitäranlagen sowie solche mit genügend grossen Parzellen» seien gefragt, liess sich vor kurzem ein TCS-Sprecher im «Bund» zitieren. Und mit der Aussage «Heute wird von den Kunden deutlich mehr Komfort gefordert als früher», erklärte er, was in der Branche als Glamping bezeichnet wird: die Mischung aus Glamour und Camping – Bungalows mit fixen Installationen anstatt Wohnwagen und ­Zelte mit Gruppenküche und -duschen.

Specials für Wohnmobile

Oder mit anderen Worten: Was vor einigen Jahren noch ein normaler Campingurlaub war, gilt heute schon fast als Adventure-Ferien. Hinzu kommt, dass immer mehr Camper mit komplett ausgerüsteten Wohnmobilen unterwegs sind und ausser Strom, Wasser und einem Tank zum Entsorgen des Schmutzwassers gar nicht mehr viel brauchen. Für sie bietet jetzt der TCS sogenannte Stop-&-Go-Plätze an: Wer erst um 18 Uhr eintrifft und am morgen vor 9 Uhr abfährt, bezahlt pauschal 25 Franken pro Nacht für zwei Personen. maz

Wachstum im Agro-Tourismus

Nicht nur die Betreiber von Campingplätzen verzeichnen eine wachsende Nachfrage. Auch im Agrotourismus geht es aufwärts.

Neben den Campingplätzen ist der Agrotourismus eine andere Beherbergungsform, die sich in der Schweiz immer grösserer Beliebtheit erfreut. Unter dem Dach von Agrotourismus Schweiz werden mehr als 320 Anbieter in der ganzen Schweiz vermarktet, 16 von ihnen in der Region Thun/Berner Oberland. Dabei geht es um Angebote wie Übernachtungen auf dem Bauernhof – im Stroh, in einem Zimmer, in einer Ferienwohnung, im Mehrbettzimmer – aber auch um den Verkauf direkt ab Hof, Veranstaltungen und Gastronomie auf dem Hof. Entstanden ist Agrotourismus Schweiz durch den Zusammenschluss der Organisationen Schlaf im Stroh, Ferien auf dem Bauernhof und Tourisme-rural.ch in Zusammenarbeit mit dem Schweizer Bauernverband. «Die Zusammenarbeit ist wichtig, damit man Synergien nutzen und so stärker am Markt auftreten kann», schreiben die Agrotouristiker auf ihrer Internet­seite.

Wichtig: Sicherheit, Idylle

«Ein gemeinsames Logo, gebündelte Angebote und ein transparentes Qualitätsprofil tragen dazu bei, dass der Agrotourismus in der Schweiz wahrgenommen wird – sowohl auf Seite der Gäste als auch auf Seite der Anbieter», heisst es weiter. Die Zahlen geben ihnen recht: 2016 wurden 31 500 Logiernächte über das elektronische Reservationssystem gebucht, ein Plus von 1,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

«Der Sicherheitsaspekt in der Schweiz, die Idylle in intakter Natur und der direkte Bezug zu Tieren und Pflanzen sind wohl ausschlaggebend dafür, dass immer mehr Gäste ihre Ferien bei Landwirten in der Schweiz verbringen möchten», heisst es in der Jahresbilanz der Organisation. 86 Prozent der Gäste kommen aus der Schweiz, 10 Prozent sind Deutsche. Nebst dem Übernachtungsangebot für Familien, Erwachsene und Gruppen stellen immer mehr Landwirte ihre Infrastruktur auch Firmen und Vereinen zur Verfügung. «Immer beliebter» seien die Höfe auch bei Unternehmen und privaten ­Gesellschaften, welche ihre Seminare und Firmenanlässe, aber auch Geburtstags- und Hochzeitsfeiern auf Bauernhöfen durchführen. pd/maz

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