Zum Hauptinhalt springen

Gstaad Menuhin Festival: Zwischen Meditation und Ekstase

Unter Jaap van Zweden hat das Gstaad Festival Orchestra die Zeltkonzerte eröffnet. Zweimal mit Brahms. Davon einmal mit der phänomenalen Pianistin Hélène Grimaud.

Gemittet, dabei: Hélène Grimaud braucht keine Extravaganzen, um ihre Botschaften rüberzubringen. Schlichte Hingabe ist alles.
Gemittet, dabei: Hélène Grimaud braucht keine Extravaganzen, um ihre Botschaften rüberzubringen. Schlichte Hingabe ist alles.
pd/Raphael Faux

Sie ist so etwas von zentriert. Konzentriert und gelassen zugleich. Bei sich selbst. Bei Brahms und seinem aufwühlenden, finessenreichen Klavierkonzert Nr. 1 d-Moll op. 15. Fern von jeglicher ablenkenden Äusserlichkeit.

Hélène Grimaud muss keine Umwege gehen, um die Essenz des Werks herauszukristallisieren und ihren Part klar zu schreiben. Die 48-jährige Französin bringt Feingespür und Dezidiertheit zu einer Einheit zusammen, die auch am ersten Zeltkonzert (alle 1800 Plätze ausverkauft) des Gstaad Menuhin Festivals für bewegende Momente sorgt.

Zauber des besonderen

Denn Brahms liefert pulsierenden Stoff (wie etwa nach der Pause mit der Sinfonie Nr. 1 c-Moll) mit grossen, dunklen, wabernden Bögen, grummenden Abgründen, aber auch sehr warmen Farbstrukturen. Und natürlich den feinen, versponnenen Details um die Sehnsüchte rund um die von ihm so verehrte Clara Schumann.

Der zweite Satz des Klavierkonzerts etwa ist ein einziges Largo voller Hingabe und Leuchtkraft an diese Frau. Grimaud erfasst die Spur, essentiell, schnörkellos, mit dem Zauber des Besonderen im klaren Klang.

Und mit dem gezielten, durchaus auch gepowerten, nie forcierten Zugriff in die Tasten, wenn die Seele brennt, das Feuer lodert, das Ringen keine Grenzen kennt, die Wallungen kochen.

In der schlichten Art ihrer Erscheinung und ihrer Ausstrahlung schwingt bei Grimaud eine spezielle Spannung, ein magisches Flair mit. Unvergleichlich, was für Klangbilder ihr gelingen. Auch in der Wucht bleibt sie gemittet, braucht keine Extravaganzen. Und liefert – da viel beklatscht – noch eine herrliche Etude von Leoš Janá?ek als Zugabe nach.

Alle Fühler draussen

Und so wird dieser Abend «Hoch auf dem Berg, tief im Tal» ein Gipfellauf hin zur Ekstase mit Abstiegen in die Innenschau der Meditation, wo sich Erkenntnisse von Schmerz und Verlust einstellen.

Das Gstaad Festival Orchestra hat auch in der 1. Sinfonie alle Fühler draussen. Es entwirft ein Epos von monumentaler Kraft mit herrlich gereiften Klangströmen – üppig, aber nicht durch Routine verfettet.

Da ist alles drin: von der Bassschwärze bis in den Geigenhimmel, von den enorm schmiegsamen Celli bis hin zum jubilierenden Bläserchoral, von der einlullenden ersten Geige bis zu den wunderbaren Soloverzierungen von Horn, Klarinette und Oboe.

Abheben, Berge erklimmen: Dirigent Jaap van Zweden ist ein intensiver Former und genauer Gestalter, will hoch hinaus. Foto: pd/Raphael Faux
Abheben, Berge erklimmen: Dirigent Jaap van Zweden ist ein intensiver Former und genauer Gestalter, will hoch hinaus. Foto: pd/Raphael Faux

Dirigent Jaap van Zweden (55) – verlängerter Brennstab, unermüdlich Vibrierender und intensiv Lenkender, dem einzig das tiefere Pulsgeschäft des Ruhesegments etwas abgeht – treibt energisch an. Der Holländer – ab Herbst wird er Leiter des New York Philharmonic Orchestras – lässt die Fanfaren triumphieren, das polyphone Gegeneinander kompromisslos an sich reiben und den oratorienhaften Jubel hochleben.

Am Vorabend in Wiesbaden

Nach heftigem Applaus gibts für Dirigent und Klangkörper gibt es einen verdienten Feierabend. Man bedenke: Am Vorabend in Wiesbaden ist das gleiche fordernde Programm von den gleichen Interpretinnen und Interpreten gespielt worden. Sicher nicht weniger intensiv.

Das nächste Konzertmit dem Gstaad Festival Orchestra unter Jaap van Zweden ist am Samstag, 18. August, um 19.30 Uhr im Zelt. Auf dem Programm steht Wagner – unter anderem mit Star-Tenor Jonas Kaufmann. www.gstaadmenuhinfestival.ch

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch