Gegensätzliche Gipfelstürmer

Gstaad

Auch dieses Jahr zählten die zwei Abende mit dem Mariinsky Orchestra St. Petersburg unter Waleri Gergijews Leitung zu den Höhepunkten des Gstaad Menuhin Festival.

Daniel Lozakovich sprang für David Garrett ein und enttäuschte nicht.

Daniel Lozakovich sprang für David Garrett ein und enttäuschte nicht.

(Bild: PD)

Die Solisten boten dabei Populäres für Altgierige an. Und bereits hier gab es Gipfelstürmereien. Denn sowohl Tschaikowskys erstes Klavierkonzert (b-Moll, op. 23) wie auch sein Violinkonzert (D-Dur, op. 35) sind Zeugnisse ei­nes musikalischen Sisyphus: Die Musik nimmt immer wieder Anlauf, steigert sich, um dann in sich zusammenzufallen und neu den imaginären Berg zu erklimmen.

Nicht gegensätzlicher hätten die Wiedergaben sein können: Der russische Pianist Denis Mazujew, von der Physis her athletisch wie ein Zehnkämpfer, liess die musikalischen Muskeln spielen, ohne aber je ins Grobe zu verfallen.

Da fehlte es nicht an donnernden Klangkaskaden bis hin zur Raserei, aber – beglückenderweise – auch nicht an lyrischen Ruhepunkten. Spannungs- und kon­trasterfüllter kann man Tschaikowsky kaum dienen. Grandios!

Reinheit der Jugend

Tags darauf entpuppte sich der erst 17-jährige Schwede Daniel Lozakovich, der für den erkrankten David Garrett einsprang, als Poet, ja Sensibilissimus an der Geige. Lozakovich suchte und fand die Zwischentöne, verströmte bewegende Innigkeit und adelte seine im Finale auch leichtfüssig-virtuose Deutung mit der Reinheit der Jugend. Ebenfalls grossartig, auch in der Bach-Zugabe!

Waleri Gergijew und das Ma­riinsky Orchestra St. Petersburg passten sich der jeweiligen Interpretation bewundernswert an und liessen bei den Begleitaufgaben keinerlei Wünsche unerfüllt.

Auch Denis Mazujew wusste am Menuhin Festival zu überzeugen. Foto: PD

Bei den Sinfonien kamen die Neugierigen auf ihre Rechnung, sind beide doch eher selten in den Konzertprogrammen zu finden. «Eine Alpensinfonie» (op. 64) von Richard Strauss bietet dabei einen eher optimistischen Gang durchs Gebirge an, farben- und abwechslungsreiche Bilder, gespickt mit Überraschungen, blendend instrumentiert und in ihren besten Momenten ins Visionäre gesteigert.

Dem Festivalmotto gehuldigt

Ganz anders Tschaikowskys «Manfred-Sinfonie» (h-Moll, op. 58), ein tieftragisches Werk, von Lord Byrons gleichnamigem dramatischem Gedicht inspiriert. Auch hier wurde dem Festivalmotto «Les Alpes» gehuldigt.

Allerdings geschah dies mit einer Musik, die düster-zerrissen ist und gleichsam ihren Weg sucht, dabei immer wieder abbricht und nur im dritten Satz zu etwas Hoffnung findet.

Gergijew erwies sich als höchst kundiger «Reiseführer» in diesen komplexen Gipfelstürmereien. Er disponierte überlegt und überlegen, wobei er die Musik mit blossen Händen eher modellierte als dirigierte.

Und immer wieder wurde deutlich: Dieser Künstler brennt für die Werke, er versteht sie als Seelengemälde, als subjektive, im besten Sinne romantische Bekenntnisse.

In der Art, wie das Orchester auf die Intentionen seines Chefdirigenten reagierte, merkte man, wie gut es ihn kennt und wie sehr es ihn schätzt. In allen Registern bestens besetzt und hoch motiviert, wurde jede Nuance, jede Schwebung umgesetzt, und in den Fortissimo-Aufgipfelungen liess man es funkeln und schillern, ohne je der Effekthascherei zu verfallen.

Das Publikum im zweimal praktisch voll besetzten Festivalzelt liess sich willig begeistern und reagierte auf die samstäg­liche Zugabe aus Tschaikowskys «Nussknacker»-Ballett gar mit Standing Ovations. Zu Recht.

Berner Oberländer

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