Gegen das Vergessen

Die Polizei rapportiert eine Unfall­meldung und Zahlen ergänzen die Statistik. Aber was bleibt danach? Angehörige schmücken später oft die Unfallorte mit Kerzen oder Blumen, zurück bleiben Erinnerungen am Strassenrand.

Eine Grabkerze leuchtet an einem Strassenrand im Berner Oberland. Und erinnert daran, dass hier ein Mensch sein Leben verlor.

Eine Grabkerze leuchtet an einem Strassenrand im Berner Oberland. Und erinnert daran, dass hier ein Mensch sein Leben verlor. Bild: Fritz Lehmann

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Am Freitagabend sind auf der Autobahn A 8 bei einer Frontalkollision zwei Autolenker schwer verletzt worden. Trotz umgehender Rettungsmassnahmen verstarb ein Mann aus dem Kanton Bern noch auf der Unfallstelle. Der Unfall wird untersucht», so oder ähnlich tönen Unfallmeldungen, die von der Kantonspolizei regelmässig veröffentlicht werden.

Und weiter: «Gemäss ­aktuellen Erkenntnissen war ein Auto von Unterbach her kommend in Richtung Brienz unterwegs, als gleichzeitig ein weiteres Auto in entgegengesetzte Richtung fuhr. Auf Höhe Stockmatten kam es in der Folge aus noch zu klärenden Gründen zur Frontalkollision», heisst es in der tatsächlich erschienenen Unfallmeldung vor gut einem Jahr.

Die Sprache ist sachlich, die Fakten überschaubar, weil unmittelbar nach dem Unfall noch wenige Erkenntnisse vorliegen. Danach sind die Behörden gefragt, die Fälle liegen dann bei der Staatsanwaltschaft, als Ermittlungs-, Untersuchungs- und Anklagebehörde.

Für die Angehörigen kommt ein tödlicher Verkehrsunfall immer plötzlich, der Verlust hinterlässt meist eine riesige Lücke im Leben der Menschen, die ein Familienmitglied verloren haben, wie auch die Selbsthilfeorganisation Roadcross bestätigt.

Trauer öffentlich machen

Am Unfallort werden später Blumen, Grabkerzen oder sogar Plüschtiere niedergelegt. Später erinnern Holzkreuze, bei anderen gar Steinplatten daran, dass an dieser Stelle ein Mensch das Leben verlor. «Ewig wirst du in Erinnerung bleiben», steht etwa bei einer Kurve, wo ein junger Bursche sein Leben verloren hat. Daneben Engelfiguren, Kerzen und Fotos.

«Mit Blumen, Kerzen, Bildern im öffentlichen Raum wird der verstorbenen Person gedacht, es wird auch auf die Endlichkeit jedes Lebens und die ­Gefahren im Alltag hingewiesen», erklärt Hans Martin Schaer, Leiter Kommunikationsdienst der Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn, auf Anfrage.

Man begrüsse, dass die Trauer um einen verunfallten, verstorbenen Menschen im öffentlichen Raum gezeigt und damit öffentlich zum Thema gemacht werde. Schaer erklärt, das Öffentlichmachen eines tragischen Ereignisses könne für die Betroffenen ein geeignetes Mittel zur Verarbeitung des Geschehenen beziehungsweise des Verlusts sein.

Mehr Tote auf den Strassen

Unfälle werden in der jährlich erscheinenden Unfallstatistik festgehalten. So schreibt das Bundesamt für Strassen: «Auf Schweizer Strassen verloren im vergangenen Jahr 230 Menschen ihr Leben, dies sind 14 mehr als 2016. Die Anzahl Schwerverletzter sank um 131 auf 3654. 2017 mussten mehr tödlich verunfallte Motorrad- und Fahrradfahrende ­registriert werden als 2016. Die Zahl der getöteten Fussgänger nahm erneut ab.»

Noch einmal Hans Martin Schaer: «Gedenkstellen können auch zum Ort der Begegnung werden. Gemeinsame Trauer lässt die Beteiligten Trost finden, Kraft schöpfen und Hoffnung nähren.» Trotz Umgebungslärm würden diese zum Ort der Stille und des Gebets.

Erinnerungen am Strassenrand: In einer der kommenden Ausgaben erzählt ein Verkehrspolizist von ­seinen Erlebnissen an Unfallorten. (Berner Oberländer)

Erstellt: 30.08.2018, 07:48 Uhr

Artikel zum Thema

«Viele Menschen fühlen sich allein, ja teils gar unter Druck»

Wer einen Angehörigen im Strassenverkehr verliert, ist oft auf Hilfe angewiesen. ­Spezialisten stehen dann in schweren Stunden mit Rat und Tat zur Seite. Mehr...

Freitags ist es am gefährlichsten

Bern 2017 kamen 39 Menschen auf den Berner Strassen ums Leben. Total rapportierte die Polizei 320 Unfälle mehr als 2016. Bei fast der Hälfte waren Zweiradlenker oder Fussgänger betroffen. Mehr...

Velounfälle in Kreiseln - Berner Regierung für Massnahmen

Laut Zahlen des Bundes haben Velofahrer in Kreiseln ein überproportional hohes Unfallrisiko. In einer Motion fordert David Stampfli (SP/Bern) den Kanton auf, geeignete Massnahmen zu treffen. Mehr...

Kommentare

Blogs

Mamablog Die nervigsten Kinderfiguren

Politblog 200-Meter-Riesen im Gegenwind

Die Welt in Bildern

Trigger für Höhenangst: Ein Besucher der Aussichtsplattform des King Power Mahanakhon Gebäudes in Bankok City posiert fürs Familienalbum auf 314 Meter über Boden. (16. November 2018)
(Bild: Narong Sangnak/EPA) Mehr...