Gebeutelte Herzen und Rachegelüste

Saanen

Ob als zerknirschte Kammerzofe oder als heldenhafte Königin – Patricia Petibon verkörpert in Saanen Oper im grossen Stil. Auch ohne Bühnenbild.

Patricia Petibon und das Barockensemble La Cetra liessen es in der Kirche Saanen an Emotionen und Leidenschaft nicht fehlen. Foto: PD

Patricia Petibon und das Barockensemble La Cetra liessen es in der Kirche Saanen an Emotionen und Leidenschaft nicht fehlen. Foto: PD

Es war ein Abend der gebeutelten Herzen, voll von Leidenschaft, Hingabe, Tränen, Schmerz und Rache. Wo, wenn nicht in der Oper, findet sich derart verdichtete Emotionalität wieder?

Nur dass die Oper am Samstagabend aus einer einzigen, zierlichen Person bestand. Patricia Petibon brachte mit ihrer einnehmenden, charakterstarken Persönlichkeit ein Konzentrat dessen nach Saanen, was normalerweise erst mittels Inszenierung, Bühnenbild und ausgeklügelter Dramaturgie erreicht wird. Die namhafte Französin verfügt über eine voluminöse, verführerisch gefärbte und unglaublich modellierbare Stimme.

Derart ausgerüstet, mimte sie zunächst die Barbarina, danach die Gräfin aus Mozarts «Le nozze di Figaro», bevor sie nacheinander in die Rollen der Iphigenie und der Alceste («Armide» beziehungsweise «Alceste», beide von Ch. W. Gluck) sowie der Giunia und der Elettra («Lucio Silla» und «Idomeneo», beide von Mozart) schlüpfte. Dabei legte sie eine dermassen energiegeladene Identifikationsgabe an den Tag, dass einem nicht viel anderes übrig blieb, als gebannt und ergriffen mitzugehen.

Der Name Petibon steht zudem für vollen Körpereinsatz. Während sich das Innenleben ganz auf die jeweilige Rolle einliess, bebte von der kleinsten Rockfalte bis zur wundervoll geflochtenen, flammend roten Haarkrone jede Faser von Mensch und Materie in wunderbarer Harmonie mit finsteren Rachegelüsten oder erlittenem Herzeleid.

Engagiertes Ensemble

Nicht minder engagiert zeigte sich das Barockensemble La Cetra. Unter der Leitung von Karel Valter brausten die in zeitgetreu weichen, dezenten Klangfarben gehaltenen Ouvertüren von Gluck und Mozart energievoll dahin, und auch die Sinfonie in c-Moll von Mozarts unbekannterem Zeitgenossen Joseph Martin Kraus hinterliess einen kompakten, gut strukturierten Eindruck und schmeichelte dem die Brillanz des modernen Instrumentariums gewohnten Ohr.

So richtig in Fahrt aber kam das Orchester gemeinsam mit Patricia Petibon. Die Sängerin riss die Musiker impulsiv mit – und letzten Endes auch das jubelnde Publikum auf die Füsse. Ihr Dank dafür war Georg Friedrich Händels Arie «Lascia ch’io pianga», eine zarte, bewegende Zugabe, deren Nachklang leider nur allzu rasch weggeklatscht wurde.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt