Fulminante Klänge des Jazz-Trios in «Dreisimmen»

Zweisimmen

Die Kirche war im Dorf und Schweden lag am Mittelmeer, als das Trio Mare Nostrum spielte.

Jan Lundgren (Piano), Akkordeonist Richard Galliano und Paolo Fresu (Blasinstrumente) (v.l.) sind Mare Nostrum.

Jan Lundgren (Piano), Akkordeonist Richard Galliano und Paolo Fresu (Blasinstrumente) (v.l.) sind Mare Nostrum.

(Bild: PD/Markus Bachmann)

Samstag, um 19.10 Uhr. Die Glocken klingen über das Dorf. Eine lange Prozession von Menschen strömt in die Kirche. Auch wenn die Glockenklänge nicht für das anstehende Konzert ertönen, füllt sich das im 15. Jahrhundert erbaute reformierte Gotteshaus in Zweisimmen schliesslich restlos mit insgesamt 300 Musikbegeisterten. Sie sind ins Obersimmental geströmt, um dem Trio Mare Nostrum zu lauschen. Begeistert sind auch die drei Musiker – von der Atmosphäre, der Akustik und der Beleuchtung in der Kirche.

Die Künstler spielen mit ihren Instrumenten und auch mit Worten, etwa als der schwedische Pianist Jan Lundgren in charmantem Deutsch die Metropole des Obersimmentals kurzerhand zu «Dreisimmen» kürt, «wenn wir hier schon als Trio spielen». So möge Schweden am Mittelmeer liegen – dieses ist nämlich mit «mare nostrum» gemeint, «unserem Meer». Immerhin kommen die anderen beiden, der französische Akkordeonist Richard Galliano und der sardische Trompeter Paolo Fresu, aus Mittelmeerländern.

Improvisation und Harmonie

Sofort ist hör- und spürbar, wie sehr die drei, die sich nicht nur dem Jazz, sondern auch der Folklore ihrer Heimatländer verbunden fühlen, musikalisch und persönlich harmonieren. Immer wieder bricht der eine oder andere bei den für Mare Nostrum typischen Klangmalereien aus; die Grenzen zwischen eingespielt und improvisiert verschwimmen. So klingt von Richard Galliano, der nebst Akkordeon auch Accordina, eine Art Melodica oder Mundharmonika mit Knopftastatur, spielt, plötzlich unerwartet, aber saisongerecht die Melodie von «Jingle Bells» auf. Paolo Fresu stimmt ein – mit der Melodie von «La vie en rose», und es harmoniert auf verblüffende Weise, während Jan Lundgren lächelnd mit einer dritten Melodie untermalt.

Trotz unterschiedlicher Herkunft können die drei Ausnahmemusiker ihre Gemeinsamkeiten zu einem Idealklang bündeln. Das Resultat ist eine europäische, sehnsüchtig-nostalgische Musik, in lyrisch-poetische Klänge umgesetzt, mit wiederholten Ausflügen in Richtung Tango. Hier bringt Galliano seine Erfahrung aus der Zusammenarbeit mit dem Erneuerer des argentinischen Tangos, Astor Piazzolla, mit ein.

Unverstärkt gespielt

«Wunderschön abgemischt», raunt ein Zuhörer seiner Nachbarin auf der Kirchenbank zu. In der Tat harmoniert das Trio auch in der Lautstärke perfekt. Doch die Akustik ist so rund, dass dessen Musik unverstärkt durch die Kirche hallt – Mare Nostrum spielt «unplugged». Das Publikum dankt das verspielte Spiel der drei Klangpoeten einerseits mit andächtiger Stille, andererseits mit tosendem, stampfendem Applaus und zum Ende mit langer stehender Ovation.

«Ein wunderbares, rundum gelungenes Ereignis!» Markus Bachmann ist im Anschluss an das Konzert sichtlich gerührt. Gemeinsam mit Jules und Leila van Enckevort hat der Präsident von Zweisimmen Jazz zum 25-Jahr-Jubiläum des Zweisimmen Jazz Festival Mare Nostrum ins Obersimmental geholt. «Für mich ist es das Schönste, dass man so etwas in Zweisimmen verwirklichen kann.» Nun ist für den Jazzclub Zweisimmen eine einjährige Verschnaufpause angesagt. «Doch eines ist klar», versichert Markus Bachmann: «Danach geht es weiter, mit frischen Kräften, neuer Freude und speziellen Acts.»

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