Festival 2019 macht auf Französisch

Saanenland

Das Gstaad Menuhin Festival schreibt erneut Rekordzahlen: 26'500 Menschen erlebten über 65 Konzerte. Nächstes Jahr hält «Paris» musikalisch Einzug.

Svend Peternell

Er weiss schon fast selbst nicht mehr, wie das Gstaad Menuhin Festival noch zu toppen wäre. Intendant Christoph Müller genehmigt sich auf der Terrasse eines Spiezer Lokals einen Schluck Tee.

Er hat auf der Durchfahrt von Basel her einen Halt eingeschaltet. An seinem Wohnort Olsberg gönnte er sich zwei Tage Rückzug – just an den drei einzigen Tagen, als das Festival ruhte. Am Freitag nun mit der Belcanto-Operngala und heute mit den Solistinnen Vilde Frang (Geige) und Sol Gabetta (Cello) ist das Festival in die finale Phase getreten.

Der 48-Jährige lächelt zufrieden. An seinem 17. Festival als CEO lief buchstäblich fast alles rund. «Wir haben nochmals einen Zacken zugelegt», stellt er befriedigt fest. Und er weiss, was er an den Sponsoren, Gönnern und Geldern der Gemeinde hat, die dazu beitragen, dass ein Festival mit einem Budget von 7,2 Millionen Franken in diesem Ausmass und dieser Dynamik bestehen und sich entwickeln kann.

«Ein Star wie neu geboren»

Gut besuchte Konzerte in den Kirchen des Saanenlands, Obersimmentals und (weniger ausgeprägt) der Pays d’Enhaut waren das eine. Dass sechs der sieben Zeltkonzerte (nur die «West Side Story» nicht) ausverkauft meldeten (1800 Besucher), hat es indessen noch nie gegeben.

Sie sind dem breit ansprechenden Programm zu verdanken, den starken Orchesterleistungen, insbesondere aber auch der hochkarätigen Besetzung mit klangvollen Namen wie Jonas Kaufmann, Juan Diego Flórez, Valery Gergiev, Hélène Grimaud, Jaap van Zweden, Vilde Frang und Sol Gabetta.

«Nicht einmal die Absage von David Garrett hat uns geschadet. Klar verloren wir einen Teil des Publikums, aber wir gewannen auch einen neuen Teil dazu. Und dieser reagierte beim hoch begabten 17-jährigen Daniel Lozakovich enthusiastisch. Da ist ein Star wie neu geboren worden.»

Christoph Müller in guter Laune. Er brachte so viele Leute wie noch nie an die Konzerte des Gstaad Menuhin Festivals. Foto: Svend Peternell

Garrett, der sich von seinem Bandscheibenvorfall erholt und kürzlich ein mehr auf Pop und Rock ausgerichtetes neues Programm ankündigte, sobald die Rekonvaleszenz ausgestanden ist, soll in zwei Jahren in Gstaad auftreten, wenn er in seinem Turnus wieder mehr auf Klassik setzt. «Garrett braucht die Klassik auch als Imagepflege. Schliesslich will er da zeigen, dass er auch als Geiger gut genug ist und vorne mithalten kann.»

Wen erstaunt es, dass das 62. Festival erneut einen Publikumsrekord vermeldet? 26 500 Menschen strömten zu den über 65 Konzerten in mal kleineren, mal grösseren Lokalitäten. Das sind nochmals fast 1000 mehr als im Vorjahr.

Frankreich hält Einzug

Nicht weniger ambitiös geht es im nächsten Jahr weiter. Müller kündigt das Thema «Paris» an und sagt: «Das ist meine bisher mutigste Programmation in meiner Zeit hier in Gstaad.» Er will sich dem französischen Kulturraum annähern – respektive dieser soll im Saanenland und im Obersimmental ausströmen. Indem viel französische Musik mit Komponisten wie Ravel, Debussy, Berlioz, Saint-Saëns und Bizet gespielt wird. «Wir haben ein Defizit in der Wiedergabe französischer Musik», stellt Müller fest.

«Das ist meine bisher mutigste Programmation in meiner Zeit hier in Gstaad.»Christoph Müller, Intendant

Natürlich hat er da schon einige Themenreihen im Visier. Er denkt an französische Kammermusik – etwa mit dem hochgehandelten Pianisten Bertrand Chamayou. Oder mit Renaud Capuçon, dem Intendanten des Winterfestivals Les Sommets Musicaux de Gstaad. Müller schwebt eine Reihe zu Mozart in Paris vor, in der die französische Sopranistin Patricia Petibon mitwirken wird.

Oder an Menuhin in Paris, wo er mit George Enescu zusammenkam, der zum Türöffner für den Festivalinitianten wurde. In dieser Reihe wird Patricia Kopatchinskaja mithelfen, die als neue Leiterin der Camerata Bern auch das Festival am 18. Juli 2019 eröffnen wird. Der türkische Pianist Fazil Say beschäftigt sich mit «Clair de la ­Lune» von Debussy. Und Olivier Latry, Organist der Notre-Dame de Paris, gibt ein Orgelrezital mit Werken von César Franck und Saint-Saëns.

In der halbszenischen Oper greift Müller auf Georges Bizets «Carmen» zurück, die zwar schon vor fünf Jahren in Gstaad zu hören war, aber diesmal besonders gut zum Konzept des Festivals passt, wie er vermerkt. Startenor Roberto Alagna ist als Don José vorgesehen. Das Orchester des Opernhauses Zürich wird aufspielen.

Auch zwei französische Orchester werden gastieren: das Orchestre National de Lyon und das Orchestre philharmonique de Radio France. Spartenübergreifend sieht Müller auch einen Chansonabend vor auf den Spuren von Edith Piaf und Serge Gainsbourg, den Ute Lemper gestalten wird.

Tenor Vogt aus Bayreuth

Dazu kommen Debüts von grossen Interpreten wie dem angehimmelten Bayreuth-Tenor Klaus Florian Vogt, der amerikanischen Geigerin Hillery Hahn oder der chinesischen Senkrechtstarterin Yuja Wang (Piano). In Zweisimmen soll es weiter hochwertige Abende geben. Und auch in Boltigen plant Müller eine Fortsetzung des Erfolgs vom 7. August.

Von den jüngsten der fünf Akademien hat sich jene der Nachwuchsdirigenten sehr gut etabliert, erklärt Müller. Er würde sich einzig mehr Interesse von Intendanten wünschen, die sich hier in der Talentschmiede direkt auf­datieren könnten. Aber sonst: Die Erfolgsgeschichte kann weitergehen. Christoph Müller hat noch nicht genug.

Heute Abend um 19.30 Uhr findet das letzte Konzert des Gstaad Menuhin Festival mit der Filarmonica della Scala Milano im Zelt statt.

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