Meiringen

Am Limit: Evelyne ­Binsack

MeiringenDie Oberländer Abenteurerin Evelyne ­Binsack wollte aus dem Extremsportbusiness aussteigen. Doch jetzt ist ihr neues Buch über ihre Expedition zum Nordpol ­erschienen, und sie hat es sich anders überlegt.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Ich bin, wer ich bin: Evelyne Binsack», sagt die 50-jährige Bergführerin und Abenteurerin, und sie bringt ihr seit fast 20 Jahren dauerndes öffentliches Leben auf den knappsten Nenner. Binsack ist eine der beständigsten und erfolgreichsten Marken im umkämpften Extremsportbusiness.

1999 entstieg die gebürtige Nidwaldnerin, die in Meiringen lebt, der Anonymität, als das Schweizer Fernsehen in einer zweitägigen Livesendung eine vierköpfige Seilschaft beim Durchstieg der Eigernordwand auf der klassischen Heckmair-Route begleitete. Binsack war als einzige Frau dabei, unerschrocken, eloquent, sehr auffallend, aber sehr genau (und oft argwöhnisch) beobachtet. Es war die erste zugkräftige Binsack-Story.

Exponiertes Business

Und sie öffnete ein Spannungsfeld, in dem sich das Businessmodell der Evelyne Binsack Outdoor GmbH noch heute bewegt. Die Inhaberin wirtschaftet als patentierte Bergführerin, Abenteurerin, Referentin und Buchautorin, und der Unternehmensplan geht logischerweise nur auf, wenn die Alpinistin und Abenteurerin Storys liefert, die dann die Rednerin und Autorin verwerten kann.

Ueli Steck, der im Frühling im Himalaja tödlich verunglückte, betrieb diese aufreibende Bewirtschaftung der Aufmerksamkeit kompromisslos – und litt, wenn seine Leistungen in abschätzigen Social-Media-Kommentaren als hirnverbrannt abqualifiziert wurden.

Evelyne Binsack exponiert sich jetzt mit einem neuen Buch, das seinerseits Fragen aufwirft. Geschrieben hat sie es gemeinsam mit der Journalistin Doris Büchel, der Ehefrau des früheren liechtensteinischen Spitzenskirennfahrers Marco Büchel.

105 Tage auf Reisen

In «Grenzgängerin» beschreibt Binsack ihre in vier Etappen aufgeteilte, mehrmals unterbrochene 105-tägige Reise, mit dem Velo, zu Fuss und auf Skiern, von ihrem Haus im Hasli bis an den Nordpol. Sie stand 2001 als erste Schweizerin auf dem Mount Everest, 2007 war sie am Südpol und jetzt ganz im Norden. Evelyne Binsack an allen drei Polen der Welt: eine Topstory.

«Auf meinen ­Expeditionen ist meine Psyche ­extrem belastbar geworden.»Evelyne Binsack

Mindestens so sehr wie ein Trip in die bittere Kälte des Nordens ist ihre Schilderung für den Leser eine Expedition in Evelyne Binsacks oft verletzte Seele, man erfährt, wie sie sich aus innerer Verzweiflung zurück in den Optimismus kämpft. «Auf meinen Expeditionen», sagt Binsack, «ist meine Psyche extrem belastbar geworden. Ich weiss aber auch, wo ich sie schützen muss.» Ihre Leidensfähigkeit sei «enorm hoch», und man glaubt, etwas ­davon im Buch zu spüren. Etwa, wenn sie auf Spitzbergen im Sturmwind allein im Zelt liegt und sich eingesteht, dass sie die angekündigte Solodurchquerung nach wenigen Tagen abbrechen muss. Sich Zweifeln zu stellen, sei eine Frage der Ehrlichkeit, sagt sie.

Binsack ausser sich

Die zähe, leistungsfähige Evelyne Binsack gescheitert, wirklich? Sie verbirgt nicht, mit dieser Wahrheit zu ringen – genauso hart wie mit der Tatsache, dass sie sich für die letzte Etappe von einer russischen Forschungsstation zum Nordpol einer Gruppe eines erfahrenen kommerziellen Expeditionsleiters anschliesst. Das macht ihr Nordpolabenteuer zwar eher touristisch als abenteuerlich. Aber: Unterwegs schiesst der Polarführer einen Eisbären an, um die Gruppe zu schützen, was Evelyne Binsack, die den Schuss unnötig fand, völlig in Rage bringt.

Sie trägt die heftige Auseinandersetzung aus der Einöde der Nordpolregion auch in die Medien, und in ihrem Buch spielt sie eine zentrale Rolle. Gleichzeitig sei sie jederzeit zu einem klärenden Gespräch mit dem kritisierten Polarführer bereit.

Doch kein Rücktritt

Man könnte die Kontroverse um den Eisbären als typischen Binsack-Moment bezeichnen. Sie kämpft wie eine rebellische Löwin mit vollem Engagement für ihre Sicht der Dinge, nicht selten gegen die Mehrheitsmeinung in der Männerwelt, in der sie sich in ihrem Beruf bewegt. Eine mitreissende Story – aber wie gross ihre Performance als Abenteurerin, die sich in unbekanntem Gelände exponiert, wirklich war, gerät plötzlich in den Hintergrund.

Nach der Rückkehr vom Nordpol erklärte Binsack öffentlich, keine grossen Expeditionen mehr zu machen – auch weil der Expeditionstourismus in den abgelegensten Zonen (wo sie selber auch war) angekommen sei.

Diesen Rücktritt hat sie revidiert. Ein Widerspruch? Nein, entgegnet Evelyne Binsack. Sie werde wieder aufbrechen, vielleicht wieder nach Spitzbergen, weil sie eigentlich «eine Nomadin und Pilgerin» sei. Es sei ihre Stärke, ihren Blick immer nach vorne zu richten, erklärt die Grenzgängerin, sie könne sich spontan oft kaum mehr erinnern, was letzte Woche war. (Berner Zeitung)

Erstellt: 13.11.2017, 10:56 Uhr

Artikel zum Thema

Auch Binsack am Nordpol angekommen

Meiringen Nach dem Beatenberger Abenteurer Thomas Ulrich hat auch die Meiringerin Evelyne Binsack den Nordpol erreicht. Mehr...

Evelyne Binsack gibt auf

Meiringen Nach nur fünf Tagen muss Evelyne Binsack ihre Spitzbergen-Durchquerung aufgeben. Ein Sturm und Temperaturen von minus 38 Grad zwangen sie dazu. Mehr...

Binsack: Ab in Richtung Nordpol

Meiringen Seit Montag ist Evelyne Binsack unterwegs zum Nordpol. Trotz schlechter Wetterprognosen startete die 49-jährige Abenteurerin von Spitzbergen aus zu Fuss Richtung Norden. Mehr...

Paid Post

Fünfmal selber gemacht

Ideen für Selbstgemachtes - und ein Einkaufsgutschein im Wert von 500 Franken zu gewinnen.

Kommentare

Blogs

Serienjunkie Introvertierter Bär

Casino historisch Die schwankende Brücke

Die Welt in Bildern

Wer wird Präsident? Ein traditionell gekleideter Chilene, ein sogenannter Huaso, verlässt nach seiner Stimmabgabe in Santiago die Wahlkabine. (19. November 2017)
(Bild: Esteban Felix/AP) Mehr...