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«Es wird sicher niemand mit dem Helikopter eingeflogen»

Renaud Capuçon will die 20 Jahre Bestehen der Sommets Musicaux de Gstaad nicht mit Spektakel, sondern musikalischen Perlen feiern. Zum Jubiläum gibts zwei Gratiskonzerte und lauter Schweizer Orchester.

Höhepunkt des Abends.Daniel Lozakovitj (r.) und Renaud Capuçon im Violindoppelkonzert von Bach.
Höhepunkt des Abends.Daniel Lozakovitj (r.) und Renaud Capuçon im Violindoppelkonzert von Bach.

20 Jahre Sommets Musicaux de Gstaad – was geht Ihnen da durch den Kopf? Es ist ein Festival, das für hohe Qualität einsteht und jedes Jahr wieder neu verpflichtet, diese einzulösen. Dies mit der Möglichkeit, immer mit der Natur in Berührung zu sein. Es gehen junge wie anerkannte und erfahrene Musikerinnen und Musiker ein und aus. Sommets Musicaux de Gstaad (SMG) bedeutet für mich aber auch heimatliches Wohlbefinden in der Bergwelt. Ich als Savoyer fühle mich hier wie zu Hause.

Sie wurden vor vier Jahren nach dem Tod von Festivalgründer Thierry künstlerischer Leiter. Was hatten Sie sich damals vorgenommen? Es war ganz sicher nicht meine Absicht, das Festival auf den Kopf zu stellen. Dazu habe ich viel zu grossen Respekt vor all dem, was meine Vorgängerinnen und Vorgänger alles geleistet haben. Und dazu haben sich die SMG beim Publikum stark etabliert, freuen sich grosser Beliebtheit.

Und jetzt im Hinblick auf die 20 Jahre Bestehen der SMG? Es wird sicher niemand mit dem Helikopter eingeflogen oder irgendeine spektakuläre Aktion auf die Beine gestellt, die vom Stil her überhaupt nicht passt. Wir wollen das Jubiläum mit Musikerinnen und Musikern feiern, die dem Festival über die Jahre verbunden waren und sind. Und natürlich gehören auch Blutauffrischungen dazu. Bertrand Chamayou zum Beispiel ist ein enger Freund von mir, der jetzt zum ersten Mal hier spielt.

Der französische Pianist spielte letzten Sommer schon am Gstaad Menuhin Festival (GMF) und war dort Artist in Residence. Beisst sich das nicht? Nein. Wir pflegen ein sehr gutes Verhältnis zum GMF und haben seit rund 15 Jahren einen lockeren Umgang mit Christoph Müller, dem künstlerischen Leiter. Gewisse Absprachen machen wir, ohne unser ganzes Programm gegenseitig zu verraten. Bei Bertrand Chamayou gibt es keine Probleme, weil er bei uns etwas ganz anderes spielt als im Sommer am GMF.

Genau, mit dem 5. Klavierkonzert und der darauffolgenden 2. Sinfonie setzen Sie auf das Beethoven-Jahr. In diesem Fall schon. Und auch beim Eröffnungskonzert. Darum kommen wir nicht herum. Aber wir haben auch ganz andere Komponisten im Programm, bieten Vielfalt und Abwechslung.

Das Eröffnungskonzert, das Sie zusammen mit dem Jungpianisten Kit Armstrong am 31. Januar bestreiten, bildet die Festivalidee bestens ab. Ja, ich finde es immer wieder bereichernd und belebend, solche altersmässig durchmischten Programme zu spielen.

Sie hatten schon vor drei Jahren mit Armstrong zusammen einen Auftritt in der Kirche. Damals spielten wir Mozart-Sonaten. Schon damals hat man gemerkt, dass da ein aussergewöhnlicher Pianist heranreift.

Was ist denn speziell an der Jubiläumsausgabe? Ich habe mich bemüht, lauter schweizerische Orchester einzuladen. Nicht nur aus der Westschweiz. Auch das Luzerner Sinfonieorchester ist dabei. Und mit Elena Schwarz haben wir eine Frau als Dirigentin.

Sonst sind Sie mit Ihrem Programm und den Interpreten ja eher frankofonlastig. Das erfolgt in der Programmierung so nicht bewusst. Letztes Jahr, das stimmt, waren die Interpretinnen und Interpreten vornehmlich aus dem frankofonen Raum. Aber es gab auch da Ausnahmen. Und für dieses Jahr haben wir eine Durchmischung: Martha Argerich ist Schweiz-Argentinierin, Mischa Maisky Lette, Nicholas Angelich Amerikaner… Schweizer Interpretinnen und Interpreten schätze ich sehr und lade sie auch immer wieder ein.

Neu bieten Sie gratis eine Sonntags-Matinée am 2. Februar um 11 Uhr in der Kirche Rougemont an. Da werden der Bratschist Gérard Caussé und der Cellist Clemens Hagen mit mir zusammen die Goldberg-Variationen BWV 988 von Johann Sebastian Bach in einer Transkription für Streichtrio spielen. Die Idee ist auch hier, das Festival noch breiter zugänglich zu machen.

Gratis ist auch das Kinderkonzert am 3. Februar um 10 Uhr in der Kirche Saanen. Es handelt sich um das zwischen 1940 und 1945 geschriebene Klavierwerk «Histoire de Babar» von Francis Poulenc. Das ist eine Vertonung der Geschichte des kleinen Elefanten Babar von Jean de Brunhoff. Hinzu kommt die Geschichte «Ferdinand der Stier» von Munro Leaf, mit Musik von Alan Ridout. Laurence Ferrari erzählt die beiden Fabeln und wird dabei von Jérôme Ducros und mir musikalisch begleitet.

Werden das die einheimischen Kinder verstehen können? Die Lehrkräfte der Schulen in der Region – dazu gehören die John F. Kennedy International School, das Institut Le Rosey und die Primarschulen im Saanenland – haben die beiden Bücher im Vorfeld auf Deutsch und Französisch erhalten. Gegenwärtig lesen sie die Texte in der Klasse, sodass sie in der Lage sein werden zu verstehen und hoffentlich auch zu geniessen, was Laurence Ferrari ihnen erzählt. Das Vorgehen mit den Schulen ist von der Festivaldirektorin Ombretta Ravessoud aufgegleist worden. Damit sollen die Schülerinnen und Schüler sowohl für die klassische Musik wie für die französische Sprache sensibilisiert werden.

«Wir wollen den Einheimischen und den Gästen mit ihren Familien in den Ferien ein abgerundetes Erlebnis bieten.»

Auf jeden Fall ist es Ihnen ein Anliegen, schon bei den ganz Kleinen anzusetzen. Wir wollen den Einheimischen und den Gästen mit ihren Familien in den Ferien ein abgerundetes Erlebnis bieten und ihr Interesse an klassischer Musik wecken. Und da gehören auch die Jüngsten dazu. Das Kinderkonzert findet schon zum zweiten Mal statt. Für beide Gratiskonzerte werden übrigens keine Tickets herausgegeben. Es lohnt sich also, frühzeitig vor Ort zu sein, um sich einen guten Platz zu sichern.

Mit dem Prix Thierry Scherz wird auch an den Gründer der SMG erinnert, der im Sommer 2014 freiwillig aus dem Leben geschieden ist. Wie ist es für Sie, wenn Sie in diesen Tagen an Thierry Scherz denken? Dass er nicht mehr unter uns weilt, macht mich traurig. Dank ihm bin ich ja überhaupt erstmal in diese wunderschöne Gegend gekommen. Und mit dem nach ihm benannten Preis ist die Kontinuität gewährleistet, dass das Festival in seinem Sinn weitergeführt wird und die Idee, junge Musikbegabte zu fördern, weiterlebt. Der Prix Thierry Scherz ermöglicht der Gewinnerin oder dem Gewinner des jeweiligen Musikwettbewerbs, im folgenden Jahr in einem Profiorchester mit einem versierten Dirigenten mitspielen und auftreten zu dürfen.

Was berührt Sie besonders, wenn Sie auf die letzten vier Jahre zurückblicken? Die Freude des Publikums an den Konzerten und dass immer mehr Leute nicht nur von weiter her, sondern aus der Region den Weg zu unseren Konzerten finden. Das zeigt, dass unsere Arbeit geschätzt wird. Die Musik mit Freunden, auf der Bühne und mit dem Publikum zu teilen, ist für mich das Schönste.

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