Spiez

«Es ist wie jonglieren mit zwanzig Bällen»

SpiezSeit 100 Tagen ist Gemeindeoberhaupt Jolanda Brunner (SVP) bereits im Amt– wenn auch im «falschen». Die Vizegemeindepräsidentin über ihren Start und anstehende Herausforderungen.

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Hätten Sie sich je erträumenlassen, dass Sie Ihre 100-Tage-Bilanz dereinst im falschen Amt ziehen werden?
Jolanda Brunner: (lacht) Nein, auf diese Idee wäre ich nie gekommen. Man wird gewählt und nimmt es, wie es ist. Und wenn es halt zu einer Wahlbeschwerde kommt und diese weitergezogen wird, ist das einfach so.

Wie sehr nervt es Sie, tragen Sie nach über drei Monaten im Amt offiziell noch immer nicht den Titel Gemeindepräsidentin?
Es nervt mich nicht, das Beschwerdeführen ist ein demokratisches Recht. Das kann ich locker wegstecken. Doch so blöd es auch tönt: Der Entscheid des Verwaltungsgerichtes, das beide Beschwerden abgewiesen hat, war für mich eine Erleichterung. Ich merkte, es macht mehr mit mir, als ich geglaubt habe. Ich arbeite aber ganz normal, die Leute wenden sich an mich – für sie bin ich die Gemeindepräsidentin. Das stellt niemand infrage.

Das Urteil des Verwaltungsgerichts ist noch verhältnismässig neu. Wissen Sie bereits, ob die Beschwerdeführerin ans Bundesgericht weiterziehen wird?
Nein, die Beschwerdefrist läuft noch gut eine Woche, daher ist alles möglich...

Zumal die Frist bei einer früheren Beschwerde dieser Person gegen die Überbauungsordnung Gwatt-Zentrum stets ausgereizt und einmal auch um einen Tag verpasst wurde.
Ich weiss, dass das in der Bevölkerung gemunkelt wird...

Wenn Sie Ihre ersten 100 Tage im Rückspiegel betrachten. Wie fällt Ihre Bilanz aus?
(überlegt). Das Amt ist extrem vielseitig. Es gibt unzählige Projekte, an denen ich schon dran war und die ich nun weiterführen kann. Es gibt aber auch sehr viele Bürger, die sich melden, und neue Themen, die aktuell werden. Es wird nie langweilig, kein Tag ist wie der andere. Die Aufgabe ist überaus spannend.

Welcher war der bislang ­spannendste Tag?
Das lässt sich so nicht beantworten. Es gibt Tage, die sind von morgens um 7 Uhr bis abends um 10 Uhr ausgefüllt. Und es gibt solche, die eher einem normalen Arbeitsalltag entsprechen. Das Spannendste überhaupt sind die Begegnungen mit den Leuten.

Sie sind rund um die Uhr die Chefin im Ort. Gab es auch schon Momente, in denen Sie sich am liebsten fünf Minuten verkrochen hätten?
Nein, wirklich nicht. Ich war letzten Samstag nach längerer Zeit wieder einmal einkaufen. Es folgte ein Gespräch auf das andere. Die Leute sprechen mich an, aber das war ja bereits früher der Fall – nun vielleicht einfach etwas ausgeprägter. Es ist aber meine Art, wie ich auch vor meiner Amtszeit schon unterwegs war. Das hat wohl auch zu meinem Wahlresultat beigetragen. Ich will so bleiben, wie ich bin. Es gibt Situationen, in denen man keine Lösung hat und es eine Interessenabwägung braucht. Das sind keine einfachen Momente. Dennoch hoffe ich, dass mich das nie davon abhält, unter die Leute zu gehen.

Was haben Sie in den drei ­Monaten schon bewegt?
(lacht) Was habe ich schon bewegt...? Es sind ganz viele kleine Schritte. Sehr viele Themen, die angestanden sind, wurden angestossen und wieder ins Rollen gebracht. Ich komme mir manchmal vor wie jemand, der jongliert und dabei zwanzig Bälle in der Luft hat. Es ist ein Prozess, der mit anderen, vorab einer voll engagierten Verwaltung, vollzogen wird.

Am Podium zur Gemeindepräsidiumswahl sagten Sie, als erste Amtshandlung würden Sie Coop und die Post anrufen. Wie sind die Gespräche verlaufen?
Ich habe diverse Gespräche zum Zentrum und zur Oberlandstrasse geführt. Interessanterweise ist jenes mit Coop noch nicht zustande gekommen. Aber mit der BLS, der Post und ringsum haben viele Gespräche stattgefunden, sodass wir inzwischen dem Gemeinderat fürs Zentrum konkrete Schritte vorschlagen können.

Wie sehen diese aus?
Ich würde diese gerne zuerst in der Begleitgruppe zur Nutzungsstrategie erörtern. Was ich sagen kann, ist, dass es verschiedene Grundeigentümer an der Oberlandstrasse gibt, die sich Gedanken machen, wie es mit ihrem Land weitergehen könnte. Zusammen mit all den Interessenten ergibt es ein gewisses Potenzial. Das verfolgen wir nun konkret weiter.

Also ist man mit der Nutzungsstrategie, den Umfragen bei den Involvierten – Haus- und Grundbesitzer, Gewerbler und Dienstleistern – auf guten Wegen.
Das lässt sich nicht so sagen. Es ist etwas in Bewegung gekommen, man sieht gewisse Möglichkeiten. Es gilt nun zu schauen, ein Optimum herausholen.

Konkreter bitte.
Wir kommen mit den Landeigentümern, dazu gehören Post und BLS, zusammen. Mit dem Boden weiterer Grundeigentümer ergibt es einen recht grossen «Bitz», für den sich eine Potenzialstudie machen liesse. Dies, um zu klären, was sich wo realisieren lässt und ob sich da eine Lösung für Coop, der mehr Platz benötigt, ergibt. Wenn die politischen Instanzen mithelfen, werden wir die Potenzialstudie anstossen können.

Im Kern ist seit einer gefühlten Ewigkeit die Umgestaltung von Oberlandstrasse und Lötschbergplatz durch den Kanton ein Thema. Steht der Gemeinderat unverändert zu «Let’s Swing»?
Ja. Nicht zuletzt auch wegen der Umfrage zur Nutzungsstrategie, in der ganz klar herausgekommen ist, dass man eine Attraktivierung der Strasse will – für Fussgänger, für Velofahrer und für Autofahrer. Die Umfrage hat bestätigt, dass man etwas machen muss. Jetzt gilt es zu versuchen, die beiden Themen zusammenzuführen.

Sie sind seit Anfang Jahr Chefin von 130 Mitarbeitenden. Nach Finanzverwalter Stefan Christen, der zur Stadt Thun wechselt, hat sich auch sein langjähriger Stellvertreter Reto Lüthi entschieden, die Gemeinde zu verlassen. Bereitet diese Situation dem Gemeinderat Sorgen?
Es hat zwei Seiten. Einerseits ist der Know-how-Verlust wirklich ein Verlust. Andererseits bergen Wechsel immer auch Chancen. Es sind Fakten, mit denen man konfrontiert wird. Man macht das Beste daraus. Mit Matthias Schüpbach konnten wir einen fachlich kompetenten Finanzverwalter anstellen. Der neue Abteilungsleiter ist bereits in die Evaluation der Stellvertreternachfolge involviert. Es wird auch eine einmonatige Einarbeitungszeit geben, in der Stefan Christen noch bei uns weilt. Wir haben das Gefühl, dass wir das Wissen gut transferieren können.

Was steht in Spiez, sprich für Sie, in nächster Zeit an?
So viele Sachen... Wichtig war und ist mir, Versammlungen von Orts- und anderen Vereinen zu besuchen, um deren Arbeit wertzuschätzen und zu hören, wo der Schuh drückt. Das in Zusammenhang mit der Nutzungsstrategie erwähnte Areal ist für Spiez eine zentrale Thematik, ebenso der ganze Bereich Bucht, gerade mit dem neuen Seaside Festival. Wir sind zudem dabei, ab nächstem Jahr eine neue Organisation auf die Beine zu stellen, damit es ein Koordinationsbüro auf der Gemeinde gibt und es nicht mehr über die Kommission Koordination Bucht läuft. Das soll neu übergreifend über die Gemeinde betrachtet werden. Wenn die Gemeinderäte eingearbeitet sind, werden wir die gemeinderätliche Strategie überprüfen und schauen, in welche Richtung es geht.

Das Seaside Festival ist ein ­neuer Grossanlass in der sensiblen Bucht. In der Aussenwahrnehmung ist es um das Open Airruhig. Trügt der Schein?
Wir sind mit den Anwohnervertretungen daran, zu schauen, was sich optimieren lässt und wo man auch Kompromisse eingehen kann. Ich glaube, die Anstösser haben gemerkt, dass die Gemeinde zusammen mit den Organisatoren gut hinschaut und auf ihre Anliegen so weit wie möglich eingeht. Klar ist, dass man es nie allen wird recht machen können.

Es gibt einen poppigen Freitag und einen Classic-Rock-Samstag. Was ziehen Sie vor?
Ich freue mich nicht auf einzelne Konzerte, sondern auf den Event als solchen. Interessanterweise ist der Samstag aktuell besser gebucht als der Freitag. Das Festival findet auch in Spiez sehr grossen Anklang, und in Thun ist die Resonanz ebenso erfreulich.

Zum Abschluss: Verraten Sie uns Ihren Spiezer Lieblingsort?
Den gibt es nicht.

Weil es keinen schönen gibt?
Nein, weil Spiez für mich einfach Heimat ist. Jeder Ort ist mit Erinnerungen und Erlebnissen verknüpft. Das Herz geht einem aber immer auf, wenn man am Spiezberg über den Rebberg, den See, die Berge und das Dorf blickt. (Berner Oberländer)

Erstellt: 04.04.2017, 16:15 Uhr

Die Wahl – die Person

Das Resultat des zweiten Wahlgangs vom 27. November 2016 war eindeutig: Mit 834 Stimmen Vorsprung auf Widersacherin Ursula Zybach (SP) wurde Jolanda Brunner von den Spiezerinnen und Spiezern zur Nachfolgerin von Gemeinde­präsident Franz Arnold gewählt. Es war dies eine doppelte Premiere: Erstmals überhaupt konnte eine Frau das Vollamt für sich beanspruchen, zudem hatte die SVP das Präsidialamt seit Einführung des Gemeindeparlaments 1977 noch nie inne.

Die 55-jährige Jolanda Brunner ist gebürtige Holländerin, verheiratet, Mutter, Grossmutter und ausgebildete Mediatorin. Seit 2009 sitzt sie im Gemeinderat Spiez, dem sie nun – infolge zweier Wahlbeschwerden einer Spiezer Bürgerin – vorerst als Vizegemeindepräsidentin vorsteht. Sie engagierte sich im Ort über Jahrzehnte in verschiedenen Funktionen, weshalb sie in Spiez bestens vernetzt ist.

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