Zweisimmen

Es ist nicht für alle einfach «gut gelaufen»

ZweisimmenDas Durchgangszentrum in Zweisimmen steht bereits leer. Die Asylsuchenden sind verlegt worden. Die Gemeindebehörden, der kantonale Migrationsdienst und Asyl Biel Region ziehen eine zufriedenstellende Bilanz.

Die alte Märithalle hat ein Jahr als Durchgangszentrum gedient – hier ein Bild vom letzten Oktober mit einem spielenden Flüchtlingskind. Jetzt steht die Halle wieder leer.

Die alte Märithalle hat ein Jahr als Durchgangszentrum gedient – hier ein Bild vom letzten Oktober mit einem spielenden Flüchtlingskind. Jetzt steht die Halle wieder leer. Bild: Svend Peternell

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Schon ist dieses Jahr vorbei. Ein Jahr mit anfänglich um die 80, dann monatlich durchschnittlich 60 Asylsuchenden aus Ländern wie Eritrea, Afghanistan, Syrien und dem Irak. Sie hatten in der ­altgedienten Märithalle Logis bezogen. Einer Märithalle, die dem kantonalen Amt für Migration und Personenstand (MIP) während dreizehn Monaten als Durchgangszentrum gedient hat. Jetzt ist es dort seit einiger Zeit ruhig.

Die letzten Asylbewerberinnen und -bewerber – meist Familien, wie sich die Gemeinde Zweisimmen dies ausdrücklich gewünscht hatte – sind abgereist. «Der operative Betrieb ist Ende Januar vollständig eingestellt worden. Die definitive Schliessung erfolgt Ende Februar.» Das sagt Hannes Schade, wissenschaftlicher Mitarbeiter beim MIP.

Wohin sind die letzten in Zweisimmen wohnhaften Flüchtlinge gebracht worden? «Die Verbliebenen organisieren wir immer nach einem vorgegebenen Prozedere», erklärt Philippe Rentsch, Geschäftsleiter der für Zweisimmen zuständigen Asylsozialhilfeorganisation Asyl Biel Region (ABR), einer behördlichen Instanz.

Entweder wurden die Asylsuchenden, über deren Verbleib oder Ausschaffung durch das Staatssekretariat für Migration (SEM) noch nicht entschieden wurde, in eine andere Kollektivunterkunft im Kanton weiter­geleitet. Oder «solche mit einem positiven Entscheid ihres Gesuchs sind in Wohnungen – wenn möglich in der Region – transferiert worden.» – «Allerdings handelt es sich hierbei nur um einen kleinen Teil der vom Umzug ­betroffenen Personen», ergänzt Hannes Schade.

Behörden: Hohe Erfolgsquote

Steht die eingekehrte Ruhe sinnbildlich für einen nahezu reibungslosen Betrieb des Durchgangszentrums während des ­letzten Jahres? Zweisimmens Gemeinderatspräsident Ernst Hodel sieht das so und spricht von einer 95-prozentigen Erfolgsquote.

Er zieht entsprechend eine sehr positive Bilanz. Auch ihm wie seiner Gemeinderatskollegin Beatrice Zeller (verantwortlich für Soziales) ist klar, dass bei der Unterbringung von Menschen unterschiedlicher Ethnie, Kultur und Religion nicht immer alles reibungslos verlaufen kann. «Die Störungen waren aber minim. Und sonst gab es runde Tische mit der Zenrumsleitung, mit den Hauseigentümern, Schulen, Pfarramt, Spital, Ärzten und Feuerwehr.»

Zum Verfahren und zu den vom SEM gefällten Entscheiden habe die Gemeindebehörde nichts zu sagen, vermerkt Beatrice Zeller. «Wir haben es hier mit Menschen zu tun, die in Kriegssituationen aus ihren Ländern geflüchtet und hier bei uns zur Untätigkeit gezwungen sind. Da braucht es viel Unterstützung – allein schon für die Organisation der Küche, die sich die verschiedenen Asylsuchenden geteilt haben.»

«Effiziente Leitung»

Die Führung des Durchgangszentrums lag in den Händen der beiden Frauen Therese Marti (bis Ende Mai) und Anita Isenschmid. Letztere hält noch die Stellung, um in den verbleibenden Tagen letzte administrative Angelegenheiten zu erledigen und dann Überstunden abzutragen. Rentsch attestiert Anita Isenschmid eine «effiziente Leitung» des Zentrums. Hodel spricht von Konsequenz und Ordnung, die sie angewendet hat: «Ich bin froh, hat sie straff und klar geführt.»

Dazu gibt es auch andere Stimmen – sei das von Freiwilligen oder Angestellten, die mit dem Führungsstil von Anita Isenschmid nicht klarkamen und der Leiterin auch mangelndes Mitgefühl den Flüchtlingen gegenüber ankreideten. Ein Angestellter, der letztes Jahr gekündigt hatte und der Redaktion namentlich bekannt ist, sagt aus, die Leiterin habe die Sorgfaltspflicht den ­Bewohnern gegenüber oftmals verletzt. Von beiden Leiterinnen seien freiwillige Aktivitäten mehrfach abgeblockt worden.

Vorwurf der Einschüchterung

Der Angestellte hat das angespannte Arbeitsklima schlecht ertragen und die Konsequenzen daraus gezogen. Verschiedene anonyme Anrufe, die die Redaktion während der Betriebszeit ­erreichten, warfen Anita Isenschmid rassistisches Verhalten vor und dass sie einigen Bewohnern mit Einschüchterungen Angst gemacht habe.

Der Zweisimmner Dorfpfarrer Günter O. Fassbender äussert ganz direkt Vorwürfe, wie unsensibel die Zentrumsleiterin sich gegenüber der 15-jährigen Afghanin, die aus dem Fenster gesprungen sei, verhalten habe: «Sie hat mir mehrfach den Zugang zu ihr und das Besuchsrecht als Seelsorger verweigert.»

Anita Isenschmid weist die Vorwürfe der Einschüchterungsversuche von sich («Gefühle der Angst kann ich nicht be­stätigen») und reagiert auf die ­geäusserte Kritiken pragmatisch. Sie müsse in der Kollektivunterkunft für Ruhe und Sicherheit sorgen und die Hausordnung durchsetzen. Das gelte auch für den Zugang von Besuchern jeder Art. «Es ist bemühend, wenn man Konflikte nicht vor Ort, sondern über Drittpersonen äussert.»

Auch Pfarrer Fassbender hätte jederzeit zu ihr kommen können, gibt sie zu verstehen. Letzterer sah davon ab, weil das aus seiner Sicht sowieso nicht gefruchtet hätte. Zum konkreten Fall Isenschmid will sich Philippe Rentsch vom ABR nicht äussern. Er gibt zu verstehen, dass in einer Kollektivunterkunft verschiedene Wahrnehmungen aufeinanderstossen.

Zwischen Nähe und Distanz

«Bei einer Auseinandersetzung ist die Leitung selten beteiligt», sagt Rentsch. «Die Leitung muss schlichten können und zwischen Nähe und Distanz agieren. Hinzu kommen die Probleme mit der Sprache.» – «Wie können sich Asylbewerber denn zur Wehr setzen? Und wer kontrolliert das Durchgangszentrum?», will Fassbender wissen.

Rentsch spricht von Hausversammlungen, an denen kritische Stimmen angehört werden. «Beschwerden können offiziell beim Migrationsdienst MIDI des Kantons Bern deponiert werden. Es gibt auch Freiwillige, die zu uns kommen», so Rentsch, «und sich über Leitungsentscheide beklagen. Dazu muss man wissen: Wir bewegen uns in einem engen ­gesetzlichen und finanziellen Rahmen.» (Berner Oberländer)

Erstellt: 18.02.2017, 07:13 Uhr

Fakten zum Zentrum

Das Durchgangszentrum Zweisimmen in der altgedienten Märithalle ging Mitte Januar 2016 auf und hätte bis Mitte Februar 2017 betrieben werden sollen. Der Mietvertrag zwischen dem Kanton und der Märithallengenossenschaft läuft Ende dieses Monats aus. Seit dem 22. Dezember 2016 steht das Durchgangszentrum leer. «Die Arbeitsvertragsbestimmungen bei unseren Angestellten halten wir ein», sagt Philippe Rentsch, Geschäftsleiter von Asyl Biel Region (ABR). «Im Moment öffnen wir keine neuen Zentren, und es gibt keine freien Stellen zu vergeben.» Die Angestellten (durch­schnittlich vier Personen im Tagesteam und vier im Nachtwachenteam) müssen sich also neu ausrichten. «Wir konnten für sie keine Anschlusslösung finden. Auch in Zweisimmen hatten wir Personal aus der Region.» Weil ABR mit Sitz im Seeland keine weiteren Zentren im Oberland betreibt, vermutet Rentsch wegen der zu fahrenden weiten Wege eher weniger Interesse für Oberländer Berufstätige.

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