«Es ist jedes Jahr wie ein Heimkommen»

Wengen

Keine Lauberhornrennen ohne freiwillige Helfer. Die Fäden laufen zusammen bei Tanja Schürch, die als Helferkoordinatorin ehrenamtlich das neue «Staff House» im Dorfzentrum leitet.

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Freitagmorgen, kurz nach 7 Uhr. Ein Bergdorf erwacht langsam aus der Dunkelheit. Am Bahnhof steigen früh aufgestandene Skifans aus dem Zug, Betreuer in bunten Jacken nehmen in den Abteilen Platz. Wengen macht sich bereit für den ersten Renntag am Lauberhorn.

Gleich beim Bahnhof, in einem Saal des Hotels Eiger, herrscht bereits Hochbetrieb. Um die 100 Personen haben sich auf engem Raum versammelt. Nur einer spricht, dafür laut und deutlich, militärisch schon fast. Es ist Patrick Stettler, Torwartchef, der ganz genau sagt, wie er es haben möchte. Wenn die Welt nach Wengen blickt, sollten keine Fehler passieren.

60 bis 80 Abmeldungen

Die Freiwilligen sind instruiert, holen sich ihre Helferkarten ab, verlassen den Saal und machen sich auf an ihren Standort. Im Saal wird es ruhiger. Tanja Schürch, 43, betritt gleich nebenan ihr Büro. Hier klingelt sogleich das Telefon. Ein Helfer ist erkrankt, muss sich abmelden.

Er ist nicht der Erste, und wird heute auch nicht der Letzte sein. «Kein Problem», sagt Tanja Schürch; solche Fälle sind eingerechnet: Sämtliche Helferressorts sind überbucht. Jährlich gibt es 60 bis 80 Abmeldungen. Und wenn tatsächlich mal alle kommen sollten, ist dies auch kein Problem. «Dann können sie mehr rotieren, ab und zu mal eine Pause einlegen.»

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Tanja Schürch kennt die Lauberhornrennen bestens. Seit 22 Jahren kommt sie jeden Januar nach Wengen. 1996 meldete sie sich erstmals als Helferin, wurde in die Zutrittskontrolle eingeteilt. «Irgendwann war ich Ressort­chefin der Zutrittskontrolle.» Vor 5 Jahren wechselte sie ins Personalbüro; letztes Jahr half sie bei der Leitung.

Nun amtet sie erstmals als Chefin, behält den Überblick über 600 freiwillige Helferinnen und Helfer. «Mir macht die Zusammenarbeit, der Kontakt mit Leuten Freude», sagt die Koppigerin, die die Jungfrauregion bereits seit ihrer Kindheit kennt. Ihre Grossmutter ist eine Lauterbrunnerin.

Verpflegung und ein Rucksack

Die Arbeit der Rutscher, Ordnungsdienstler, Torwarte, Zutrittskontrolleure, Billettver­käufer, Sicherheitsmitarbeiter, Materialwarte und Personalmitarbeiter ist für die Lauberhornrennen, dem Anlass, dessen Wertschöpfung auf 30 bis 40 Millionen Franken geschätzt wird.

Ebenso unverzichtbar ist die Position von Tanja Schürch, die die Einsätze mit ihrem Team koordiniert. Der Lohn ist für alle Freiwilligen gleich: Gratisverpflegung und ein Helfergeschenk. Diesmal ein mittelgrosser Sportrucksack.

Wo liegt der Antrieb für diesen Einsatz? «Der Teamgeist», sagt Tanja Schürch. «Der Spirit, das Fröhliche, ein Teil des Ganzen zu sein.» Viele Helfer haben die Lauberhornrennen fix in die Agenda eingetragen, melden sich am Sonntagabend gleich wieder für das nächste Jahr an.

Emotionen beim Slalomrennen in Wengen: Bei Sonnenschein haben 12'500 Zuschauer den Slalomfahrern in Wengen zugejubelt. Video: sda

Auch die Helferchefin könnte ohne die Rennen nicht sein. Jedes Jahr nimmt sie zwei Wochen Ferien, um in Wengen arbeiten zu können. «Für mich ist dies wie ein Vereinsleben. Andere sind für ihren Verein einen Abend pro Woche im Einsatz, ich zwei Wochen am Stück», sagt sie. Auch für die vorgängigen Europacuprennen koordiniert sie die Einsätze.

Schon ab Herbst intensiv

Wobei ihre «Büez» mit zwei Wochen in Wengen längst nicht getan ist: Im September begann Tanja Schürch mit den Vorbereitungen; von Oktober bis Dezember gab es viel zu tun. «In den letzten 4 Monaten habe ich rund 6 Wochen für die Rennen gearbeitet.» Anmeldungen entgegennehmen, zuteilen, telefonieren, Rapport an das Organisationskomitee, Kontakt mit den Ressortchefs und so weiter.

Ihre Arbeit für die Lauberhornrennen ist vorwiegend ein Bürojob, was ihr als Treuhandmitarbeiterin entgegenkommt. Den Saal im Hotel Eiger hat der Verein Lauberhornrennen kürzlich gekauft, um hier die Helferzentrale einrichten zu können.

So feierten und jubelten die Fans am Samstag während des Abfahrtsspektakels. Video: sda

Ängste wegen zu weniger Anmeldungen gibt es nicht; die Lauberhornrennen sind bei Freiwilligen beliebt. Und wenn es doch mal vermehrt Abmeldungen gibt, hilft ihr die Medienpräsenz: Nachdem ein freiwilliger Helfer dem Emmentaler Radio Neo ein Interview gegeben hatte, purzelten aus dieser Region sogleich um die 15 weitere Anmeldungen herein.

Tochter mitgebracht

Sobald die Helfer an den Renntagen instruiert sind, kann sich auch Tanja Schürch etwas entspannen. Die Abfahrt verfolgt sie von Girmschbiel aus. Gegen Abend erkundigt sie sich bei Helfern, die nicht erschienen sind, nach den Gründen.

«Wenn es wegen Krankheit oder Beruf ist, verlangen wir etwas Schriftliches.» Doch da gibt es auch jene, von denen man nichts mehr hört. Doch belangt werden sie nicht. «Bei freiwilliger Arbeit ist dies schon nur aus rechtlicher Sicht gar nicht möglich.»

Erstmals hat Tanja Schürch ihre bald 13-jährige Tochter mit­genommen. Sie interessiert sich schon länger für die Rennen, war aber noch nie vor Ort dabei. Alina war fünf Monate alt, als sich Tanja Schürch im Jahr 2006 wieder in Richtung Wengen verabschiedete. «Es ist jedes Jahr wie ein Lau­berhornfieber, wie ein Heim­kommen.»

Die O-Töne vom Lauberhorn

Am schwierigsten ist das Geradeausfahren.Slalomspezialist Luca Aerni an der Startnummernvergabe für die Kombination auf die Frage, wo für ihn die Tücken der Abfahrt liegen.

Wenn der Sturm jetzt nochmals das Zelt wegputzt, komme ich dann nicht mehr ­wieder die Trümmer aufräumen.Der ziemlich geschaffte Infanteriesoldat Roberto Delafeto mehr oder weniger im Spass während des Aufbaus des Ersatz-VIP-Zelts am Canadian Corner.

Ich habe zur Vorbereitung Ihre Reden gelesen. Sie sehen, mindestens einer hat sie gelesen!Speaker Dagobert Cahannes im Interview mit Bundespräsident Alain Berset, der am Samstag zugegen war.

Sie gehen sich Mut antrinken.Schlachtenbummler zwei Stunden vor dem Start zur Abfahrt, als er das Trio Beat Feuz, Patrick Küng und Nils Mani im Stechschritt durch das Gedränge die Startbar aufsuchen sah.

So wie die unterwegs sind, werden wir wohl wieder die halbe Samstagnacht mit Operieren verbringen.Zwei Krankenschwestern auf der Sesselbahn zum Lauberhorn, als sie zwei Freestyler auf eher unkontrollierter Fahrt durch den Neuschnee brettern sahen.

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