Spiez

Er zeigt, wie Integration funktioniert

SpiezRohulla Haidari kommt aus Afghanistan. Seit zwei Jahren lebt er als Flüchtling in der Schweiz. Integration ist für ihn nicht nur ein Schlagwort, sondern das logische Mittel zum Zweck – trotz eines fast unerträglichen Schicksals.

<b>Rohulla Haidari aus Afghanistan vor dem Schloss Spiez:</b> Er lebt zusammen mit drei weiteren, bei der Ankunft in der Schweiz noch minderjährigen Flüchtlingen bei seiner «Hausmutter» in Spiez.

Rohulla Haidari aus Afghanistan vor dem Schloss Spiez: Er lebt zusammen mit drei weiteren, bei der Ankunft in der Schweiz noch minderjährigen Flüchtlingen bei seiner «Hausmutter» in Spiez. Bild: Sonja L. Bauer

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Rohulla Haidari sieht nicht aus, wie wir uns hierzulande die Araber vorstellen: Seine Gesichts­züge sind asiatisch. «Ich bin ein Hazara», erklärt der 26-Jährige. «Meine Familie lebte in den Steinwohnungen, welche zu einem grossen Teil von den Taliban zerstört wurden.»

Die Hazara sind ein vor Hunderten von Jahren aus China und der Mongolei eingewandertes Volk mit schiitischem Glauben – und in Afghanistan eine tolerierte, aber wenig akzeptierte Minderheit.

Flüchten musste der damals 19-Jährige, weil er «Schande» über seine Familie und diejenige seiner Freundin brachte. Das heisst, weil sich das junge Paar, das sich seit der Kindheit kannte, ineinander verliebte und heiraten wollte – und dies, obwohl die Frau bereits einem anderen versprochen war.

«Zwangshochzeiten sind in Afghanistan normal. Doch ich war so verliebt, dass ich die Gefahr, die drohte, nicht sehen konnte. Ich dachte den ganzen Tag, jede Minute, an nichts als an diese wunderschöne Frau.»

Lernt Fachbegriffe aus der Pflege: Rohulla Haidaris Vokabularheft. Klicken Sie auf das Bild, um dieses zu vergrössern. Bild: Sonja L. Bauer.

Rohullas Familie jedoch war zu arm, als dass sie die Mitgift für Sahra* hätte aufbringen können. Als die junge Frau schliesslich von Rohulla schwanger wurde, war das Schicksal der Verliebten besiegelt. «Wir sollten gesteinigt werden.» Beiden gelang die Flucht. Leider nicht gemeinsam. «Die Schlepper weigerten sich, eine Schwangere mitzunehmen.»

Seine Frau versteckte sich vorerst unter dem Tschador. «Die Verhüllung hat ihr in unserer Heimat das Leben gerettet.» Später floh Sahra nach Pakistan, während er versuchte, nach Finnland zu gelangen, um seine Familie nachzuholen. «Von der Schweiz wusste ich damals noch nichts.»

Die Flucht dauerte. Im Iran musste Rohulla sich verstecken. «Ich arbeitete nachts in einer Fabrik, um nicht aufzufallen.» Dann schickten die Iraner sämtliche Flüchtlinge nach Syrien in den Krieg gegen den IS. «Dies hätte meinen Tod bedeutet.» Der damals knapp über 20-Jährige setzte sein Leben auf eine Karte und floh erneut.

Auf seinem Handy dokumentierte er alles: Die Überfahrt mit dem Boot, die Fahrt zu zehnt zusammengepfercht in einem PKW. Diejenige mit dem Zug in die Schweiz, wo sie von den Beamten aufgegriffen wurden. Seither sind sieben Jahre vergangen. «Ich habe meinen Sohn noch nie gesehen.»

Schatztruhe voller Wörter

In Rohullas Zimmer in Spiez sind, neben den zahlreichen Fotos seiner Frau und seines Sohnes in jedem Alter, viele weisse Zettel an die Wand gepinnt. Darauf stehen aber weder Poesie noch Parolen – sondern deutsche Vokabeln. Rohullas Wortschatz würde eine ganze Truhe füllen, wäre dies denn möglich.

«Ich verstehe einfach nicht, dass manche meiner Flüchtlingsleidensgenossen in den Jahren in der Schweiz nur wenig Deutsch sprechen», wundert er sich. «Gerade wenn Menschen in der Heimat Probleme haben, müssen sie hier etwas tun, um sich davon abzulenken und um etwas ändern zu können.»

Rohulla bedauert, dass Flüchtlinge oft nicht arbeiten dürfen, können und manchmal auch nicht wollen. «Was sollen denn junge, starke Männer den ganzen Tag tun?» Er selbst hat die Zeit des Wartens – in der der junge Afghane jeden Tag Angst hatte, ausgewiesen zu werden, und die er heute als die schlimmste seines Lebens bezeichnet – zum Deutschlernen benutzt. Seit dem vergangenen Herbst macht er ein Praktikum in einem Altersheim am Thunersee.

«Wer irgendwo zu Gast ist, soll sich anpassen können. Dazu muss er seine Gastgeber verstehen, sich aufklären lassen.»Rohulla Haidari

Im Frühsommer beginnt der ausgebildete Lehrer – «in Afghanistan unterrichtete ich sechste bis neunte Klasse» – eine Ausbildung zum AGS (Assistent Gesundheit und Soziales) in einem Alters- und Pflegeheim in Lauenen.

Manches am Schweizer Asylwesen kann er nicht nachvollziehen. So zum Beispiel, dass viele gesunde Menschen vom Sozialamt Geld bekämen und dafür nichts täten, andere hingegen eine Ausbildung begännen und dann, wenn sie sich integriert hätten, die Schweiz wieder verlassen müssten.

Flucht nach vorne

Rohulla Haidari sieht die einzige Chance, seinem garstigen Schicksal aus den Klauen zu klettern, in der Flucht nach vorn: «Ich will Deutsch sprechen können, die Menschen und ihre Lebensweise kennen lernen.»

Im Oberland habe er bereits eine «Oma», eine «Mutter» und eine «Schwester», erzählt er stolz. Den Kontakt pflege er regelmässig. Seine «Schwester» ist Lehrerin in Brienz. «Sie hat für mich ein Lied aus meiner Heimat auf Deutsch übersetzt und am Klavier gesungen und aufgenommen.»

Trotz seiner Leidensgeschichte sind seine Demut und sein Eifer ungebrochen. «Wer irgendwo zu Gast ist, soll sich anpassen können. Dazu muss er seine Gastgeber verstehen, sich aufklären lassen.» Der junge Mann lebt bei seiner Schweizer «Hausmutter», Käthy Williams-Schnidrig, in einem Haus in Spiez.

Die Schweiz-Australierin hat ihn und drei seiner damals noch minderjährigen Landsleute, alles Flüchtlinge, bei sich aufgenommen. Sie sagt: «Wir verstehen uns gut. Die Jungs sind selbstständig.» Während ihres dreimonatigen Aufenthaltes in Australien hätten die vier tipptopp auf ihr Haus aufgepasst.

Rohulla hat eine vorläufige Aufenthaltsgenehmigung, mit der er die Schweiz verlassen kann – verboten ist ihm die Reise nach Hause. Doch dorthin zieht es ihn, trotz grosser Sehnsucht nach seinen Eltern und Geschwistern und der Heimatstadt Ghazni, zurzeit nicht. Seine Gedanken reisen vielmehr nach Pakistan.

Er sehnt sich danach, endlich seine Frau zu heiraten und seinen Sohn in die Arme zu schliessen. Die Sehnsucht nach den beiden nagt an Geist und Seele. Doch noch ist da die Hoffnung, die nun wieder wachsen kann: Ein starker Wächter, der ätzende Angst und Zweifel tapfer abzuwehren versteht.

Er vertraut auf seine Intuition: «Es wird eine Lösung geben. Ich weiss es.» Vorerst freut er sich über die Möglichkeit, eine Ausbildung beginnen zu können. «Jeder zweite Flüchtling findet in der Schweiz eine Lehrstelle. Das erfüllt mich mit Lebensmut. Und diese Zuversicht möchte ich an andere junge Flüchtlinge weitergeben.»

*Name der Redaktion bekannt (Berner Oberländer)

Erstellt: 11.05.2018, 21:59 Uhr

Wie Wegbegleiter Rohulla Haidari sehen

Ramona Baumann hat die Betriebs- und Pflegedienstleitung des Alterswohnheims Glockenthal in Steffisburg ­inne, wo Rohulla Haidari, mit anderen jungen Flüchtlingen, sein Praktikum absolviert. Auf die Frage, wie sie die Integrationsbemühungen Haidaris miterlebe, reagiert sie begeistert. «Rohulla ist ein Vorbild für viele. Sein Eifer ist fast unübertreffbar. Er nimmt seine Mitmenschen und seine Arbeit sehr ernst.»

Unlängst habe er fürs ganze Wohnheim afghanisch gekocht und einen Vortrag über die Kultur seines Landes gehalten. «Natürlich auf Deutsch!» Er setze sich sehr für andere ein und gehe mit Rat und Tat voraus, sagt die Leiterin. Er sei ein reflektierter und intelligenter Mensch. «Die alten Menschen hier lieben ihn.»

Sie staune immer wieder – neben Rohulla absolvieren eine Syrerin und ein Somalier das Praktikum –, wie schnell interessierte Flüchtlinge Deutsch sprechen könnten. Ihr sei es ein Anliegen, dass diese Tatsache auch gesehen werde. «Viel zu oft hört man nur das Negative.» Engagierte Flüchtlinge gerade in der Pflege einzusetzen, bedeute eine grosse Chance für beide Seiten. «Dies kann dazu beitragen, dem Pflegeengpass erfolgreich entgegenzuwirken.»

Lukas Etter ist der Leiter der Kulturschule Thun. Die Schule vermittelt kulturelles Wissen zur Schweiz in drei Kursen: Leben, Wohnen und Arbeiten in der Schweiz. «Bei uns können Flüchtlinge und Asylsuchende zum Beispiel lernen, dass eine Frau die gleichen Rechte hat wie ein Mann, wie man sich bewirbt, wie man eine Wohnung findet, wie unser Sozialsystem funktioniert, was Demokratie ist oder, dass Schwarzarbeit illegal ist.» Etter wünscht sich, dass Asylsuchende bald in jedem Kanton eine Kulturschule besuchen können. Auch er lobt Rohulla Haidaris Engagement.

«Wer Deutsch sprechen kann, schafft sich gute Voraussetzungen zur Integration.» Zu Beginn sei der Graben zwischen der Kultur der Nichtschweizer und unserer gross. Doch Etter ist überzeugt: «Wer einen guten Willen hat, schafft meistens auch die Integration.»

www.kultur-schule.ch

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