Meiringen

Ein halbes Leben in der Engelhornhütte

MeiringenHeute feiert Bruno Scheller seinen 75. Geburtstag. Und am Sonntag beendet der Oberhasler Bergführer seine 35. Sommersaison als Hüttenwart der Engelhornhütte. Erinnerungen des Geburtstagskindes.

Auch mit 75 Jahren noch voll motiviert: Geburtstagskind Bruno Scheller neben «seiner» Engelhornhütte.

Auch mit 75 Jahren noch voll motiviert: Geburtstagskind Bruno Scheller neben «seiner» Engelhornhütte. Bild: Bruno Petroni

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«Nein, früher kamen hier keine Wanderer vorbei»: Geburtstagskind Bruno Scheller, der seit 35 Jahren die Engelhornhütte hoch über dem Reichenbachtal bewartet, stellt eine markante Entwicklung in der Gesellschaft fest. Damals in seinen Anfangszeiten wurde die Engelhornhütte ausschliesslich von Bergsteigern besucht, welche von hier aus am frühen nächsten Morgen die Besteigung der Engelhörner in Angriff nahmen.

«Entsprechend war es tagsüber still in der Hütte.» Dies hat sich grundlegend geändert, denn heute machen die Tagesgäste auf ihrer Wanderung von der Rosenlaui oder dem Gschwantenmad mehr als ein Drittel aller Hüttenbesucher aus – oftmals ist die Terrasse für den Andrang zu klein.

Und drei Früchtekuchen sind es schon, die Scheller dann an Spitzentagen zubereiten muss.Solche Spitzentage gab es heuer nur wenige; immerhin waren die 40 Schlafplätze zweimal ausgebucht.

Am kommenden Sonntag ist Schluss für heuer, Bruno Scheller wintert die Engelhornhütte ein. «Wegen der oft verregneten Wochenenden war es halt ein Sommer leicht unter dem Durchschnitt – ich verzeichnete rund 600 Übernachtungen», zieht der gebürtige Meiringer Bilanz.

«Ab Mitte August wurde das Wetter immer schlechter.» Trotzdem hatte Scheller im generell völlig verregneten September 80 Übernachtungen – das sind dreimal mehr als etwa in der benachbarten Dossenhütte des SAC, die jedoch 700 Meter höher oben steht.

Tausendmal Hüttenweg

Einmal pro Woche steigt Bruno Scheller ins Tal ab. Über die 35 Jahre gerechnet hat der vor 53 Jahren diplomierte Bergführer den Hüttenweg bereits Tausendmal begangen.

In den ersten Jahren war es vorwiegend seine Ehefrau Charlotte, welche die Engelhorn betreute, während Bruno vor allem durch die Woche mit Gästen im In- und Ausland in den Bergen unterwegs war und an den Wochenenden in der Hütte aushelfen kam. «Oftmals führte ich auch Gäste von unserer Hütte über die Engelhörner», erinnert sich Scheller, der jeweils im Winter in der Skischule Meiringen arbeitete.

Der Felsbrocken am Bett

Das eindrücklichste und auch gefürchigste Erlebnis in seinen 35 Hüttenwartjahren hatte Bruno Scheller am frühen Morgen des 5. August 2008. «Es war sechs Uhr in der Früh, als plötzlich ein riesiger Stein das Hüttendach durchschlug und an meiner Bettkante zum Liegen kam, nur wenige Zentimeter neben meinen Beinen.»

200-Kilo-Mocken am Bettrand: Vor 9 Jahren krachte dieser Stein durch das Hüttendach in die Hütte und landete just neben Bruno Scheller. Bild: zvg

Nach diesem Schock bedurfte es des Einsatzes von drei Mann, um den 200 Kilo schweren Felsbrocken quer durch die Gaststube über den Boden rollend aus dem Haus zu befördern.

Ein erfreulicheres Highlight für Scheller war die Feier zum 60. Geburtstag des damaligen SBB-Chefs Benedikt Weibel vor 11 Jahren. «Als Bergführer kam Weibel auch sonst ab und zu mit Gästen hier vorbei, und auch am letzten Montag war er wieder mal hier.»

Bescheiden geblieben

Nicht ganz ohne Stolz weist Bruno Scheller darauf hin, dass die gesamte Hütte von nur drei Quadratmetern Solarzellen mit Energie versorgt wird. Das Notaggregat steht nur für den Fall parat, dass die Sonne über mehrere Tage nicht scheinen sollte, wird aber kaum je gebraucht.

Grosse Sanierungen waren in der 1951 gebauten Engelhornhütte bisher keine nötig. «Vor 20 Jahren haben wir das Dach und die Fenster erneuert, und nächstes Jahr sind die Jalousieläden dran», so Scheller.

Ansonsten ist und bleibt die Engelhornhütte noch eine richtige, bescheidene Berghütte – zwar mit Handyempfang, jedoch ohne Internetanschluss. Die Reservationen werden hier noch telefonisch getätigt (Tel. 079 793 65 46). (Berner Oberländer)

Erstellt: 11.10.2017, 22:51 Uhr

Gegenrecht mit SAC und anderen Vereinen

Die vor 66 Jahren gebaute, auf 1901 Metern über Meer liegende Engelhornhütte gehört dem Akademischen Alpenclub Bern (AACB).

Sie liegt am nordöstlichen Ende des Ochsentales oberhalb des Reichenbachtals (Rosenlaui) und ist Ausgangspunkt für Klettereien in den Engelhörnern: Rosenlauistock, Tannenspitze, Simelistöcke und Vorderspitze.

Die Hütte wird von Bruno Scheller in der Regel und je nach Wetter bewartet von Anfang Juni bis Mitte Oktober. In der übrigen Zeit sind die Schlaf- und Aufenthaltsräume offen und eine Kochgelegenheit mit Gas vorhanden.

Der AACB wurde 1905 gegründet und zählt heute rund 130 Mitglieder. Frauen war die Aufnahme lange verwehrt, aber seit 1984 hat der AACB auch weibliche Mitglieder. Auch bestand der Club ursprünglich ausschliesslich aus Akademikern; seit vielen Jahren werden jedoch auch Nichtakademiker aufgenommen.

Die Engelhornhütte gehört nicht etwa den 152 Hütten des Schweizer Alpen-Clubs (SAC) an. Entsprechend wird sie ebenso wenig in den Statistiken des SAC aufgeführt wie die unter dem Grosshorn stehende Schmadrihütte, die ebenfalls Eigentum des AACB ist; oder die den Basler Akademikern gehörende, unbewartete Gruebenhütte im Grimselgebiet.

Der AACB pflegt aber nicht nur mit dem SAC ein Gegenrecht. Will heissen, dass Mitglieder verschiedener Alpen­vereine und -verbände aus elf Ländern Europas bei Vorweisung eines gültigen, mit der Gegenrechtsmarke versehenen Mitgliederausweises in den Genuss der gleichen reduzierten Hüttentaxen kommen wie Mitglieder des SAC.

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