Saanen

Ein Händel in englischer Hand

SaanenGibt es Schöneres als den Pomp im Barock, wenn er den Himmel schauen lässt? Der «Messias» von Händel setzte am Gstaad Menuhin Festival ein starkes Ausrufezeichen – geprägt von mehr als nur einer englischen Handschrift.

Nach drei Stunden die Erleichterung und die Entgegennahme der Standing Ovations. Die «Messias»-Interpretengemeinschaft in der Kirche Saanen – mit (v. l.) Countertenor Tim Mead,  Sopranistin Mary Bevan, Dirigent Paul McCreesh, Tenor Benjamin Hulett und Bass Neal Davies. Abgestuft nach hinten das Kammerorchester Basel und der Tölzer Knabenchor.

Nach drei Stunden die Erleichterung und die Entgegennahme der Standing Ovations. Die «Messias»-Interpretengemeinschaft in der Kirche Saanen – mit (v. l.) Countertenor Tim Mead, Sopranistin Mary Bevan, Dirigent Paul McCreesh, Tenor Benjamin Hulett und Bass Neal Davies. Abgestuft nach hinten das Kammerorchester Basel und der Tölzer Knabenchor. Bild: zvg/Raphael Faux

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«And we shall be changed» («Und wir werden verwandelt werden»): Der wuchtig-durchdringende, aber auch im leiseren Rückzug eindringlich haftende Bass von Neals Davies kennt kein Halten mehr. Die Auferstehung des Gekreuzigten, sein Sieg über den Tod wird buchstäblich mit ­allen orchestralen Kräften und dem Posaunenglanz der Trompete verkündet.

Licht in der Dunkelheit

In der Kirche Saanen geschieht Bewegendes: Die Verwandlung offenbart sich beim Übergang der Dämmerung in die Dunkelheit. Es ist den Besucherinnen und ­Besuchern in der restlos ausverkauften Kirche Saanen nicht mehr möglich, den zu Beginn ausgeteilten Original- und übersetzten Textstellen lesend Gefolgschaft zu leisten.

Macht nichts: Jetzt nimmt uns die Macht der Musik an der Hand und holt den Himmel hinunter auf Erden, auf dass wir ergriffen werden und Licht erfahren in der Dunkelheit. Was gibt es Schöneres, wenn das Motto des Gstaad Menuhin Festival, dieser «Pomp in Music», gerade in barocken Werken eine entfesselnde Wirkung entfaltet, die weit mehr als einen äusserlichen Kick auslöst?

Weg aus der Krise gefunden

Georg Friedrich Händels «Messias» stand selber an einer Schnittstelle: Würde ihn das in 24 Tagen komponierte Oratorium aus der Krise helfen, die er um 1741 spürte, als seine Opernserien nicht mehr zu zünden vermochten? Wir wissen es: Ja, genau das trat ein. Nicht nur das: Händels Werk um Geburt, Tod und Auferstehung Christi – es basiert auf Bibelversen, die Charles Jennens zusammengestellt hat –, wurde zum grössten Wurf des in England komponierenden und aus Halle an der Saale stammenden Deutschen.

Der «Messias» weiss auch heute noch während nahezu dreier Stunden zu bannen. Was an sich schon ein Wunder ist. Klar geht das nicht nur mit berückenden Verzierungen: Händel serviert seinen Geniestreich mit vibrierenden Chorpartien und Arien, die das Opern-Dramatische genauso in sich vereinigen wie den innigen Ton.

In Saanen wird also Englisch gesungen. Angeführt von einem britischen Solistenquartett, das sich mit höchster Identifizierungslust durch den Samstagabend bewegt. Neben eingangs erwähntem Neal Davies ergreift der souverän geführte Countertenor von Tim Mead mit einer­ ­tadellosen Klangqualität, besticht der Tenor von Benjamin Hulett (für den erkrankten Jeremy Ovenden) mit dramatischer Linienführung und klaren Konturen. Und auch Mary Bevan erhellt als einzige Frau das Geschehen mit ihrem leuchtkräftigen, koloraturfreudigen Sopran und gewinnendem Auftreten.

Charismatischer Dirigent

Als phänomenaler «Strippenzieher» amtet der wichtigste Engländer des Abends: Paul McCreesh, der ohne Partitur entsprechend traumwandlerisch, charismatisch und leidenschaftlich dirigiert und eine Autorität im besten Sinne, mit ansteckender Motivation, verkörpert. Dieser Händel ist wirklich in seiner Hand.

Er versteht es, klare Interpunktionen zu setzen und Steigerungen bestens getimt einzuleiten, aber auch, sich zurückzunehmen bis hin zum bei ihm nicht unbedingt für möglich gehaltenen Entspannungsmodus. Weils ja sonst so gut läuft.

Strahlender Tölzer Knabenchor

Und das ist in hohem Masse dem von Christian Flieger und Clemens Haudum einstudierten Tölzer Knabenchor zu verdanken, der mit strahlender Stimmreinheit, kecker Beseeltheit und begeisternder Präsenz gefällt. Hinzu kommt noch das agil und spielfreudig musizierende Kammerorchester Basel, das seinem Renommee einmal mehr vollauf gerecht wird. Chor und Orchester nehmen die Standing Ovations des beeindruckten Publikums ebenso verdient entgegen wie die Hauptprotagonisten.

Der von acht Livestreamkameras gefilmte Konzertabend wird in rund anderthalb Monaten zu sehen sein. (Berner Zeitung)

Erstellt: 17.07.2017, 16:50 Uhr

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