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Die Illusion einer anderen Welt

Dynamische Darsteller, philosophische Gespräche, dramatische Szenen: Im Theaterstück «Hotel zu den zwei Welten» schuf das Ensemble des Stedtlitheaters die Illusion einer anderen Realität.

«Hotel zu den zwei Welten»: Julien (rechts) tröstet die weinende Marie, links der Magier mit Turban.
«Hotel zu den zwei Welten»: Julien (rechts) tröstet die weinende Marie, links der Magier mit Turban.
Monika Hartig

«Wo bin ich hier?» Ein erschöpfter Hotelgast taumelt in die Empfangshalle, sieht sich suchend um. Die Frau an der Réception gibt keine Antwort. «Ja, Sie haben recht, ich werde mich ausruhen», sagt der Gast. Zwei Gestalten in Weiss begleiten Julien auf sein Zimmer. Dann füllt sich das Hotelfoyer mit weiteren Gästen: der Putzfrau Marie, dem wichtig­tuerischen Direktor Delbec und einem Magier mit goldenem Turban. Die drei philosophieren über Standesunterschiede, der Magier sagt: «Für mich besteht der Wert eines Menschen darin, dass er ein Mensch ist.»

Gefangen in Zwischenwelt

«Ich weiss nicht so recht, was ich hier tun soll. Wo sind wir hier, welche Stadt, welche Strasse? Ist das hier eine Klinik, ein Gefängnis?», fragt der Gast Julien mit wachsender Beunruhigung. Der Magier, schon seit sechs Monaten im Haus, gibt Julien den Rat, alle Gäste nach ihren letzten Erinnerungen zu befragen. Nur so könne er begreifen, wo er sich befinde: «Eine andere Möglichkeit gibt es nicht.»

Direktor Delbec hatte vor zwei Tagen einen Unfall, Marie landete nach einem Schüttelfrost im Krankenhaus – seitdem seien sie hier. Julien: «Wenn wir hier in einer Klinik sind, wo sind dann die Pfleger? Ich will den Arzt sehen!» Panisch und verzweifelt will der junge Mann flüchten, hämmert gegen verschlossene Türen, doch er findet keinen Weg hinaus: «Ich bin hier unter Irren gelandet. Sie gehören alle in die geschlossene Abteilung, ich will hier nur noch raus!»

Der Magier betrachtet versonnen seine Kristallkugel, legt Karten und erklärt: «Hier ist alles anders, hier nimmt man sich Zeit. Man trifft hier alle möglichen Leute und plaudert miteinander.» Ausführlich diskutieren die Gäste über den Sinn des Lebens, das Gewissen, den Tod und ob es danach irgendwie weitergeht. Eine mysteriöse Frau in Weiss, Doktor S., tritt auf und fragt Julien: «Haben Sie Angst? Haben Sie verstanden, wo Sie sich befinden? Sie sind mit 200 Stunden­kilometern gegen einen Baum geprallt!»

Julien denkt über sein Leben nach. Doch dann tritt die bezaubernde Laura auf, die auf ein Spenderherz wartet. Sie war von Kindheit an krank, doch ist sie voller Zuversicht und Lebensfreude. Laura bittet den Magier und Direktor Delbec, ihr den Hof zu machen – ein Herzenswunsch: «Bitte flirten Sie mit mir!» Julien verliebt sich in das strahlende junge Mädchen: «Sie sind schön, wunderschön.»

Liebe für immer

Die beiden möchten zusammen sein, für immer, tanzen Tango, küssen sich leidenschaftlich und versprechen sich ewige Liebe. Doch es droht die Trennung. Denn wenn ihre Zeit gekommen ist, ruft Doktor S. die Hotelgäste jeweils zum Fahrstuhl, der nach unten ins Leben oder nach oben in die Ewigkeit führt – keiner, der einsteigt, weiss, wo er enden wird.

Das Ensemble kreierte sehr authentisch die Illusion einer Zwischenwelt, spielte dynamisch, mit Humor und Leidenschaft und fesselte die 23 Zuschauer bis zum letzten Moment des über zweistündigen Stücks. Dafür ernteten die acht Darsteller lang anhaltenden Applaus. Die Premiere endete mit einem Apéro riche für alle im Stadtkeller.

Weitere Vorstellungen im Stadtkeller, Unterseen: Mittwoch, 3., Freitag, 5., Samstag, 6., Dienstag, 9., Freitag, 12., Samstag, 13. Mai, jeweils 20.15 Uhr.

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