Der Tessin-Fan aus dem Oberland

Spiez

Der Spiezer Peter Zwahlen hat vor mehr als 50 Jahren seine Begeisterung für das Tessin entdeckt und füllt mit seinen akribisch gesammelten Unterlagen 46 Ordner.

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Franziska Zaugg

«Drei Stunden Wartezeit am Gotthard in Richtung Tessin.» Solche Verkehrsmeldungen lassen Peter Zwahlen kalt. «Wenn ich Sehnsucht nach Malvaglia habe, fahre ich los.» Dann wählt der 78-Jährige die Route Grimsel–Nufenen und braust mit seinem weissen Volvo mit Tessiner Kennzeichen Richtung Süden. In der Gotthardraststätte legt er eine Kaffeepause ein. Nach drei Stunden parkiert er schliesslich vor seinem Haus in Malvaglia, einer 1300 Einwohner zählenden Gemeinde am Eingang zum Bleniotal.

Zwahlen ist einer jener Deutschschweizer, die seit Jahren die Ferien und viele Wochenenden im Tessin verbringen. Anfangs war er mit seinen Kollegen dort, später mit Frau, Sohn und Tochter, mittlerweile ist auch der Enkelsohn dabei. Über Jahre logierte die Familie Zwahlen in derselben Ferienwohnung, damals noch in Muzzano nahe Lugano. Seit 1982 im eigenen Haus.

246 Poststempel

Es sind die farbigen Blätter der Kastanienbäume im Herbst, das milde Klima im Winter, die Palmen im Frühling und die Polenta in den kühlen Grotti im Sommer, die Zwahlen vom Berner Oberland auf die Alpensüdseite locken. Seit seiner Pensionierung pendelt er im Zweiwochentakt. Hin und wieder begleitet von seiner Frau Therese (74).

In diesen Tagen weilt er in Spiez. Das Wetter auf der Alpennordseite ist «so schön», kommentiert Zwahlen. Er sitzt in seiner Wohnung, trägt ein T-Shirt mit der Aufschrift «Festa del Torchio Ludiano». Ein Souvenir, kürzlich gekauft an einem Dorffest im Bleniotal. «So gerne, wie ich im Tessin die Zeit für mich verbringe, so gerne bin ich unter Leuten, pflege meine Freundschaften vor Ort. Am liebsten in einem Grotto bei einem Glas Nostrano.»

«So gerne, wie ich im Tessin die Zeit für mich verbringe, so gerne bin ich unter Leuten, pflege meine Freundschaften vor Ort. Am liebsten in einem Grotto bei einem Glas Nostrano.» Peter Zwahlen

Während seiner unzähligen Aufenthalte im Tessin hat Zwahlen seinen Lieblingskanton erkundet. Mit dem Auto oder beim Wandern. Dazu nutzte der ehemalige Posthalter des Büros Heustrich, Emdtal, Mülenen berufliche Kontakte. «Ich habe mich mit den Posthaltern verabredet und sie über ihre Dörfer ausgefragt.» – Seine Sprachkenntnisse hat sich Zwahlen übrigens in Kursen angeeignet, und er hört täglich Radiotelevisione svizzera.

In den vergangenen 30 Jahren hat der Tessin-Fan 246 Poststellen abgeklappert, von Chiasso bis Airolo. «Die meisten davon gibt es längst nicht mehr», bedauert er. Sein gesammeltes Wissen ist in 46 Ordnern abgelegt ? er hat von jedem Dorf eine Chronik erstellt.

Zwahlen nimmt einen Ordner hervor, beginnt darin zu blättern. Es sind handgeschriebene Notizen, ergänzt mit Fotografien, Prospekten und Postkarten. «Jeder Posthalter hat mir eine Karte abgestempelt», freut er sich – und was zu jeder seiner Chroniken gehöre, sei «ein Bild mit dem Wappen des Dorfes». Zwahlen hat Geschichtliches und Kulturhistorisches zusammengetragen. Besonders die Kirchen mit ihren «aufwendig gefertigten Fresken» beeindrucken ihn. «Und auch die alten Tessiner Häuser mit Steindächern.»

Sein Wissen erweitert er regelmässig im Staatsarchiv in Bellinzona. Und damit er in Spiez weiss, was an seinem Zweitwohnsitz aktuell beschäftigt und worüber in den Grotti diskutiert wird, liest er die deutschsprachige «Tessiner Zeitung».

Eigenes Wanderbuch

Feriengäste aus der Deutschschweiz waren bei Zwahlens im Tessin immer willkommen. Mehrmals organisierte der Tessin-Kenner Wandertage. Dazu erkundete er vorgängig Routen im Bleniotal, in den Regionen Biaschese und Bellinzonese. «Doch mir fehlten Unterlagen für leichte Touren in diesen wunderschönen Regionen. Da begann ich, selber welche zusammenzustellen.» Entstanden ist so das 74-seitige Ringheft «Wanderungen für Ältere und leicht Gehbehinderte», das er Freunden und Bekannten weitergibt.

Freund und Fussball

In Malvaglia bewohnen Zwahlens ein Haus mitten im Dorf, eingebettet zwischen Wohnhäusern. In Spiez liegt die Parterrewohnung im Grünen und bietet Aussicht auf den Thunersee. «Müsste ich mich entscheiden, dann wäre es Spiez», sagt Zwahlen. «Hier bin ich aufgewachsen, hier leben meine Familie und meine Freunde, hier bin ich daheim.»

Und hier wurzelt seine Liebe zum Tessin: Die Eltern eines Schulfreundes stammten von dort. Die zwei waren in der Jungwacht und teilten ihre Begeisterung für Fussball. «Wir besuchten in Thun die Spiele des FC Chiasso oder FC Lugano gegen den FC Thun.» Dank der italienischen Sprachkenntnisse des Freundes schlossen die beiden Kontakt mit Reportern eines Tessiner Radios. «Wir erzählten ihnen alles über die Thuner Mannschaft, durften dafür neben ihnen auf der Tribüne sitzen», erzählt er.

Später reiste Zwahlen mit dem Zug nach Lugano und verfolgte im Stadio di Cornaredo die Spiele des Lieblingsclubs FC Lugano, oder er fieberte in der Valascia für das Eishockeyteam von Ambrì-Piotta. «Das war eine schöne Zeit», erinnert sich Zwahlen und schwärmt: «Meine Liebe zum Tessin ist lebenslang.»

Berner Zeitung

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