Göläs Stammtisch-Soundtrack

«Stärne» heisst das neue Album von Gölä, das am Freitag erscheint. Mit politischen Songs sorgte der Oberländer Mundartmusiker schon im Vorfeld für Aufregung.

Video: Youtube

Stefanie Christ@steffiinthesky

«Stärne» heisst das neue Album von Gölä. Und Sterne werden jene sehen, denen der Mundart­sänger mit seinen Songs verbal eins überzieht: die System­schmarotzer, denen die Kohle unter die Arschbacken geschoben werde, die Studierten, die wüssten, wie man ohne Arbeit Kohle vom Bund erhalte, und die Therapeuten, die auch den hinterletzten Sozialhilfebezüger lieb umsorgten.

Man darf sich vom poetischen Titel und vom Plattencover (Göläs nachdenkliches Gesicht verschwimmt in 3-D mit dem Sternenhimmel) nicht täuschen lassen: «Stärne» ist ein politisches Statement, eine «Chropfläärete» vom «Büezer» Gölä. Entsprechend viel Radau gab es schon im Vorfeld der Albumveröffent­lichung, etwa, nachdem der Musiker im «SonntagsBlick» über die «zu linke» Schweiz gepoltert hatte.

Zukunftspessimismus

Göläs Rezept für Publicity ist ganz einfach: provozieren und sticheln nach allen Seiten, vornehmlich gegen links. «I bügle jede Tag, u i mache das o gärn / Aber langsam hani gnue vo dene Badhubi z’Bärn / ’tami, wi verblöde die mini Stüüre / Da chani d’Chole ja grad säuber im Cheminée verfüüre». Und er teilt auch Seitenhiebe gegen anders denkende Musiker aus, etwa gegen den türkischstämmigen Berner Müslüm, dessen Hit «La bambele» er in «La bambala la» ungeniert durch den Kakao zieht: «I ha ke Zyt zum Umehange / Zum La-bambala-La / Wot, dass mis Meitschi vo mir dänkt: / ‹Läck, mi Typ isch no e Maa . . .›»

Gölä fordert gar einen neuen Che Gue­vara, eine Revolution gegen das «Pack z’Bärn». Dass Guevara ein marxistischer Revolutionär war, scheint den Musiker dabei nicht zu stören.

Zu Göläs Grundhaltung passt die Idealisierung vermeintlich besserer Zeiten: «Was würd mi Grospère säge, wenn är das chönnt gseh? / ’s würd ihm ds Härz verschrysse / es tät ihm d’Seele weh». Überhaupt sei es tragisch, zu sehen, wie die Schweiz «dr Bach ab geit». Das ist Zukunftspessimismus, wie ihn schon griechische Philosophen wie Aristoteles (384–322 v. Chr.) oder Sokrates (469–399 v. Chr.) pflegten – und der immer wieder zieht.

Apropos Philosophen: Damit auch ja niemand auf die Idee kommt, der 48-jährige Berner, der den Sommer über an seinen eigenen Häusern baute, könnte im Entferntesten etwas zu tun haben mit verkopften Intellektuellen, betont Gölä auf «Stärne» mehr denn je sein «Büezertum»: «I wärche hert jede Tag / Früeh uf u spät i ds Bett / I wärche hert jede Tag / Nüt, woni angers wett».

Altbewährtes

Aber wie tönen die Songs eigentlich? Temporeich, hart, direkt – wie die alten Gölä-Hits, minus die epischen Ohrwurmmelodien von «Schwan» oder «Keni Träne meh». Die Wörter von «I hätt no viu blöder ta», ergänzt durch einige Midlife-Crisis-Schlagwörter, wurden in eine Schüssel geworfen, gut gemischt und neu anein­andergereiht. Daraus entstand etwa «Hey Hey»: «Stah i zmitts im Läbe, oder ziehts a mir verby?». Und bei Songs wie «Dä Zug isch ab» mit seinem rasanten Banjo oder «Irgendeinisch» hört man deutlich Göläs frühere Ausflüge in die Countrymusik mit den Bellamy Brothers heraus.

Natürlich fehlen auch die Balladen nicht – sie bilden den intimen Gegenpol zu den politischen Songs. «Mir beidi» beispielsweise, eine schwelgerische Ballade, die durch eine sorgfältig gezupfte Gitarrenmelodie und streichelnde Schlagzeugrhythmen Lagerfeuerromantik aufkommen lässt. Oder der Titelsong «D’Stärne», in dem es um nichts Geringeres als den Sinn des Lebens geht: «U i weiss, die Stärne si no da / we i scho lang ha müesse gah».

Klar, solche Weisheiten könnten auch in einem Glückskeks stehen. Aber die Songs wurden ja auch nicht für Philosophiestudenten geschrieben.

Berner Zeitung

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