Der schwierige Entzug vom weissen Pulver

Obwohl der Schnee und die Renditen wegschmelzen, halten auch tief gelegene Bergdestinationen am Skibetrieb fest. Denn das Wintersportbusiness wirft mehr ab als das Sommergeschäft. Und selbst marode Bergbahnen werden subventioniert.

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Neuschnee und die jüngste Sonnenperiode haben Marina Schmolls Gefühlslage stark aufgehellt. Die Geschäftsleiterin der Wiriehornbahnen im Berner Oberland schwärmt von «wunderschönen Tagen». Vor wenigen Wochen aber lagen ihre Nerven blank. Viel zu lange blieb der Schnee aus. Kaum war er gefallen, rückte ihm ein Wärmeeinbruch mit Regen zu Leibe. Die laufende Saison komme ihr oft wie eine «psychische Achterbahnfahrt» vor, gesteht sie.

Erst seit dem 7. Januar ist im Diemtigtal, einem Seitenast des Simmentals, der Skibetrieb auf allen Pisten möglich. Für eine künstliche Beschneiung war es vorher zu warm. Das Weihnachts- und Neujahrsgeschäft, das laut Schmoll 30 bis 35 Prozent des Wintersaisonertrags einbringt, fiel aus. Das Skigebiet leidet schon an der dritten schneearmen Wintersaison in Folge. Wie viele solche Saisons liegen noch drin? «Keine einzige mehr», sagt Marina Schmoll.

Zu klein und doch zu gross

Die Destination Wiriehorn, relativ tief zwischen 1000 und 1700 Metern über Meer gelegen, balanciert am Abgrund. Die lokalen Bergbahnen befinden sich in Nachlassstundung. Das bedeutet, dass ihr Konkurs vorerst bis Ende März – und maximal anderthalb Jahre darüber hinaus – aufgeschoben ist. Dann müssen die Forderungen der Geldgeber und des Gerichts erfüllt und die Bahn finanziell saniert sein. Der Verein «Freunde der Wiriehornbahnen» sammelt Geld. 200 000 Franken sind zusammengekommen. Zu wenig für eine Sanierung.

Auch in Braunwald, auf 1200 bis 1900 Metern Höhe hinten im Glarnerland auf einer Sonnenterrasse gelegen, kann man erst seit dem 6. Januar Ski fahren. Im autofreien Ort habe der Ausfall des Weihnachtsgeschäfts ein Loch von rund einer Million Franken in die Kasse gerissen, sagt André Huser, Geschäftsführer der Sportbahnen Braunwald. Bis Ende Saison müsse ein Sanierungskonzept her. Beschneit werden könne nur punktuell, sagt Huser. Und eine neue Beschneiungsanlage zu bauen, wäre ein «Klumpenrisiko», das den schon heute kaum zu deckenden Betriebsaufwand noch erhöhen würde.

Wiriehorn und Braunwald gehören einer bedrohten Art an: Sie sind zu tief gelegen und zu klein. Aber doch so gross, dass «ein ganzer Rattenschwanz von Abhängigkeiten» besteht, wie das André Huser formuliert. 30 Arbeitsplätze bei den Bahnen und in der Gastronomie hängen in der 400-Seelen-Gemeinde Braunwald vom Schneesport ab. Die Sportbahnen sind zwar krank, aber immer noch ein Motor des Dorfs. «Ohne Skibetrieb würde eine Abwärtsspirale in Gang gesetzt, die die Existenz des Dorfs infrage stellen könnte», fürchtet Huser.

Wann geben sie auf?

Wann geben das Diemtigtal oder Braunwald das Rennen gegen den Niedergang auf und steigen aus dem Skibetrieb aus? Marina Schmoll von den Wiriehornbahnen befindet sie sich noch im Modus des Überlebenskampfs. Sie blicke nicht allzu weit nach vorne. «Es gibt schlechte Phasen, in denen man schon ans Aufgeben denkt», räumt sie ein. Aber dann sei einem wieder bewusst, wer im Tal alles von der Bahn abhänge. «Jetzt muss einfach die Sanierung gelingen und das Sommergeschäft ausgebaut werden.»

«Es wird kein plötzliches Bergbahnsterben geben, sondern einen langwierigen  Um­wandlungs-  und Schrumpfungsprozess.»

Ueli Stückelberger, Seilbahnen Schweiz

Der Ausstieg aus dem lange vertrauten Wintersport ist vielerorts noch tabu. «Man kann Bergbahnen nicht einfach befehlen, den Betrieb einzustellen, das sind private Unternehmen, die selber das Geschäftsrisiko tragen und über ihre Zukunft entscheiden», sagt Ueli Stückelberger, Direktor des Dachverbands Seilbahnen Schweiz und des Verbands öffentlicher Verkehr.

«Es wird nicht wie auf Knopfdruck ein schnelles Sterben der Bergbahnen geben», glaubt Stückelberger. Er erwartet einen langwierigen Umwandlungs- und Schrumpfungsprozess, der für Bergbahnen in Ausflugsdistanz von den Zentren leichter zu bewältigen sei. So profitieren etwa das relative tief gelegene Schwyzer Skigebiet Hoch Ybrig oder die Bündner Lenzerheide davon, dass sie von Zürich aus schnell ­erreichbar sind. «Grosse, hoch gelegene Destinationen werden die Gewinner sein, mittelgrosse, tiefer gelegene die Verlierer», prognostiziert Stückelberger.

Challenge an vielen Fronten

Weil fehlender Schnee die Krise des Wintersports unübersehbar macht, gilt der Klimawandel als zentrale Herausforderung. «Die Wintersportorte kämpfen aber gleichzeitig an mehreren Fronten», korrigiert Roland Zegg. Er ist Inhaber und Geschäftsführer der Grischconsulta im bündnerischen Maienfeld, die Tourismusorte und Bergbahnen berät. Etwa jene von Braunwald.

«Selbst potente Hochgebirgsdestinationen wie Zermatt oder St. Moritz stehen unter hohem Wettbewerbsdruck», sagt Zegg. Denn auch sie befänden sich in einer «grossen Veränderung des Klimas, der Bedürfnisse in den verschiedenen Zielgruppen, der Märkte und der Währungssituation» (siehe Box). Gerade weil die Lage so komplex sei, könne eine Destination nicht schnell das Steuer herumreissen.

Gestehen sich die alpinen Destinationen denn ein, dass sie in einer Abwärtsspirale stecken? «Teilweise», sagt Zegg. Der Trendreport «Bergbahnen wohin? – 2025», den seine Beratungsfirma im letzten April publiziert hat, spricht Klartext: «Der fixierte Blick auf bewährte Märkte wie die treue Schweizer Familie, den dankbaren Deutschen oder den spendablen Russen hat die Leistungsbereitschaft vieler Bergbahnen über Jahrzehnte beherrscht. Nun sind diese Märkte überaltert, unterjüngt oder bankrott – der Lack ist ab.» Nur wer sich früh neu positioniere und sich aus der einseitigen Abhängigkeit vom Skibetrieb löse, habe gute Karten für die Zukunft, sagt Zegg.

Falsche finanzielle Anreize

Vorderhand lässt sich die Entwöhnung vom Skibetrieb hinauszögern, weil immer noch erheb­liche Staatsbeiträge in die Infrastruktur des Wintersports gepumpt werden. Der Kanton Freiburg beispielsweise subventioniert die Infrastruktur seiner relativ tief gelegenen Bergbahnen. Und das Kantonsparlament in Sitten hat vorgestern in erster Lesung und gegen rot-grünen Widerstand den Walliser Bergbahnen 157 Millionen Franken à fonds perdu zugesprochen.

Sogar der Bund bietet mit. Hinter dem neutralen Namen neue Regionalpolitik (NRP) verbirgt sich ein 2008 gestartetes Förderprogramm von Bund und Kantonen für die Bergregionen. Eben ist die zweite NRP-Tranche für den Zeitraum 2016 bis 2019 angelaufen, mit einem Fokus auf Tourismusinfrastruktur. Der Bund lässt den Bergregionen in diesen vier Jahren A-fonds-perdu-Beiträge von 105 Millionen Franken und zinsgünstige oder zinslose Darlehen von 200 Millionen Franken zufliessen. Dazu kommen ähnlich hohe Beiträge der Kantone.

«Nur Wintersportorte, die sich früh neu positionieren und sich aus  der einseitigen Ab­hängigkeit vom Ski­betrieb lösen, haben gute Karten für die Zukunft.» 

Roland Zegg, Beratungsfirma Grischconsulta

Konkret verteilt wird das Geld von den Kantonen. Im Kanton Bern erhalten so etwa ein Darlehen von je einer Million Franken: die Zubringerbahn von der bloss auf 1000 Metern gelegenen Lenk auf die Metsch, in Adelboden eine 4er-Sesselbahn am Weltcuphang des Chuenisbärgli und eine Kombibahn auf das Hahnenmoos. Keine dieser Bahnen überschreitet die Höhe von 2000 Metern.

Werden so in Zeiten des finanziellen Schwunds und des schmelzenden Schnees nicht falsche Anreize gesetzt? Die NRP-Fördergelder kämen ausschliesslich Bahnen zugute, die für einen Ort eine «Rückgratfunktion» hätten, erwidert Antje Baertschi, Sprecherin des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco). Die Beiträge müssten überdies nachhaltigen Mehrwert schaffen und die regionale Kooperation fördern.

Warum ermuntert das Seco nicht dazu, den Skibetrieb wenigstens sanft zurückzufahren? «Es ist nicht in der Kompetenz des subsidiär wirkenden Bundes, die strategische Ausrichtung von Tourismusdestinationen zu diktieren», sagt Antje Baertschi.

Gstaads harte Schrumpfkur

Jahrzehntelang hingen Skigebiete am Tropf der öffentlichen Hand. Daniel Wüthrich vom kantonalbernischen Amt für Wirtschaft (Beco) aber erklärt, sein Kanton gewähre Bergbahnen nur rückzahlbare Darlehen – unter bestimmten Bedingungen. Eine solche sei ein einleuchtender Businessplan. Bei klammen Betrieben wie der Wiriehornbahn verlangt der Kanton für ein Darlehen die Garantie einer Bank oder einer Gemeinde. Derzeit ­seien bei Berner Bergbahnen Darlehen des Kantons von rund 10 Millionen Franken offen, sagt Wüthrich. Jährlich müssen die Bahnen Rückzahlungen leisten.

Ans Bein streichen musste sich der Kanton Bern laut Wüthrich bei der seit 1974 laufenden Investitionshilfe bloss einen einstelligen Millionenbetrag. Die Unternehmen, die nicht mehr zahlen konnten, gehören zu den Sorgenkindern unter den Berner Bergbahnen: etwa jene im Raum Gstaad.

2004 schlossen sich dort sieben lokal konkurrenzierende Bergbahnunternehmen zusammen, die sich vorher gegenseitig das Wasser abgegraben hatten. All ihre Bergstationen liegen deutlich unterhalb von 2000 Metern. Die Fusion war eine erste Bedingung des Kantons für weitere Darlehen. Nach gescheiterten Investitionsprojekten türmte sich darauf ein Schuldenberg von 58 Millionen Franken. Die wohlhabende Gemeinde Saanen mit dem Nobelort Gstaad hatte immer wieder Geld eingeschossen, bis dies selbst ihre Kräfte überforderte.

Bei der nun jüngst erfolgten, harten Sanierung der Gstaader Bergbahnen stellte der Kanton Bern eine zweite Bedingung: dass die Gemeinde aus der Leitung der Bahn aussteige und ein privates Aktionariat übernehme. Nicht alle Massnahmen der neuen Leitung sind populär. Proteste gab es etwa gegen den Entscheid, das Skigebiet Rellerli in Schönried an den in Gstaad ansässigen Milliardär Ernesto Bertarelli zu veräussern. Dieser will dort ab 2018 ein Luxusresort bauen. Und den Skibetrieb ganz einstellen.

Suchtfaktor Wintersport

Ein solcher Ausstieg aus dem Schneesport fällt immer noch schwer, obwohl ein Drittel der Schweizer Bergbahnen unterfinanziert ist. «An einer Bergbahn hängt eine ganze Destination mit ihrer Hotellerie, ihrem Gewerbe und ihren Zweitwohnungen», erklärt Seilbahndirektor Stückelberger. Alle hätten also ein Interesse daran, dass eine Bahn erhalten bleibe. Für die Zukunft seien Organisationsmodelle gefragt, die die finanzielle Last auf alle lokalen Player verteilen würden. Noch sind diese aber an eine Vollkaskoversicherung durch die öffentliche Hand gewöhnt.

Es gibt einen zweiten Suchtfaktor, der das Loskommen vom Skisport erschwert: Der Wintersport generiert im alpinen Tourismus eine hohe Wertschöpfung und schafft viele Arbeitsplätze. «Im Winter ist ein Gast noch bereit, 70 Franken für ein Tagesticket zu bezahlen», sagt Therese Lehmann, Tourismusforscherin an der Universität Bern. Allerdings reichen laut Lehmann auch 70 Franken längst nicht mehr, um die hohen Investitionen in Bahnen und Beschneiungsanlagen zu decken.

Trügerische Sommerhoffnung

Bergorte klammern sich für ihr Überleben nun an den Rettungsring des Sommergeschäfts. Stolz vermeldet eine alpine Destination, wenn die Zahl der Übernachtungen im Sommer jene im Winter toppt. Die Freude ist aber laut Therese Lehmann mit Vorsicht zu geniessen. Die Region Adelboden-Lenk im Berner Oberland verzeichne zwar im Sommer 60 Prozent der Übernachtungen, die Sommergäste geben aber nur unwesentlich mehr aus als die Wintergäste. «Wandern oder Trottinettfahren im Sommer wirft weniger ab als Skifahren», sagt Lehmann.

Die Abhängigkeit vom Winter sei deshalb immer noch hoch und liege im Schnitt bei rund 80 Prozent des Jahresgeschäfts, weiss Daniel Wüthrich vom Beco. Verluste über Weihnachten und Neujahr lassen sich also auch mit einem guten Sommer nicht kompensieren.

Immerhin im Berner Oberland vermag der Sommer dem kränkelnden Wintergeschäft unter die Arme zu greifen. Dank zwei besonderen Motoren, sagt Therese Lehmann: den Jungfraubahnen und in kleinerem Masse der Schilthornbahn. Im Sommer lassen sich gar mehr Gäste für einen Tag auf das Jungfraujoch entführen als im Winter. Und sie sind bereit, an einem Tag das Mehrfache eines Skipasses auszugeben. Die Hochgebirgsbahnen leisten so eine Quersubventionierung des Skibetriebs – und zögern dessen Sterben hinaus.

Der Preis des Ausstiegs

Bedrohte Wintersportorte haben zwei Optionen: Mühsam um das Schneesportbusiness kämpfen oder sich schmerzhaft vom Skisport lösen. Der Ausstieg hat aber seinen Preis. «Im Winter ist unser Dorf heute tot. Wir haben acht Arbeitsplätze verloren, die Zahl der jährlichen Übernachtungen ist von 160 000 im Jahr 1993 auf 65 000 gefallen», sagt Heinz Seiler, Gemeinderat im Walliser Dorf Ernen am Eingang ins Binntal. 2011 hat das Dorf sein defizitäres Skigebiet, das immerhin eine Höhe von 2285 Metern erreichte, aufgegeben und die Skilifte abgebrochen. Am Pilatus, am Stockhorn im Berner Simmental oder auf dem Appenzeller Kronberg wurde der Skibetrieb schmerzloser eingestellt. Auch ohne Skipisten kommen genug Tagesausflügler auf die drei spektakulären Ausflugsberge.

Manchmal kann der Abschied vom Skibetrieb gar eine Befreiung sein. Im letzten April gelang in der Obwaldner Gemeinde Lungern am Brünigpass die Wiederauferstehung der stillgelegten Turrenbahn. Ohne das langjährige Skigebiet Schönbüel. «Auch ohne Schnee kamen über Weihnachten zahlreiche Wanderer an die Sonne über dem Hochnebel», freut sich Geschäftsführer Stephan Wagner. Barbara Zumbrunn, Präsidentin von Lungern Tourismus, schwärmt geradezu: «Wir haben das frühere Skigebiet als Oase der Ruhe und des Gehens wiederentdeckt.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 18.02.2017, 16:26 Uhr

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