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Der Ekstatiker und seine Königin

Mit dem Amerikaner Cameron Carpenter gastierte am Freitag der Eigenwilligste aller Organisten am Menuhin Festival in Gstaad. Es war ein geradezu geniales Ereignis.

Cameron Carpenter sorgte mit seinem virtuosen Orgelspiel für helle Begeisterung.
Cameron Carpenter sorgte mit seinem virtuosen Orgelspiel für helle Begeisterung.
Raphael Faux / Gstaadphotography.com

Nicht selten wird die Orgel als Königin der Instrumente bezeichnet, weil sie sozusagen ein ganzes Orchester ersetzen kann. Und wahrhaft königlich thronte sie am Freitag im gut halb gefüllten Festivalzelt Gstaad auf der Bühne, die gigantische «International Touring Organ», die sich der Organist Cameron Carpenter seinen Bedürfnissen entsprechend hat bauen lassen.

Und dieser fünfmanualige, mit digitalen Orgelklängen gefütterte Synthesizer samt seinen gut zwei Dutzend Lautsprechern scheint wirklich alles zu können, was das Organistenherz begehrt. Der erste akustische Eindruck ist denn auch eine immense Vielfalt an Klängen und Farben, ein atemberaubendes Spiel mit Effekten und Mischungen.

Exzentrischer Paradiesvogel

Doch damit nicht genug: Cameron, der als exzentrischer Paradiesvogel unter den Organisten gilt, liebt es, mit diesen verschwenderischen Möglichkeiten zu prunken. Dabei gestaltet er so eigenwillig in Registrierung, Tempowahl und Phrasierung, dass manch einem Puristen sicher kräftig die Ohren durchgepustet werden, bevor ihm Hören (und wohl auch Sehen) vergeht.

Vor allem aber ist der 36-jährige Amerikaner ein Ekstatiker, der immer wieder neue Klangkaskaden auftürmt, der gerne von der Virtuosität in die Raserei wechselt und der auch vor rauschhafter Sinnlichkeit nicht zurückschreckt. Bei Bach (Fantasie und Fuge g-Moll, BWV 542; Präludium und Fuge h-Moll, BWV 544; Passacaglia und Fuge c-Moll, BWV 582) mochte das Ganze bisweilen etwas überladen wirken. Doch wurde man von Camerons totaler Hingabe immer wieder mit- und hingerissen.

Schlichtweg genial

Und wie er in Viernes drei Piecen die Gegensätze aufeinanderprallen liess, wie er Wagners «Meistersinger»-Ouvertüre (in eigener Bearbeitung) gegen den Strich bürstete. Wie er Skrjabins vierte Klaviersonate souverän durchleuchtete. Wie er in den eigenen vier Improvisationen die Chromatik herausmeisselte. Und wie er in der als Zugabe geschenkten «Candide»-Ouvertüre von Bernstein gleichsam alle Minen sprengen liess – all dies war schlichtweg genial. Logische Folge: Standing Ovations.

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