Der Diener von Aeschi tritt ab

Aeschi

Andreas von Känel geht in den Ruhestand. 43 Jahre wirkte er als Gemeindeschreiber von Aeschi. In dieser Zeit hat sich dieser Posten, aber auch die Gemeinde geändert.

Nach 43 Jahren geht Aeschis Gemeindeschreiber Andreas von Känel in Pension.

Nach 43 Jahren geht Aeschis Gemeindeschreiber Andreas von Känel in Pension.

(Bild: Samuel Günter)

Samuel Günter@samuel_guenter

Seit 43 Jahren amtet Andreas von Känel als Gemeindeschreiber von Aeschi. Als er am 1. Januar 1973 offiziell begann, war er der jüngste Gemeindeschreiber des Kantons. Ende August ist Schluss für den inzwischen wohl dienstältesten Gemeindeschreiber. Er übergibt sein Amt an Lukas Berger und geht in Pension. Wie sehr sich die Arbeit in dieser Zeit gewandelt hat, zeigt sich exemplarisch daran, dass sein Nachfolger vom Gemeinderat eingestellt wurde.

Andreas von Känel setzte sich 1972 in einer Kampfwahl an der Gemeindeversammlung durch. Er erinnert sich noch gut. «Wegen des grossen Aufmarschs musste die Versammlung in die Kirche verlegt werden», erzählt er. Von Känel war nicht der offizielle Kandidat. «Ich war ein unbeschriebenes Blatt.» Doch der 21-Jährige war ein Einheimischer und gut vernetzt. Sein Gegenkandidat Willi Kummer, nur wenig älter, kam ebenfalls aus der Region, aber nicht aus Aeschi selbst.

Böses Blut habe es zwischen ihnen nicht gegeben. «Nein, wir verstanden uns sehr gut», sagt von Känel. «So hat er mich die ersten vier Monate vertreten, weil ich noch den Militärdienst leisten musste.» 1974 habe man dann gemeinsam die Gemeindeschreiberschule besucht und Kummer wurde in der Nachbargemeinde Krattigen Schreiber.

Glück mit den Chefs

In sehr guter Erinnerung werde ihm die Zusammenarbeit mit den Gemeindepräsidenten bleiben. «Ich hatte das Glück, immer sehr gute Chefs zu haben.» Sieben Gemeindepräsidenten waren es und nun aktuell mit Jolanda Luginbühl eine Gemeindepräsidentin. «Alle haben mich immer unterstützt.» Gerade in den ersten Jahren sei das sehr wichtig gewesen.

In einer so langen Karriere seien ihm sicher auch Fehler unterlaufen. An einen erinnert sich von Känel speziell gut. «Der Gemeindeschreiber musste damals noch periodisch wiedergewählt und das Ganze publiziert werden. Einmal vergass ich, meine eigene Wiederwahl zu publizieren.» Damit wäre sie eigentlich ungültig gewesen. Die Geschichte ging bis vor den Regierungsstatthalter. «Schliesslich mussten wir das Ganze an der nächsten Gemeindeversammlung nachholen.»

Diener der Gemeinde

Oft kursiert das Bild vom Gemeindeschreiber als Schattenkönig, der, da er Dossiers und Abläufe am besten kennt, den Gemeinderat insgeheim führt. Das treffe nicht zu, ist von Känel überzeugt. «Ich sah mich stets als Diener der Gemeinde», erklärte er. Er habe dem Gemeinderat zugedient und nie die Öffentlichkeit gesucht. «Auch an Gemeindeversammlungen habe ich nie ein Geschäft vertreten, wie das andere Gemeindeschreiber teilweise tun. Nur wenn ich gefragt wurde, gab ich Auskunft.»

Andreas von Känel selbst ist Mitglied der SVP, dies habe seine Arbeit aber nie tangiert. «Ein Gemeindeschreiber ist für alle Bürger da, entsprechend habe ich mich auch nie parteipolitisch aktiv engagiert.» Dass mittlerweile nur noch die SVP als Ortspartei in Aeschi aktiv ist, bedauert von Känel. «Aeschi ist nämlich keine SVP-Hochburg, wie viele meinen. Es ist das gesamte Spektrum von ganz links bis ganz rechts vertreten.» Der SVP hält er zugute, dass sie für Ämter nicht nur Leute aus den eigenen Reihen sucht und aufstellt.

Arbeit wurde nie langweilig

Hat es von Känel nie gereizt, wegzugehen, eine neue Herausforderung anzutreten? «Natürlich habe ich mir das überlegt.» Gerade im Alter zwischen 40 und 50 Jahren, als ihm klar geworden sei, dass, wenn er jetzt nicht wechsle, es zu spät wäre. «Vielleicht hat mir damals der Mut gefehlt», meint er lachend. «Aber meine Gemeinde ist mir ein Anliegen, und langweilig ist mir nie geworden», sagt von Känel. Auch innerhalb der Verwaltung habe die Zusammenarbeit praktisch immer reibungslos funktioniert, und die Stimmung sei gut gewesen.

Überhaupt sei Gemeindeschreiber ein sehr schöner, vielfältiger, interessanter, aber auch herausfordernder Job. «Natürlich gibt es auch Schattenseiten. Etwa, wenn man für etwas hinstehen muss, mit dem man eigentlich selbst auch nicht einverstanden ist.» Es habe Zeiten gegeben, als ihn einige Bürger nicht mehr grüssen wollten, weil er zur «Dorfmafia» zähle.

«Probleme hatte ich, wenn es zu persönlichen Angriffen kam. Aber in der Regel konnte ich damit gut umgehen.» Dies auch, weil er stets auf die Unterstützung der Gemeindepräsidenten zählen konnte. «Auch in persönlich schwierigen Zeiten haben sie mir den Rücken gestärkt.»

Gemeinde wurde anonymer

Seit seinem Amtsantritt ist die Bevölkerungszahl Aeschis von 1402 (1970) auf fast 2200 gestiegen. Es sei auch anonymer geworden. «Früher gab es im ganzen Dorf wohl nur eine Handvoll Leute, die weder der Gemeindepräsident noch ich persönlich kannten. Das ist heute nicht mehr so.» Viele Menschen würden in einer Gemeinde wohnen, sich aber nicht mehr dafür interessieren.

Auf der Verwaltung würden sie sich nur melden, wenn sie etwas zu reklamieren haben. «Aber immerhin kommen in Aeschi noch regelmässig bis zu 100 Stimmberechtigte an die Gemeindeversammlung, da haben wir einigen Gemeinden etwas voraus.»

Etwas geschmerzt habe es, als die Gemeinde das Beistandswesen an den Kanton abgetreten habe. «Für Leute, die auf der Schattenseite waren, da zu sein, war für mich sehr wichtig. Ich glaube, die Gemeinden haben diese Aufgaben sehr gut erledigt.»

Jetzt gehts auf die Pirsch

Langweilig werde es im auch in Zukunft nicht werden, ist von Känel, ein passionierter Jäger, überzeugt. Schliesslich fällt der Beginn seines Ruhestandes mit dem Start der Jagdsaison zusammen. Aber auch neben der Jagd sei er gerne in der Natur und wolle sich mehr Zeit für Ausflüge nehmen. Die gewonnene Freizeit will er für die Erfüllung von Grossvaterpflichten mit den insgesamt acht Grosskindern nutzen. Von Känel interessiert sich auch für Sport – speziell Fussball und Schwingen. «Das lässt sich auch kombinieren: Ein Grossbub ist neuerdings Jungschwinger.»

Seinem Nachfolger rät von Känel, das eigene Ego zurückzustellen. «Man muss für die Bürger da sein. Und sie ernst nehmen, auch wenn sie manchmal mit unerfüllbaren Wünschen kommen.» Und auf die Gemeinde würden einige happige Herausforderungen warten. Etwa die Verbauung des Suldbachs und die Lösung der Schulraumfrage.

Berner Oberländer

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