Der Borkenkäfer ist erwacht

Durch das Fallholz, das die Januarstürme zurückgelassen haben, erhält der Borkenkäfer eine gute Nahrungsgrundlage. Forstunternehmer arbeiten im Moment unter Hochdruck.

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Das warme Wetter der letzten Tage hat die Menschen ins Freie gelockt, sie lassen sich die Sonnenstrahlen ins Gesicht scheinen, um die Winterblässe endgültig zu vertreiben. Auch in der Natur spriesst und wächst das junge Grün, Blätter, Knospen, Blüten erwachen aus dem Winterschlaf.

Erwacht ist mit den steigenden Temperaturen aber auch ein Schädling in den Wäldern – der Borkenkäfer. Steigt das Thermometer einige Tage nacheinander auf über 16 Grad, erwacht der ­Käfer, der den Winter im Boden verbracht hat, und begibt sich auf Nahrungssuche.

Und diese Nahrung findet er aktuell zuhauf in vielen Wäldern der Region Bern, die zum Teil noch gezeichnet sind von den Januarstürmen Evi und vor allem Burglind.

Bäume werden gerüstet

Es rumort im Gehölz des Ostermundigerwaldes. Schon von weitem sieht und hört man die imposante Maschine, den Harvester, der Baumstämme hin und her schiebt, von Ästen befreit und in Stücke schneidet. Es ist die Maschine, die die Arbeitsleistung von acht Personen ersetzt und den Beruf sicherer macht, die aber mit 600'000 Franken auch ihren Preis hat.

Marc Walther, Geschäftsführer des Forstunternehmens Woodex, hantiert geschickt mit dem Arm der Maschine. Mithilfe der Kettensäge von Forstwart Marcel Steinhauer werden die gebogenen, abgebrochenen oder abgestorbenen Bäume nach und nach «gerüstet» und für die Weiter­verarbeitung bereitgestellt.

Abwehr fehlt

Die Ecke im Wald leidet unter ihrer exponierten Lage am Hang bei der Rüti und ist Winden und Stürmen, wie sie im Winter durch die Region gefegt sind, ausge­liefert. «Die Fichte ist dabei am stärksten betroffen, denn sie hat kein stabiles Wurzelwerk», erklärt Christian Gränicher, Präsident der Schweizer Forstunternehmer.

«Die Fichte war von den Stürmen am stärksten betroffen, denn sie hat kein stabiles Wurzelwerk.»Christian Gränicher, Forstunternehmer

Wird eine solche Rottanne, auch Fichte genannt, nun durch einen Sturm beschädigt oder durch sonstige Naturereignisse geschwächt, schlägt die Stunde des Borkenkäfers. «Der Käfer bohrt ein Loch in die Borke, also die Rinde des Baumes, um die Nährstoffe darunter aufzunehmen», sagt Gränicher. Ist der Baum gesund, produziert er als Abwehr Harz, in welchem der Borkenkäfer ertrinkt.

Wenn die Fichte aber schwach ist, kann sie nicht genügend der rettenden Flüssigkeit absondern. «Es ist wie bei uns Menschen, wenn wir angeschlagen sind, funktionieren unsere Abwehrmechanismen auch nicht mehr so gut», sagt Gränicher. Hat sich der Borkenkäfer einmal eingenistet, legt er 30 bis 40 Eier unter die Rinde.

Die Larven, die daraus entstehen, fressen Rillen zwischen Borke und Holz. Diese Rillen unterbrechen den Wasserfluss des Baumes, und dieser kann nicht mehr richtig genährt werden. Der Stamm verfärbt sich bläulich. «Wenn das passiert, hat das Holz fast keinen Wert mehr.»

Und genau das ist bei der Fichte ein grosses Problem, denn diese zählt bei den Forstunternehmen, die vom Holzverkauf leben, als «Brotbaum». «Die Fichte wächst schön gerade, deshalb können wir viel von ihrem Stamm als Bretterholz verkaufen», erklärt Gränicher, der ein Forstunternehmen in Oberwil bei Büren führt.

Aus eins wird eine Million

In den letzten dreieinhalb Monaten nach Sturm Burglind standen die Unternehmen aus diesem Grund ganz besonders unter Zugzwang. «Das ganze Fallholz, das in den Wäldern liegen geblieben ist, bietet dem Borkenkäfer ein grosses Potenzial», so Christian Gränicher.

Bei trockenen und heissen Bedingungen kann sich in einer Saison aus einem Käfer eine Population von einer Million Schädlingen entwickeln. Denn aus einem Käfer können sich mehrere Generationen bilden.

Ein Baum, der abgebrochen am Boden liegt, sondert einen Geruch ab, der den Borkenkäfer anzieht. Dieser setzt sich fest und vermehrt sich dort. Die Population kann in der Folge nur vermindert werden, wenn es genügend Niederschläge gibt, die den Baum einerseits stärken und durch die der Käfer andererseits von Pilzen befallen wird. Passiert das nicht, kann die Generation von Käfern bis zu einer Saison ­leben und Eier legen.

Vage Schätzungen

Das gleiche Problem kennt auch der Staatsforstbetrieb des Kantons Bern. «Wir befinden uns im Nutzwald, das Holz ist unser Kapital», sagt der betriebliche Förster André Jaussi. Damit die wichtige Ertragsquelle, also das Holz, nicht noch mehr an Wert verliert, haben die Waldbewirtschafter das Ziel, dieses möglichst in frischem Zustand auf den Markt zu bringen.

Der Kanton hatte nach Sturm Burglind die Vorgabe abgegeben, das Fallholz als vorbeugende Massnahme gegen den Käferbefall bis Ende April möglichst überall zu räumen. «Gleich nach dem Ereignis waren die Schätzungen über die Sturmschäden sehr vage», erklärt Jaussi.

Man habe sich erst mal organisieren müssen. Jeder Waldbesitzer ­wurde aufgefordert, die Schäden in seinem Gebiet zu kontrollieren und diese zu melden. «Wir bewirtschaften allein im Berner Mittelland 65 Waldeinheiten mit einer Gesamtfläche von 3200 Hektaren.» Burglind habe vor ­allem Streuschäden mit sich gebracht, so sei es noch schwieriger gewesen, eine Übersicht zu er­halten.

Die Arbeiten im Wald seien auf einem guten Stand. So wird es in den unteren Lagen voraussichtlich bis Ende Mai dauern, bis das ganze Fallholz aufgerüstet sein wird. «Und es wird wichtig sein, die Wälder gründlich auf einen allfälligen Borkenkäferbefall zu überprüfen, um rechtzeitig zu ­reagieren», erklärt Betriebsförster André Jaussi.

Nasser Sommer

Wie sich der Befall der Fichten genau entwickelt, wird der Sommer zeigen. «Aus Sicht eines Forstunternehmers wünsche ich mir einen nicht allzu trockenen und zu heissen Sommer», sagt Christian Gränicher. Das würde die Population der Borkenkäfer nicht sprungartig ansteigen lassen. «Auch wenn ich als Privatperson natürlich gerne heisse und sonnige Sommertage habe.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 23.04.2018, 19:53 Uhr

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