«Das Wissen steht nicht im Zentrum»

Interlaken

Heuer feiert das Bildungszentrum Interlaken (BZI) sein 125-Jahr-Jubiläum. Seit 1998 steht Urs Burri dem Institut vor. Er erklärt, welchen Stellenwert heute die Berufsbildung hat und was er von der Jugend von heute erwartet.

Urs Burri ist seit 18 Jahren Rektor des Bildungszentrums Interlaken. Das Ziel des Instituts sei es, die Jugendlichen arbeitsmarktfähig zu machen. Dabei stehe nicht das Wissen, sondern das Können im Zentrum.

Urs Burri ist seit 18 Jahren Rektor des Bildungszentrums Interlaken. Das Ziel des Instituts sei es, die Jugendlichen arbeitsmarktfähig zu machen. Dabei stehe nicht das Wissen, sondern das Können im Zentrum.

(Bild: Bruno Petroni)

Samuel Günter@samuel_guenter

Seit 18 Jahren stehen Sie dem BZI vor. Was hat sich in dieser Zeit geändert?Urs Burri:Der Stellenwert der Berufsbildung hat sich in der Gesellschaft verändert und ist markant gestiegen.

Weshalb?Das hat mit bildungspolitischen Reformen zu tun, die zur Attraktivität der Berufsbildung beigetragen haben. Die Einführung der Berufsmaturität, die Unterstellung der Ausbildung im Gesundheits- und Landwirtschaftsbereich unter das Berufsbildungsgesetz mit der Anrechenbarkeit der Bildungsabschlüsse bei einer Zweitausbildung eröffnen den Jugendlichen neue Perspektiven. Eine Lehre führt nicht mehr, wie es früher die Auffassung war, beruflich in eine Sackgasse ohne Aufstiegschancen. Das aner­kannte schweizerische Berufsbildungssystem bietet für jede praktische Tätigkeit einen Diplomabschluss, der Weiterbildungen und Berufswechsel ermöglicht.

Sie sagen, der Stellenwert der Lehre ist gestiegen, das Prestige einer akademischen Ausbildung mit Matura scheint aber höher zu sein.Ich zweifle nicht daran, dass diese Wahrnehmung noch in den Köpfen von einzelnen Eltern existiert. Tatsache ist aber, dass ein Umdenken, vor allem bei den Jugendlichen, stattgefunden hat. Diese Tendenz wird sich in den nächsten Jahren fortsetzen.

Wo sehen Sie die Berufsbildung im Vergleich zur Matura?Es geht nicht darum, die beiden Bildungswege gegeneinander auszuspielen. Beide haben ihre berechtigte Legitimation. Wir brauchen sowohl exzellente, akademisch ausgebildete Leute in der Forschung wie auch praktisch begabte Fachkräfte, die sich allenfalls über die höhere Berufsbildung oder die Fachhochschule weitergebildet haben.

Woher kommt es dann, dass ­viele Eltern glauben, für ihr Kind sei die Mittelschule der richtige Weg.Der akademische Ausbildungsweg, so die Meinung dieser Eltern, führe zwangsläufig zu einer vielversprechenden Berufskarriere. Tatsache ist aber, dass viele Unternehmungen heute Fachkräfte suchen, die ihre Tätigkeit von der Pike auf gelernt haben. Wir müssen vielleicht noch vermehrt das Bewusstsein schaffen, dass die Leistung eines erfolgreichen Lehrabschlusses entsprechend gewürdigt wird. Der junge Berufsmann oder die junge Berufsfrau muss stolz sein auf das Erreichte.

Wie möchten Sie das realisieren?Indem man, wie an Gymnasien, erfolgreiche Diplomierungen an Abschlussfeiern zelebriert. Als ich mein Amt antrat, ermunterte ich diejenigen Berufsverbände, die sich bis dahin noch nicht engagiert haben, solche Abschlussfeiern und Ehrungen zu organisieren. In der Zwischenzeit kenne ich keinen Verband mehr, der dies nicht aktiv unterstützt.

Was ist das Ziel der Ausbildung im BZI?Wir wollen die Jugendlichen arbeitsmarktfähig machen, ihnen das Rüstzeug mitgeben, dass sie im Arbeitsalltag bestehen und sich durchsetzen können. Viele glauben, dass es in der Berufsschule nur um das Vermitteln von Wissen geht. Das ist falsch. Nicht das Wissen, sondern das Können muss im Zentrum der Ausbildung stehen.

Wie meinen Sie das?Kurz vor dem 1. August sorgte eine Studie schweizweit für Aufsehen, weil eine Mehrheit der Schweizer gar nicht mehr wisse, was am 1. August gefeiert wird. Viele Jugendliche verstehen diese Aufregung nicht. Sie sehen nicht ein, weshalb man Sachen wissen soll, wenn man dies in wenigen Augenblicken anderweitig nachschlagen kann.

Was bedeutet das für die ­Schulen?Das Vermitteln von Wissen verliert zunehmend an Bedeutung. Der Lernende muss vielmehr den Beweis erbringen, dass er über die Fähigkeiten verfügt, in seinem Beruf zu bestehen.

Konkret?In den Gesundheitsberufen lernen die Auszubildenden eins zu eins, wie sie mit Pflegebedürftigen Gespräche führen müssen. Der Kochlehrling kocht an der Lehrabschlussprüfung sein Menü, realitätsentsprechend, von A bis Z in einer Küche. Das «Können» wird so in erster Linie beurteilt.

Das stellt neue Anforderungen an das Lehrpersonal.Ich persönlich bin mit einem Rechenschieber und der Logarithmentafel grossgeworden, spätere Generationen benutzten den Taschenrechner, und nun gibt es Smartphones mit all ihren Möglichkeiten. Wir sollen nun die Jungen im Umgang mit den neuen Medien ausbilden, wenn diese vielleicht kompetenter sind als ihre Lehrerinnen oder Lehrer. Das ist sehr schwierig. Das Problem wird sich aber mit der neuen Generation von Lehrkräften teilweise lösen.

Wie muss die Schule mit den Smartphones umgehen?Sie sind eine Tatsache und Teil des Alltags, deshalb kann es eigentlich nicht die Lösung sein, sie künftig aus dem Unterricht zu verbannen. Es ist unsere Aufgabe, Möglichkeiten zu finden, diese in den Unterricht sinnvoll einzubauen und den Lernenden im richtigen Umgang mit diesen Medien auszubilden.

Was sind die weiteren Herausforderungen?Sorge bereitet mir, die sich öffnende Schere zwischen bildungsstarken und bildungsschwächeren Lernenden. Gegen ein Zweiklassensystem im Bildungsbereich müssen wir uns zur Wehr setzen. Es ist eine Besonderheit unseres Bildungssystems, dass wir auch Schwächere zur Arbeitsmarktfähigkeit hinführen. Diese Stärke beeindruckte vor einiger Zeit eine Delegation hochrangiger Bildungsfachleute aus den USA, die unsere Schule besuchte. Es ist gesellschafts- und bildungspolitisch wichtig, dass wir möglichst alle Jugendlichen zu einem Abschluss bringen.

Wo sehen Sie das BZI bei seinem nächsten Jubiläum in 25 Jahren?Das ist schwierig vorherzusagen, weil sich die Gesellschaft und damit die Berufe momentan sehr schnell verändern. Ich weiss es nicht. Wenn ich zur Kenntnis nehmen muss, dass Ferien vermehrt über Airbnb gebucht, Waren über Amazon bestellt und deutsche Baustellen vor allem von polnischen Firmen betrieben werden, so kommt bei mir ein ungutes Gefühl auf. Diese Veränderungen werden logischerweise unsere Berufswelt und somit die Berufsbildung betreffen.

Das klingt pessimistisch.Eigentlich bin ich trotzdem sehr optimistisch, was die Zukunft bringt. Ich glaube und setze sehr auf unsere Jungen. Sie werden ganz bestimmt aktiv die Probleme zu lösen versuchen.

Und wird die Lehre weiterhin eine Rolle spielen?Das glaube ich schon. Man muss auch sehen, wie viel die Lehr­betriebe leisten. Heutzutage ist für Jugendliche das Zeitmanagement viel schwieriger, weil es auch mehr Möglichkeiten gibt. Bei der Arbeit im Lehrbetrieb erleben viele das erste Mal klare Tagesstrukturen. Wenn der Arbeitsbeginn um 7.30 Uhr ist, ist es eben um 7.30 und nicht um 8.10 Uhr. Und wenn Teamarbeit angesagt ist, arbeitet man zusammen, auch wenn man gerade lieber für sich allein wäre. Das tut den Jugendlichen gut und hilft der Gesellschaft.

Und was wünschen Sie sich von den Jungen?Vernetztes Denken, das heisst konkret, sich bei Entscheidungen mögliche Konsequenzen zu überlegen. Ist es nachhaltig, wie wir mit der Umwelt umgehen? Hat das Auswirkungen, auch in unserem Beruf, wenn wir nur noch online einkaufen. Sind wir uns bei politischen Abstimmungen über die Konsequenzen bewusst? Wir sind stolz auf unsere Demokratie und weisen gerne auf die Selbstverantwortung des Stimmvolkes hin, das Steuererhöhungen annimmt und zusätzliche Ferienwochen ablehnt. Ich bin nicht sicher, ob solche Entscheide heute noch mehrheitsfähig sind.

Berner Oberländer

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