Bönigen/Afrika

Das Rätsel um den Waggon in Madagaskar

Bönigen/Afrika Was macht ein Oberländer Zugwaggon in Madagaskar? Passagiere befördern. Aber wie kommt er nach Afrika? Das bleibt vorläufig ein Rätsel.

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Frank Konijn reist viel und gerne. Vor allem nach Afrika. Schon seit 35 Jahren verbringt er seine Ferien fast jedes Jahr auf dem Schwarzen Kontinent. Das macht er meistens in den Wintermonaten, wenn das Restaurant Pizpaz, wo der Holländer als Kellner arbeitet, etwas weniger Personal benötigt. So auch im vergangenen Winter, als der 50-Jährige von seinem Wohnort Bönigen aus erneut aufbrach, und zwar nach Madagaskar, dem zweitgrössten Inselstaat der Welt.

Wer so viel reist wie Frank Konijn, hat schon manches Abenteuer, schon manche Überraschung über- und erlebt. Doch was der erfahrene Weltenbummler dieses Mal auf der Insel im ­Indischen Ozean entdeckte, liess ihn staunen wie schon lange nicht mehr.

Für 163 Kilometer 12 Stunden

Es war in Fianarantsoa, der viertgrössten Stadt von Madagaskar. Von hier aus fährt dreimal in der Woche morgens um sieben Uhr ein Zug nach Manakara, der für die 163 Kilometer lange Strecke durch den Dschungel jeweils rund 12 Stunden benötigt. Das wollten sich Frank Konijn und seine Freundin nicht entgehen lassen. «Vor der Abfahrt herrschte auf dem Bahnhof reger Betrieb mit vielen Verpflegungsständen», erinnert er sich. Dann hiess es «Einsteigen!».

Die Waggons waren in drei Klassen eingeteilt. Während die meisten Einheimischen sich mit der 2. und der 3. Klasse begnügen mussten, konnten sich die wenigen Touristen die 1. Klasse leisten. Für Frank Konijn lohnte es sich gleich doppelt: erstens wegen des Sitzkomforts und zweitens wegen einer ganz besonderen Überraschung.

Fotos vom Berner Oberland

«Ich habe in Afrika bisher rund hunderttausend Kilometer in öffentlichen Verkehrsmitteln zurückgelegt», sagt Konijn. «Aber dieser Zugwaggon war schon sehr speziell.» Denn: «Plötzlich bemerkte ich einige Fotos an den Wänden – mit lauter Sujets vom Berner Oberland drauf, Berge, Seen und Gletscher!»

Da waren Schwarzweissfotos dabei mit deutschen Bildlegenden wie «Aletschgletscher vom Jungfraujoch aus» und «Wetterhorn von der Kleinen Scheidegg aus» sowie das ganze Jungfraumassiv. Und in Gelb der Hinweis: «In diesem Abteil kein Billetverkauf. Fahrgäste ohne gültigen Fahrausweis haben einen Zuschlag von Fr. 20.– zu entrichten.»

Aber auch das übrige Interieur erinnerte Frank Konijn an einen Oberländer Zug. «Die grün gepolsterten Sitzbänke aus Holz, ja die ganzen Abteile glichen sehr den mir vertrauten früheren Waggons der Wengernalpbahn. Doch aussen war der hellgrüne Wagen mit dem Firmensignet der Transport Fianarantsoa Cote Est, TFCE, und der Jahreszahl 1936 versehen.»

Nach seiner Heimkehr ins Oberland begab sich Konijn zusammen mit dem «Berner Oberländer» auf Spurensuche.

Weder WAB und BOB...

Erste Station war Gabriel Roth, Leiter Zugförderung und Werkstätten bei den Jungfraubahnen. Für ihn war aber rasch klar: «Es handelt sich hierbei mit Sicherheit nicht um Rollmaterial der Wengernalpbahn (WAB). Sie hatte zwar früher auch offene Plattformwagen im Einsatz, allerdings ist das Fahrzeug auf dem Bild wesentlich länger und vermutlich auch breiter.» Gemäss dem Internetlexikon Wikipedia handelt es sich in Madagaskar um eine Meterspurlinie; die WAB jedoch fährt auf einer 80 Zentimeter breiten Spur.

Gabriel Roth verglich Konijns Fotos zur Sicherheit auch noch mit altem Rollmaterial der Berner-Oberland-Bahnen (BOB). Aber: «Deren Plattformwagen waren ebenfalls wesentlich kürzer, und die Schweissnähte längs des Wagenkastens sind für unsere Bauformen untypisch.» Immerhin, so der Experte: «In den 50er-Jahren kamen bei den BOB tatsächlich SIG-Wagen mit Mitteltoilette wie beim Zug in Madagaskar zum Einsatz. Es ist aber in keinem der alten Rollmaterialverzeichnisse erwähnt, dass ein Wagen nach Madagaskar verkauft wurde.»

Hingegen seien sieben SIG-Wagen an die deutsche Brohltalbahn und fünf an die französische Museumsbahn Chemin de Fer de la Baie de Somme verkauft beziehungsweise verschenkt worden. Gabriel Roth: «Möglich ist es nun, dass eine dieser Gesellschaften einen Wagen nach Madagaskar weiterverkauft hat. Ich habe dazu aber keinen Beleg gefunden.»

...noch Brünigbahn

Oder könnte der mit den Oberländer Fotos geschmückte Waggon von der Zentralbahn stammen? Deren Leiter Produktion und Rollmaterial, Gerhard Züger, winkt aber ab: «Der auf den Fotos gezeigte Wagen ist nach interner Abklärung kein Wagen der Brünigbahn. Nach den Fotos in den Wagen zu urteilen, müsste es aus meiner Sicht ein Wagen der Wengernalpbahn oder BOB sein.»

So bleibt denn das Rätsel um den hellgrünen Zugwaggon von Madagaskar weiterhin ungelöst.

(Berner Oberländer)

Erstellt: 16.05.2016, 20:03 Uhr

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