Das Klima bereitet Mehrarbeit

Mit dreissig Dienstjahren ist Andreas Wyss mit Abstand der Dienstälteste auf dem Jungfraujoch. Was der erfahrene technische Leiter und Vorgesetzte von zwölf Mann über die lokalen Auswirkungen des Klimawandels sagt.

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Vor elf Jahren stand Andreas «Dres» Wyss bereits hier, im Bereich des Stollenausgangs am Jungfraujoch. Damals reichte der Schmelzprozess des Permafrostes bis 10 Meter in den Fels hinein; das Wasser rann durch die feinen Risse des Spritzbetons. Inzwischen reicht die Nässe noch 6 Meter weiter in den Stollen hinein, und die Betonwand ist im damals leicht aufgerissenen Bereich auf der gesamten Fläche durchnässt (siehe Bildstrecke). «So sah es schon im heissen Sommer 2015 aus und jetzt halt wieder», stellt Andreas Wyss fest.

Sicherheitsbedenken hat der Leiter des technischen Unterhalts und Sicherheitsbeauftragte auf dem Jungfraujoch jedoch keine, denn der 40 Meter dicke, zerklüftete Malmkalkmantel des 100 Meter hohen Sphinx-Felsens verhält sich recht ruhig, seit dieser vor acht Jahren mit 40 Ankern von je 14 Metern Länge für über 600'000 Franken stabilisiert worden ist. Trotzdem bröckelt immer wieder etwas ab. So stürzten im Winter vor drei Jahren 50 Kubikmeter Felsmasse auf die für Menschen ungefährliche Gletscheroberfläche hinab.

Letztes Jahr mussten Dres Wyss und seine Männer an dem der Sphinx vorgelagerten Felskopf, der seit zehn Jahren gänzlich ausgeapert ist und über dem viel begangenen Ausgangbereich des Stollens hängt, aus Sicherheitsgründen ein instabiles Felspaket von 10 Kubikmetern Grösse sprengen. Dieser Bereich wird mit grösster Aufmerksamkeit überwacht.

Dres Wyss selber sieht da oben jeden Tag bestätigt, was die Wissenschafter tagtäglich aus aller Welt berichten: «Mich als Naturmenschen interessieren diese Vorgänge natürlich.»

Jede Woche neu planieren

Was der Jungfraujoch-Besucher nicht sehen kann: Der Jungfraugletscher als oberster der zum Aletschgletscher gehörenden Teile verliert nicht in erster Linie an Länge, sondern vor allem an Masse. «So haben wir uns heute unterhalb des Sphinx-Felsens mit einigen Gletscherspalten herumzuschlagen – das war vorher nicht der Fall», sagt Wyss. «Und wenn wir nicht jede Woche die Schneerampe vor dem Stollenausgang mit dem Pistenfahrzeug frisch erhöhen würden, hätten wir hier schon längst eine Situation wie bei der Konkordiahütte.»

Diese nur sieben Kilometer südöstlich des Jungfraujochs stehende SAC-Hütte ist wegen des stark schmelzenden Aletschgletschers seit einigen Jahren nur noch über eine 100 Meter hohe Stahltreppe erreichbar. «Ein weiteres interessantes Indiz für den Rückgang der Gletschermasse ist die Tatsache, dass wir zum Betreiben des Schlittenförderbandes das Stromkabel immer mehr verlängern müssen.»

Elektronisch überwacht

Noch in diesem Jahr wird die Elektronik der zur Überwachung der Felsbewegungen wichtigen 15 Meter tief im Felsen verankerten Extensometer ausgewechselt. «Diese elektronischen Elemente waren nun über zehn Jahre lang extremster hochalpiner Witterung aus­gesetzt», so Wyss. Die vier permanent in den Berg eingelassenen, hochpräzisen Extensometer registrieren Felsbewegungen im Hundertstelmillimeterbereich und lösen bei grösseren Aktivitäten automatisch Alarm aus. (Berner Oberländer)

Erstellt: 12.08.2017, 08:53 Uhr

Zur Person

Nie zuvor stand er auf dem Jungfraujoch, der Andreas Wyss. Erst im April 1987 sah er als Mitbewerber erstmals seinen künftigen Arbeitsplatz. «Der für das Personalwesen der Jungfraubahn Zuständige gab mir aber bald zu verstehen, das sei ‹eppä niid fer me›», erinnert sich der 54-jährige gebürtige Oberhasler. Doch nur Tage später sei er wider Erwarten plötzlich engagiert gewesen, worauf er am 1. August 1987 seine neue Stelle als Leiter des technischen Unterhalts auf dem Jungfraujoch angetreten habe – gerade eben zum 75-Jahr-Jubiläum der Jungfraubahn und zur Eröffnung des neu erbauten Berghauses. 30 Jahre Jungfraujoch – «das heisst täglich neue Herausforderungen. Morgens, wenn ich mit der Jungfraubahn zur Arbeit fahre, weiss ich nie, was mich heute alles erwarten wird. Es ist ein Privileg und gleichzeitig eine grosse Herausforderung, da oben in der hochalpinen Natur arbeiten zu dürfen», sagt Wyss. Laufend steht ein neues Projekt oder eine Innovation an, und immer wieder müssen Wyss und seine zwölf Mann effiziente Lösungen für technische Probleme finden. Wyss war massgeblich am Aufbau der höchstgelegenen Feuerwehr Europas auf dem Jungfraujoch beteiligt und von 1989 bis 2012 auch deren Kommandant. «Als ich 1987 anfing, stand in der Bahnhofhalle ein kleiner Holzschrank mit zwei Feuerwehrhelmen – das war alles», sagt Wyss schmunzelnd, der sich in seiner Freizeit als Schafzüchter betätigt und gemeinsam mit seiner Ehefrau 40 Weisse Alpenschafe besitzt. Wenn Andreas Wyss mal abends den langen Heimweg nach Meiringen nicht antreten mag – was zwei- bis dreimal im Monat der Fall ist –, steht ihm auf dem Jungfraujoch ein eigenes Zimmer zur Verfügung.

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