«Dann wäre das ganze Gebäude eingestürzt»

Mürren

Heute Samstag jährt sich die schlimmste Nacht im Leben von Gottfried Bühler zum 50. Mal. Damals, am 5. November 1966, überstand der Steffisburger als Bauleiter des Drehrestaurants Piz Gloria auf dem Schilthorn einen veritablen Föhnsturm.

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Gottfried «Godi» Bühler steht am Geländer der Aussichtsplattform des Schilthorngipfels, 2970 Meter über Meer. «Genau hier stand sie, unsere Baubaracke.» Die Erinnerung in ihm ist so lebhaft, als wäre es erst gestern gewesen: «Und genau hier sassen wir am Abend dieses 5. November – ebenfalls einem Samstag – in unserer Unterkunft gerade beim Abendessen, als draussen der Guggiföhn loslegte. Plötzlich hob sich das Hüttendach an, obwohl dieses mit dicken Stahlseilen abgespannt war.»

Für Gottfried Bühler, den damaligen Bauleiter in Diensten der Frutiger AG, seine 25 Mann, die Köchin und eine Gehilfin begann eine lange, beängstigende Nacht: «Jedenfalls ging keiner von uns ins Bett, jeder hatte die Hände voll zu tun: Wir schoben Gerüstlatten vertikal in die vom Sturm entstandenen Lücken, drückten sie waagerecht und vernagelten sie mit den Dach- und Wandelementen», erzählt Godi Bühler.

«Die halbe Nacht lang nagelten  wir Holzbretter ­dazwischen, damit das Dach vom Föhnsturm  nicht noch ganz ­weggefegt wird.»Gottfried Bühler

«Nur so konnten wir verhindern, dass der mit Böenspitzen von 150 Stundenkilometern tobende Föhnsturm das Dach wegfegt, was zweifellos den Zerfall des ganzen Gebäudes zur Folge gehabt hätte; die Baracke wäre wie eine Kartonschachtel zusammengekracht. Unvorstellbar, was das für uns bedeutet hätte.»

Der nächste Morgen

Der Föhnspuk dauerte ganze neun Stunden, bis nachts um vier Uhr allmählich wieder Ruhe einkehrte und man auch sein eigenes Wort wieder verstehen konnte. Im Morgengrauen dann das grosse Staunen: «Die zwei Meter Neuschnee vom Vortag waren auf dem Gipfelgrat völlig weggefegt, das Terrain aper. In den Geländemulden hingegen lag meterweise Schnee.»

Da die Transportbahn ins Tal nach einem Seilüberschlag ausser Betrieb war, dem Bautrupp allmählich das Baumaterial ausging und der Winter bevorstand, beschloss Godi Bühler, gegen den Willen des verantwortlichen Architekten, die Baustelle einzuwintern und mit seinen 25 Leuten zu Fuss ins Tal zurückzukehren. «Ein Teil meiner Mannschaft schaufelte sich in Richtung Seewlifuhre und Birg hinunter einen Pfad durch die hohen, windverfrachteten Schneemassen, während ein paar Leute erst noch die Wintersicherung der Unterkunft und der Baustelle vornahmen.»

«Die Schilthornbahn wurde trotz unseres vorzeitigen Abstiegs vom Gipfel dann aber pünktlich am 14. Juni 1967 eröffnet.»Gottfried Bühler

Mit Stolz weist Godi Bühler heute noch darauf hin, «dass die Schilthornbahn trotz unseres vorzeitigen Abstiegs vom Gipfel dann aber pünktlich am 14. Juni 1967 eröffnet werden konnte. Wir sind gar paar Tage vor dem vorgegebenen Zeitplan mit unseren Arbeiten fertig geworden.»

Im Fokus der Medien

Das Schicksal der 26 auf dem Schilthorn blockierten und von der Umwelt abgeschnittenen Personen beschäftigte damals landesweit die Medien. So berichtete der «Berner Oberländer» in der Ausgabe vom 7. November 1966: «Die in einer Baracke lebenden Leute überstanden in der Nacht auf den Sonntag bange Momente, als sich trotz Drahtseilverankerungen das Barackendach aus den Fugen zu heben begann. Der Schaden konnte jedoch etwa um Mitternacht, ­also noch während des Sturmes, behoben werden. Am Sonntagmorgen waren die Leute auf dem Schilthorn wohlauf, und die Telephon- und Funkverbindungen mit der Talstation funktionierten tadellos. Durch den Sturm geriet auch die von der Station Birg der Schilthornbahn nach dem Gipfel führende Bauseilbahn, die von Personen nicht benützt werden darf, ausser Betrieb, weil sich über dem Steilhang Seile um einen mit Sandsteinen beladenen Karren ­gelegt hatten.»

«Die in einer Baracke lebenden Leute überstanden in der Nacht auf den Sonntag bange Momente, als sich trotz Drahtseilverankerungen das Barackendach aus den Fugen zu heben begann.»Berner Oberländer vom 7. November 1966

Das «Emmentaler Blatt» verkündete: «Entgegen früheren Meldungen ist durch den heftigen Föhnsturm nicht die Schilthornbahn selber beschädigt und ausser Betrieb gesetzt worden, sondern die provisorische Bauseilbahn.»

Alpine Erfahrung

Als Bauleiter für die Errichtung des Gipfelgebäudes Piz Gloria war der damals 25-jährige Godi Bühler von der Frutiger AG verpflichtet worden, «weil ich als Bergsteiger und Mitglied der SAC-Sektion Blümlisalp ausreichend Erfahrung im hochalpinen Raum hatte».

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